Nichts von all dem war der Fall. Die Luft roch so klar und frisch, wie sie an einem Sommermorgen nur riechen konnte, und alle Trümmer und Glassplitter waren längst fortgeschafft worden. Der Brand musste vor Tagen hier gewütet haben, wenn nicht vor Wochen, denn überall auf dem verkohlten Boden zeigten sich bereits wieder die ersten grünen Spitzen nachwachsender Grashalme.
»Er lernt dazu.«
Leonie erschrak, aber obwohl sie die Stimme nur ein paarmal gehört hatte, erkannte sie sie sofort wieder und zwang sich dazu, sich ruhiger umzudrehen, als ihr zumute war. »Mein Vater?«
»Wer sonst?«, gab Bruder Gutfried zurück. Er stand unmittelbar hinter Leonie, als wäre er buchstäblich aus dem Nichts erschienen, aber er sah nicht sie an, sondern die Ruine der Kirche. Auch wenn er es nicht aussprach - man sah ihm an, dass dieses Gotteshaus für ihn viel mehr gewesen war als nur ein Gebäude.
»Wollen Sie sagen, mein Vater hätte die Kirche angezündet?«, fragte Leonie mit schriller Stimme. »Das ist doch Quatsch! Das hätte er doch gar nicht nötig.«
»Oh, natürlich hat er sie nicht selbst angezündet«, antwortete Gutfried. »Die Feuerwehr hat den Brand gründlich untersucht. Eine der alten Leitungen hat einen Kurzschluss verursacht, der das Feuer ausgelöst hat. Das ist mit hundertprozentiger Sicherheit erwiesen. Aber wir wissen beide, wer dafür verantwortlich ist, nicht wahr?«
»Warum sollte er so etwas tun? Er hätte doch einfach dafür sorgen können, dass sie niemals gebaut wird.«
»Wozu dieses Risiko eingehen? Zu viele Leben würden beeinflusst, zu viele Erinnerungen müssten neu geschrieben werden, zu viele Entscheidungen rückgängig gemacht oder ins Gegenteil verkehrt.« Gutfried seufzte. »Er lernt dazu, Leonie. Er wird vorsichtiger. Und zugleich immer gefährlicher. Bald wird der Moment gekommen sein, da sein Tun gefährlich für diese ganze Wirklichkeit wird. Vielleicht ist der Schaden schon jetzt nicht mehr wieder gutzumachen.«
»Diese Wirklichkeit?«, hakte Leonie rasch nach. »Gibt es denn mehr als eine?«
»Unendlich viele«, erklärte Gutfried, beantwortete ihre nächste Frage aber mit einem Kopfschütteln, noch bevor sie sie überhaupt stellen konnte. »Das hier ist eure Wirklichkeit. Und sie allein zählt für euch. Aber ich weiß nicht, wie lange sie noch Bestand hat. Das Gefüge der Realität ist kompliziert und unendlich empfindlich.«
»Und was soll ich nun tun?«, fragte Leonie. »Ich kann ihm dieses verdammte Buch schließlich nicht mit Gewalt wegnehmen.«
Der fast kahlköpfige Geistliche antwortete mit einem bedrückten Lächeln. »Selbst wenn du es könntest, würde es nichts nutzen. Er ist im Moment der rechtmäßige Besitzer, weil seine Frau die Gabe nicht hat. Du könntest nur die Buchstaben ändern, nicht das, was sie bewirken.« Er schüttelte seufzend und sehr traurig den Kopf. »Nein, ich fürchte, so einfach ist es nicht. Du musst versuchen deinen Vater zur Vernunft zu bringen. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«
Ihren Vater zur Vernunft bringen! Leonie hätte beinahe gelacht. Seit ein paar Tagen kannte sie ihren Vater kaum wieder - er schien sich mit jeder Stunde mehr und mehr zu verändern. Sie schüttelte unglücklich den Kopf.
»Dann weiß ich auch nicht mehr, was ich noch tun soll«, seufzte Gutfried. »Außer hoffen und beten, dass unser Herr ein Wunder geschehen lässt.«
»Hat er das nicht schon?«, meinte Leonie. Gutfried sah sie fragend an, und Leonie wurde plötzlich wütend und rief: »Sie haben es doch selbst gesagt, oder? Nur wer über die Gabe verfügt, kann erkennen, was wirklich passiert. Und wie eine Frau sehen Sie eigentlich nicht aus.«
Gutfried lächelte. »Und jetzt glaubst du, ich wäre geschickt worden, um auf euch aufzupassen?«, vermutete er. »Ich muss dich enttäuschen, Leonie, falls du hoffst, dass ich ein paar Flügel unter meiner Soutane versteckt habe.«
»Aber Sie sind doch auch kein normaler Priester, oder?«, bohrte Leonie weiter.
Diesmal zögerte Bruder Gutfried spürbar, bevor er antwortete: »Vielleicht eine Art... Beobachter, wenn du so willst«, sagte er schließlich. »Mehr nicht. Es tut mir Leid. Selbst wenn ich eingreifen könnte, ich dürfte es nicht.«
»Und was soll ich jetzt tun?«, fragte Leonie.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Gutfried in einem Tonfall ehrlichen Bedauerns. »Geh zu deinem Vater und rede mit ihm. Er ist im Grunde ein sehr vernünftiger Mann und bestimmt kein schlechter Mensch. Er wird am Ende einsehen, dass das, was er tut, falsch ist.«
»Und warum warten wir dann nicht einfach ab?«, wollte Leonie wissen.
»Weil es dann zu spät sein könnte«, erwiderte Gutfried. »Für uns alle. Und nun stell bitte keine Fragen mehr, denn ich darf sie dir nicht beantworten. Ich habe jetzt schon mehr gesagt, als ich dürfte.« Er machte eine entsprechende Handbewegung. »Geh zu deinem Vater. Er ist auf dem Weg zur Altstadt, und sollte er dort eintreffen, dann ist er möglicherweise in Gefahr.«
»In Gefahr? Wieso?«
»Ich kann es dir nicht sagen«, meinte Gutfried bedauernd. »Es ist mir verboten, mich in eure Angelegenheiten zu mischen. Aber geh, schnell.«
Leonie verschwendete noch eine kostbare Sekunde damit, den vermeintlichen Pastor flehend anzublicken, aber sie las in seinen Augen, dass er nichts mehr sagen würde, und schließlich drehte sie sich um und ging; zunächst noch langsam, dann aber immer schneller und schließlich rannte sie, noch bevor sie die nächste Straßenkreuzung erreicht hatte. Selbst bei diesem Tempo würde sie mehr als eine Stunde brauchen, um ihr Ziel zu erreichen - ganz abgesehen davon, dass sie das niemals durchhalten konnte -, und Bruder Gutfried hatte keinen Zweifel daran gelassen, wie wenig Zeit ihr noch blieb.
Aber sie hatte ausnahmsweise einmal Glück: Schon nach einer knappen Minute kam ihr ein Taxi entgegen, das sie kurzerhand heranwinkte, und der Fahrer kannte sowohl das restaurierte Altstadtviertel als auch den Burgkeller.
Leonie nutzte die gut zwanzigminütige Autofahrt, um wieder zu Atem zu kommen und ihre Gedanken zu ordnen. Eines dieser beiden Vorhaben gelang ganz gut, das andere dafür überhaupt nicht. Je mehr sie über das Gespräch mit Gutfried nachdachte, desto weniger wusste sie, was sie jetzt tun sollte. Sie konnte ja schlecht zu ihrem Vater gehen und ihm erzählen, dass sie alles wusste und dass er ihr gefälligst das Erbe überschreiben und damit die Macht über Großmutters Buch geben sollte. Und selbst wenn sie es täte - so verwandelt, wie er seit ein paar Tagen war, würde er sie bestenfalls auslachen, vermutlich aber wütend werden.
Und es gab da noch etwas: An Bruder Gutfrieds Geschichte... stimmte etwas nicht. Leonie konnte nicht genau sagen was, aber das Gefühl war zu deutlich, um es zu ignorieren. Selbst wenn alles stimmte, was er ihr erzählt hatte, und Vater tatsächlich in der Lage war, jede Sekunde im Leben ihrer Großmutter zu verändern - wie konnte er damit die gesamte Wirklichkeit in Gefahr bringen? Das alles ergab keinen Sinn.
Als sie ihr Ziel erreicht hatte, ergab sich ein weiteres Problem: Leonie hatte nicht einen Cent eingesteckt, als sie das Haus verließ. Der Taxifahrer war wenig begeistert, als sie ihm erklärte, dass er sie wohl oder übel zu ihrem Vater begleiten musste, der die Rechnung begleichen würde, und als sie - um ihn zu beruhigen - hinzufügte, dass ihrem Vater das ganze Stadtviertel gehörte, vor dessen Ummauerung sie parkten, machte sie es eher noch schlimmer, denn der Fahrer glaubte ihr offensichtlich kein Wort. Leonie hätte es im umgekehrten Fall wohl auch nicht getan. Dennoch begleitete er sie, statt in der Taxizentrale anzurufen und sie von der Polizei abholen zu lassen, womit er im ersten Moment gedroht hatte.