Bei hellem Sonnenschein betrachtet, bot die Straße einen noch viel bizarreren Anblick als am Abend zuvor. Leonie sah jetzt, dass sie sich getäuscht hatte: Es gab auf den Dächern weder Satellitenschüsseln noch Antennen. Was sie dafür gehalten hatte, das waren in Wirklichkeit Wetterhähne und auf dem höchsten Dach sogar ein Storchennest, wie sie es bislang nur von Fotografien gekannt hatte. Auch die Fassaden der Häuser waren akribisch von jeglicher moderner Zivilisation gereinigt worden - es gab weder Klingelknöpfe noch Türdrücker und schon gar nicht etwas so Modernes wie eine Gegensprechanlage. Leonie hielt vergeblich nach dem bläulichen Flimmern eines Fernsehers hinter den Fensterscheiben Ausschau, aber das konnte natürlich auch einfach an der Uhrzeit liegen - wer setzte sich schließlich schon vormittags vor den Fernseher?
Der Taxifahrer, der dicht neben ihr herging und jeden ihrer Schritte mit Argusaugen bewachte, offensichtlich um zu verhindern, dass sie in einer unbeobachteten Sekunde in einer der schmalen Gassen oder durch eine Haustür verschwand, wurde immer ungeduldiger, zumal Leonie ihrerseits immer langsamer wurde. Sie war jetzt überhaupt erst zum zweiten Mal hier, und das einzige Gebäude, das sie wirklich kannte, war das Gasthaus. Sie fragte sich, was sie tun sollte, wenn sie ihren Vater nicht im Burgkeller fand - falls das Restaurant zu dieser Zeit überhaupt schon geöffnet hatte. Der Taxifahrer sah so aus, als ob ihm gleich der Kragen platzen würde, und falls der Burgkeller noch zuhatte, konnte sie noch nicht einmal den Wirt bitten, ihr die benötigte Summe vorzustrecken.
Ihre Befürchtungen erwiesen sich gottlob als grundlos. Sie entdeckte ihren Vater nicht im Burgkeller, sondern sogar auf der Straße davor. Er war in eine hitzige, von heftigen Gebärden begleitete Diskussion mit dem Wirt des Burgkellers und dem Feuerschlucker verstrickt, die gute Aussichten hatte, zu einer handfesten Auseinandersetzung zu eskalieren, wenn Leonie den Ausdruck auf den Gesichtern der beiden anderen Männer richtig deutete. Trotzdem atmete sie erleichtert auf und beschleunigte ihre Schritte. Im Moment war ihr ein schlecht gelaunter Vater immer noch lieber als ein Taxifahrer, der keinen Hehl daraus machte, dass er sie für eine Betrügerin hielt, die ihn um sein Geld prellen wollte.
Ihr Vater bemerkte sie, als sie nur noch wenige Meter von ihm und den anderen entfernt war. Er unterbrach das Gespräch mit den beiden Männern mit einer Geste, die Leonie nur noch als herrisch bezeichnen konnte, und der Ausdruck auf seinem Gesicht verdüsterte sich noch weiter, obwohl Leonie das noch vor einer Sekunde gar nicht für möglich gehalten hätte.
»Was willst du denn hier?«, war seine reichlich unfreundliche Begrüßung.
Leonie schluckte die ärgerliche Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag, und rief sich innerlich zur Ruhe, während sie ihren Vater bat, erst einmal das Taxi zu bezahlen.
»Taxi?«, fragte er verständnislos. Der Blick, mit dem er den Fahrer maß, war kaum freundlicher als der, mit dem er Leonie gerade begrüßt hatte, aber er sagte vorsichtshalber nichts, als er den Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes sah.
»Ich muss mit dir reden«, antwortete Leonie rasch. »Es ist wichtig. Deswegen bin ich mit einem Taxi gekommen.«
»Ja, und genau damit wirst du auch wieder fahren«, schnappte ihr Vater. Er wandte sich an den Fahrer. »Wie viel?«
Der Mann nannte eine Summe, die deutlich über der lag, die Leonie gerade auf dem Taxameter gelesen hatte, aber ihr Vater protestierte nicht, sondern zog ein Bündel Geldscheine aus seiner Hosentasche, zählte mehr als das Doppelte dieses Betrages ab und reichte es dem Fahrer. »Bringen Sie sie nach Hause«, sagte er unfreundlich. »Der Rest ist für Sie.«
»Ich denke ja nicht daran, wieder...«, begann Leonie, wurde aber sofort und in rüdem Ton von ihrem Vater unterbrochen.
»Du wirst auf der Stelle nach Hause fahren, junge Dame, und zwar ohne Widerrede. Und wenn nicht, dann wird diese Geschichte noch weit unangenehmere Folgen für dich haben, als sie ohnehin schon hat.« Er sah den Taxifahrer an und deutete dabei auf Leonie. »Nehmen Sie sie mit. Und Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich, dass sie auch zu Hause ankommt.«
»Sehe ich vielleicht aus wie Ihr Kindermädchen?«, fragte der Taxifahrer. Er schüttelte den Kopf. »Machen Sie Ihren Familienstress untereinander aus, aber ohne mich.«
Leonies Vater sah ganz so aus, als würde er im nächsten Moment vor Wut platzen, aber sein Gegenüber gab ihm gar keine Gelegenheit dazu. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging.
»Aber das ist doch...«, keuchte Vater. Er schluckte den Rest hinunter, fuhr mit einem Ruck zu Leonie herum und spießte sie mit Blicken regelrecht auf. »Darüber reden wir noch. Und jetzt bleib hier stehen und sag kein Wort, ist das klar?«
Zu ihrer eigenen Überraschung hörte sich Leonie mit einem kleinlauten Ja antworten - aber sie hatte ihren Vater auch noch nie so zornig wie jetzt gesehen. Sie bekräftigte ihre Zustimmung noch einmal mit einem hastigen Nicken, und Vater warf ihr noch einen bösen Blick zu, bevor er sich wieder umdrehte und die beiden anderen herbeiwinkte. Leonie fiel erst im Nachhinein auf, dass der Wirt genau wie Meister Bernhard respektvoll ein paar Schritte zurückgewichen war, vielleicht damit sie den peinlichen Streit zwischen ihrem Vater und ihr nicht mit anhören mussten.
»Ich denke, wir sind dann auch so weit fertig«, sagte Vater. »Ihr wisst also Bescheid, Meister Bernhard. Und seine Leute werden von Eurer Küche mit drei warmen Mahlzeiten am Tag versorgt, und lasst Euch nicht etwa einfallen, ihnen nur die Reste vorzusetzen, die die Gäste übrig lassen.«
Der Wirt nickte zwar zustimmend, aber seine Augen blitzten vor Zorn, und selbst Bernhard sah alles andere als zufrieden aus. Er setzte dazu an, etwas zu sagen, doch Leonies Vater kam ihm zuvor und fuhr ihn an: »Und Ihr, Meister Bernhard, lasst Euch nicht einfallen, jetzt noch mehr unverschämte Forderungen zu stellen. Ich erwarte eine besonders gute Vorstellung als Gegenleistung für diese Großzügigkeit - die Ihr im Übrigen nur dem Umstand zu verdanken habt, dass meine Tochter aus irgendeinem Grund einen Narren an Eurem Sohn gefressen hat.« Er wedelte ungeduldig mit den Händen. »Und nun geht. Ich denke, Ihr habt eine Nummer einzustudieren.«
Bernhard warf ihm noch einen gequälten Blick zu, aber dann hatte er es plötzlich sehr eilig, sich zu trollen, und auch der Wirt ging ohne ein weiteres Wort und sehr hastig davon. »Wunderbar«, sagte Vater, als die beiden außer Hörweite waren. »Ein ganz hervorragendes Timing, Leonie. Solltest du dir vorgenommen haben, meine Autorität zu untergraben, so ist dir das ganz ausgezeichnet gelungen.«
»Deine Autorität?«, wiederholte Leonie verständnislos.
»Was denkst du denn?«, fauchte ihr Vater. »Bei solchen Leuten muss man hart durchgreifen. Sie brauchen eine feste Hand.«
»Aber ich habe doch nur...«, begann Leonie.
»Ich weiß, dass du in bester Absicht gehandelt hast«, unterbrach sie ihr Vater. Er sprach noch immer laut, aber sein Tonfall wurde versöhnlicher. »Du hattest Mitleid mit diesem armen Jungen, das ist mir schon klar.« Er seufzte. »Aber glaub mir, du hast ihm damit keine Gefallen getan. Diese Leute sind...«, er suchte nach Worten, »... anders als wir. Du darfst keine Dankbarkeit von ihnen erwarten. Gutmütigkeit legen sie unweigerlich als Schwäche aus.«
»Übertreibst du es jetzt nicht ein bisschen mit dem Realismus?«, fragte Leonie. Sie sah sich demonstrativ um. »Nur weil es hier aussieht wie im frühen Mittelalter, muss man die Leute doch nicht gleich auch so behandeln.«
»Aber genau das erwarten sie«, antwortete Vater. »Für dich und mich ist Freiheit vielleicht das höchste Gut, wie man so schön sagt, aber sie wollen es gar nicht. Glaub mir, sie wären verloren, wenn man ihnen nicht sagen würde, was sie zu tun haben.« Er schien auf Widerspruch zu warten, und als er nicht kam, seufzte er noch einmal tief und wechselte das Thema. »Also, was ist so wichtig, dass du extra hierher gekommen bist?«