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Plötzlich fehlten Leonie die Worte. Vielleicht lag es an dieser sonderbaren Umgebung, vielleicht an der bizarren Szene, deren Zeuge sie gerade geworden war - sie fand mit einem Mal nicht mehr die Worte, um ihrem Vater klar zu machen, dass er in Gefahr war.

Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass sie selbst nicht mehr wirklich davon überzeugt war. Noch vor wenigen Minuten wäre sie gar nicht auf den Gedanken gekommen, Gutfrieds Behauptung zu hinterfragen, aber nun fühlte sie sich zunehmend unsicherer. Der Geistliche hatte etwas so Überzeugendes, dass man ihm einfach glauben musste.

»Du bist doch nicht nur hierher gekommen, um mich in eine peinliche Situation zu bringen, oder?«, fragte Vater, als Leonie weiterhin schwieg, entschärfte seine eigenen Worte aber auch sogleich durch ein Lächeln und ein versöhnliches Kopfschütteln. »Bitte, versuch mich zu verstehen, Leonie. Dieses Projekt ist sehr wichtig für mich... für uns. Wenn ich hier einen Fehler mache, dann kann das katastrophale Folgen haben.«

»Wie der Brand im Haus unserer Nachbarn?«, fragte Leonie. Diesmal antwortete ihr Vater nicht und Leonie nahm all ihren Mut zusammen und fuhr fort. »Das war nicht immer so, habe ich Recht? Es ist wirklich passiert, und du kannst dir nicht erklären warum, aber es hätte nicht passieren dürfen. Du hast irgendetwas in Großmutters Leben verändert und damit eine Kettenreaktion ausgelöst, an deren Ende diese Katastrophe stand. Und vielleicht noch andere, von denen wir gar nichts wissen.«

»Ich verstehe überhaupt nicht, wovon du redest«, antwortete ihr Vater. Sie konnte regelrecht sehen, wie seine Laune sank. Der versöhnliche Ton war wieder aus seiner Stimme verschwunden, seine Worte klangen spröde. »Was soll der Unsinn? Hast du irgendwelche Drogen genommen oder findest du das vielleicht witzig?«

»Aber sie hat doch Recht, Klaus.« Eine schlanke, dunkelhaarige Frau in einem modischen, schwarzen Kostüm trat unmittelbar neben Vater aus einer schmalen Gasse und sah erst ihn und dann, etwas nachdenklich, Leonie an. »Ich weiß zwar nicht genau, wovon deine Tochter spricht, aber dir sollte doch klar sein, dass du etwas Schreckliches auslösen wirst, oder?«

»Theresa?«, murmelte Leonie. Mit einem Mal hatte sie ein ungutes Gefühl. Ein sehr ungutes Gefühl.

Die dunkelhaarige Frau sah sie noch einmal und diesmal sehr nachdenklich an. »Kennen wir uns?«, fragte sie. Leonie stellte erschrocken fest, dass sie sich verändert hatte. Sie war nicht älter geworden oder jünger, aber in ihrem Gesicht war ein harter Zug, den es zuvor nicht darin gegeben hatte, und das warme Lächeln, das immer irgendwo auf dem Grund ihrer Augen gewesen war, war ebenfalls erloschen.

»Was wollen Sie hier?«, fragte Vater unfreundlich. »Habe ich mich gestern Abend nicht deutlich genug ausgedrückt?«

»Ich dachte, ich könnte noch einmal vernünftig mit dir reden«, antwortete Theresa. »Aber ich fürchte, diese Hoffnung war wohl vergebens.«

»Ja, das scheint mir auch so«, sagte Leonies Vater kühl. »Wenn ich Sie jetzt bitten dürfte zu gehen. Das ist hier alles Privatbesitz und ich erteile Ihnen hiermit offiziell Hausverbot.«

Theresa lachte bitter. »Du bist bescheidener, als ich dachte. Nur ein paar Straßen... Warum nicht die ganze Stadt oder gleich das ganze Land? Aber was nicht ist, kann ja noch werden, nicht wahr?« Sie schüttelte den Kopf. »Wir werden das nicht zulassen, Klaus. Wir können es nicht.«

»Darf ich das als Drohung auffassen?«, fragte Vater. Er wartete Theresas Antwort gar nicht ab, sondern setzte ein grimmiges Lächeln auf und klatschte zweimal rasch hintereinander in die Hände. Die Tür des Burgkellers flog auf und zwei Männer stürzten heraus und nahmen rechts und links von Theresa Aufstellung. Sie waren sonderbar gekleidet: Pluderhosen, ein Wams mit weiß-roten Längsstreifen und Stulpenstiefel und auf ihren Köpfen trugen sie eng anliegende Pickelhauben aus Kupfer. Beide waren bewaffnet: An ihren Gürteln baumelten kurze Schwerter und in den Händen trugen sie Hellebarden, die eine unangenehme Erinnerung in Leonie wachrufen wollten, ohne dass es ihnen gelungen wäre oder Leonie gewusst hätte warum.

»Die Stadtwache wird Sie zurück zum Tor begleiten«, meinte Vater kühl. »Sollten Sie dieses Gelände noch einmal betreten oder mich und meine Familie in irgendeiner anderen Form belästigen, behalte ich mir weitere rechtliche Schritte vor. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Mehr als genug«, antwortete Theresa verächtlich. »Du hast es nicht anders gewollt.«

Leonies Vater gab einem der bunt gekleideten Soldaten einen Wink. Der Mann wollte Theresas Arm packen, aber sie riss sich mit einer wütenden Bewegung los, warf trotzig den Kopf in den Nacken und ging mit so schnellen Schritten davon, dass die beiden Männer der Stadtwache Mühe hatten, ihr zu folgen.

»Stadtwache?«, fragte Leonie verstört.

»Ein privater Sicherheitsdienst«, antwortete ihr Vater, ohne den Blick von Theresa zu lösen, die sich rasch in Richtung des Stadttores entfernte und dabei noch ein paarmal zu ihnen zurücksah.

»Sie... sehen ziemlich echt aus«, bemerkte Leonie unbehaglich.

»Wenn sie schwarze Uniformen und Funkgeräte an den Gürteln trügen, wären sie wohl erst recht unpassend angezogen, nicht wahr?«, grollte Vater. Theresa und ihre beiden Begleiter waren inzwischen außer Sicht, aber er blickte noch eine ganze Weile in ihre Richtung, ehe er sich mit grimmiger Miene wieder an Leonie wandte und gleichzeitig in die Jackentasche griff.

»Fahren wir nach Hause.« Er zog die Autoschlüssel hervor. »Ich muss ein paar Telefonate führen.«

Leonie schloss sich ihm kommentarlos an. Sie war beinahe erleichtert, dass ihr Vater im Moment viel zu aufgeregt zu sein schien, um sie noch einmal nach dem Grund ihres Kommens zu fragen. Nicht nur weil es ihr immer schwerer fiel, diesen Grund selbst zu benennen; sie fühlte sich auch mit jedem Moment weniger wohl in dieser Umgebung. Gestern Abend war ihr dieser liebevoll restaurierte Straßenzug toll vorgekommen, eine Idee, die ihr mindestens so gut gefiel wie ihrem Vater (auch wenn sie das niemals in seiner Gegenwart zugegeben hätte), und als sie vorhin hier eingetroffen war, zumindest noch interessant. Mittlerweile begann sie zu ahnen, warum man die Zeit, der diese Gebäude nachempfunden waren, das finstere Mittelalter nannte. Als sie durch den spitzen Torbogen traten, hatte sie das Gefühl, plötzlich wieder freier atmen zu können.

Ihr Vater beschleunigte seine Schritte, um den Wagen zu erreichen, der gut hundert Meter entfernt abgestellt war. Auch Leonie ging schneller, aber ihre Aufmerksamkeit galt nicht dem silberfarbenen Cabriolet ihres Vaters, vielmehr hatte sie plötzlich das unangenehme Gefühl, angestarrt zu werden.

Niemand beobachtete sie, aber als sie die Straße überquerte und zur Beifahrerseite des Wagens ging, sah sie etwas, das sie für einen Moment erstarren ließ.

Theresa hatte die Altstadt verlassen, doch sie war nicht besonders weit gekommen. Ihre beiden Begleiter in den albernen Kleidern waren verschwunden, aber Theresa war dennoch nicht allein. Ein kleinwüchsiger Mann mit ungepflegtem krausen Haar und in ebenso ungepflegten zerrissenen Kleidern stand direkt neben ihr. Theresa redete heftig auf ihn ein, aber Meister Bernhard schien Mühe zu haben, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Sein Blick irrte immer wieder nach rechts und links, tastete über die Fassaden der Häuser, die Passanten und Automobile, und wenn Leonie auch nur einen einzigen vernünftigen Grund dafür hätte nennen können, dann hätte sie geschworen, dass das, was er sah, ihn mit panischer Angst erfüllte.

Der Überfall

Sie sah ihre Eltern erst zum Abendessen wieder, das nicht nur in angespannter, wortkarger Atmosphäre stattfand (was in letzter Zeit nichts Neues war), sondern auch gerade mal zehn Minuten dauerte, bis Leonie sich unter einem fadenscheinigen Vorwand zurückzog und wieder nach oben ging. Ihr Zimmer kam ihr so still und abweisend vor wie eine Gruft; und auch ebenso leer. Selbst der kleine Schuhkarton auf dem Schreibtisch war verwaist. Conan hatte sich den ganzen Tag über nicht blicken lassen, sodass Leonie schon angefangen hatte sich Sorgen um die Maus zu machen - oder es zumindest ernsthaft getan hätte, hätte sie am Morgen nicht mit eigenen Augen gesehen, dass ihr kleiner Freund ganz gut in der Lage war, sich seiner Haut zu wehren; genauer gesagt: seines Fells. Wenn sie sich um einen der vierbeinigen Bewohner des Hauses Sorgen machen musste, dann vermutlich eher um Mausetod.