Dennoch vermisste sie Conan. Die Anzahl der lebenden Wesen in ihrer Umgebung, denen sie wirklich vertrauen konnte, bewegte sich in letzter Zeit zu drastisch nach unten, als dass sie es sich hätte leisten können, auch nur noch einen einzigen Freund zu verlieren.
Sogar wenn es nur eine Maus war.
Mit dem Gedanken an Conan schlief sie ein, und da sie auch mit demselben Gedanken wieder aufwachte, merkte sie im ersten Moment nicht einmal, dass sie geschlafen hatte und schon gar nicht wie lange. Aber die Leuchtziffern des Digitalweckers behaupteten, dass es schon ein gutes Stück nach Mitternacht war.
Dafür spürte sie umso deutlicher, dass sie nicht von selbst erwacht war. Etwas hatte sie geweckt: ein Geräusch, nicht einmal sehr laut, aber so fehl am Platz, dass sie allein diese Disharmonie aus dem Schlaf gerissen hatte. Und es hielt immer noch an. Etwas wie ein Kratzen - vielleicht nicht ganz, aber dieser Vergleich schien es immer noch am besten zu treffen -, das von unten heraufdrang.
Leonie schwang die Beine aus dem Bett, setzte sich auf und lauschte einige Minuten mit angehaltenem Atem. Wie oft, wenn man versuchte, sich auf ein ganz bestimmtes Geräusch zu konzentrieren, schien es im ersten Moment eher leiser zu werden, aber es war eindeutig da und es gehörte ganz eindeutig nicht hierher. So vorsichtig wie möglich, um nicht ihrerseits ein verräterisches Geräusch zu machen, stand sie auf und schlich zur Tür, aber sie hatte gerade die halbe Strecke zurückgelegt, als sie ein weiteres Geräusch hörte, diesmal vom Fenster her. Alarmiert drehte sie sich um und stieß einen kleinen erschrockenen Schrei aus.
Vor dem Fenster hockte eine buckelige, schwarze Gestalt, die sie aus glühenden Augen anstarrte.
Dann verging der erste Augenblick des Schreckens. Die glühenden Augen erloschen und da war auch kein buckeliges Monster mehr. Der Schatten blieb, aber es war jetzt nur noch der Umriss eines Menschen, der - beunruhigend genug - auf dem Garagendach draußen hockte, von dem aus man nur zu ihrem und dem Fenster des Zimmers gelangen konnte, das ihr kleiner Bruder vor seinem Tod bewohnt hatte und das ihre Mutter vor ein paar Jahren schweren Herzens leer geräumt hatte. Der Schemen saß vor ihrem Fenster und sah zu ihr herein. Seltsamerweise hatte sie überhaupt keine Angst.
Das Geräusch wiederholte sich, und als Leonie jetzt genauer hinsah, war seine Ursache auch ganz deutlich: Die Gestalt draußen klopfte mit den Fingern leise gegen ihre Scheibe und begehrte auf diese Art offensichtlich Einlass.
Unter normalen Umständen hätte Leonie den Teufel getan, jemanden, der vom Garagendach gegen ihre Fensterscheibe klopfte - noch dazu mitten in der Nacht! -, hereinzulassen. Aber sie empfand keinerlei Angst, sondern war sich im Gegenteil ganz sicher, dass sie von dem Schatten dort draußen nichts zu befürchten hatte. Ihre Schritte stockten nicht einmal, als sie zum Fenster ging und es öffnete. Der Schatten glitt mit einer fließenden Bewegung zu ihr herein und sprang zu Boden, ohne auch nur das mindeste Geräusch zu verursachen. Gleichzeitig hob er die Arme, um die schwarze Kapuze zurückzustreifen, die sein Gesicht bisher verborgen hatte.
»Maus!«, rief Leonie überrascht. »Was tust du denn hier?«
»Ich bin gekommen, um Euch zu warnen, edles Fräulein«, antwortete der magere Junge. Selbst in dem praktisch nicht vorhandenen Licht hier drinnen konnte Leonie die Angst erkennen, die seine Augen erfüllte. »Bitte schlagt mich nicht. Ich bin nicht hier, um Euch etwas zuleide zu tun oder zu stehlen.« Er hob schützend die Hände vors Gesicht und wäre ganz bestimmt ein paar Schritte vor ihr zurückgewichen, hätte er nicht sowieso schon mit dem Rücken an der Wand gestanden.
»Dann hättest du wohl auch kaum angeklopft, oder?«, fragte Leonie. »Nimm die Hände runter. Ich habe nicht die Absicht, dich zu schlagen. Was soll das heißen: mich zu warnen? Wovor?«
Maus nahm die Hände zwar herunter, aber nicht ganz, und die Angst verschwand auch nicht aus seinen Augen. »Ihr müsst gehen, edles Fräulein«, stieß er hervor. »Rasch, bevor die anderen hier sind. Ich fürchte, sie könnten Euch sehr wohl etwas zuleide tun.«
»Welche anderen?«, fragte Leonie. »Und hör mit diesem dämlichen edles Fräulein auf! Mein Name ist Leonie. Also: Von welchen anderen sprichst du?«
Maus schluckte ein paarmal, um seine Angst niederzukämpfen, bevor er antwortete. »Meister Bernhard, Maria, Thomas und seine Schwester Luise.«
Die drei letzten Namen sagten Leonie nichts, aber sie nahm an, dass Maus von der kompletten Gauklertruppe sprach, die sie im Burgkeller und danach in der Scheune getroffen hatte. »Sie sind unterwegs hierher?«, vergewisserte sie sich. »Aber warum?«
»Das weiß ich nicht, ed... Leonie.« Leonie konnte hören, wie schwer es dem Jungen fiel, ihren Namen auszusprechen. »Die fremde Dame hat mit Meister Bernhard gesprochen, nicht mit mir. Sie hat ihm einen Auftrag gegeben. Ich weiß nicht welchen, aber es geht um Euren Vater. Und etwas, das sich in seinem Besitz befindet.«
»Das Buch!«, rief Leonie erschrocken.
»Ich weiß es nicht«, wiederholte Maus. »Aber ich habe gehört, wie Meister Bernhard über Euch gesprochen hat.«
»Über mich? Was hat er gesagt?«
»Er ist ein schlechter Mensch«, fuhr Maus fort, ohne ihre Frage zu beantworten. »Die edle Dame hat gesagt, dass Euch und den Euren nichts geschehen darf, aber ich kenne Meister Bernhard. Habt Ihr nicht bemerkt, wie er Euch angesehen hat, als Ihr bei uns in der Scheune wart?«
Leonie verneinte, aber Maus nickte nur noch heftiger. »Er will das Gold der fremden Dame nehmen, aber er nimmt sich auch sonst alles, was er haben will. Ich habe das schon erlebt. Schon oft.«
»Und du?«, fragte Leonie. »Was hast du damit zu tun?«
»Nichts«, erwiderte Maus hastig, dann, ohne sie anzusehen, verbesserte er sich: »Ich... soll Euer Schloss auskundschaften. Und ich... ich kann Türen öffnen.« Er klang verlegen, aber zugleich schwang auch ein hörbarer Stolz in seiner Stimme mit. »Es gibt kein Schloss, das ich nicht öffnen kann.«
»Du meinst, eure kleine Zirkusnummer ist nur Tarnung?«, sagte Leonie stirnrunzelnd. »In Wahrheit seid ihr nichts anderes als eine Bande von Dieben und Einbrechern? Und du gehörst dazu?«
»Aber ich muss es tun«, verteidigte sich Maus. »Meister Bernhard schlägt mich, wenn ich mich weigere. Ich bin klein genug, um durch jedes Fenster zu passen. Nur deshalb hat er mich überhaupt bei sich aufgenommen.«
»Maria ist also gar nicht deine Mutter?« Maus schüttelte den Kopf, und Leonie fuhr fort: »Und wieso bleibst du bei ihnen, wenn er dich zwingt, krumme Dinger zu drehen, und du zum Lohn auch noch Prügel bekommst?«
»Aber wo soll ich denn hin?«, fragte Maus. »Niemand gibt einem Bettler wie mir etwas. Ich würde verhungern oder in den Kerker geworfen.« Er schüttelte hastig den Kopf, als Leonie etwas sagen wollte. »Dazu ist jetzt wirklich keine Zeit. Ihr müsst Euch in Sicherheit bringen, bevor die anderen hier sind!«
»Weglaufen und meine Eltern im Stich lassen?« Leonie schüttelte heftig den Kopf. »Bestimmt nicht!«
»Aber was wollt Ihr denn tun?«
»Na was wohl?«, fragte Leonie. »Ich rufe die Polizei. Dein Meister Bernhard und seine Freunde werden sich wundern.« Sie trat an den Schreibtisch, hob den Hörer ab und wählte die ersten beiden Ziffern der Notrufnummer, bevor ihr auffiel, dass der Apparat stumm blieb. Abermals hängte sie ein, versuchte es noch einmal und sogar noch ein drittes Mal, bevor sie enttäuscht auflegte.