»Tot«, seufzte sie.
Maus sog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein. »Wer ist tot?«
»Niemand«, antwortete Leonie. »Die Leitung, Dummkopf. Hör endlich mit dem Theater auf. Wir sind hier nicht im Burgkeller.«
Maus verstummte gehorsam, sah aber zugleich so erschrocken und verstört aus, dass Leonie ihre groben Worte augenblicklich schon wieder bereute. Vielleicht hatte der arme Junge ja tatsächlich noch nie im Leben ein Telefon gesehen. Auch wenn das eigentlich nur bedeuten konnte, dass...
Leonie verscheuchte den Gedanken. Im Augenblick hatte sie ganz andere Sorgen. Dass das Telefon genau in diesem Moment ausfiel, konnte einfach kein Zufall sein. Aber so leicht gedachte sie sich auch nicht kalt stellen zu lassen.
»Wo wollt Ihr hin?«, fragte Maus erschrocken, als sie herumfuhr und zur Tür eilte.
»Vaters Handy«, antwortete Leonie grimmig. »Er lässt es immer in der Jackentasche unten in der Garderobe. Wollen doch mal sehen, ob sie die Funkverbindung auch durchgeschnitten haben.«
»Aber das dürft Ihr nicht!«, keuchte Maus. Mit einer Quirligkeit, die Leonie nie und nimmer erwartet hätte, sprang er hinter ihr her, packte sie am Arm und versuchte sie zurückzuhalten, aber er hatte seinen Spitznamen offensichtlich nicht umsonst. Leonie zerrte ihn einfach hinter sich her, riss mit der anderen Hand die Tür auf...
... und schlug einen halben Salto rückwärts, der sie auf das Bett schleuderte, als etwas mit furchtbarer Wucht ihr Gesicht traf.
Für einen Moment sah sie buchstäblich Sterne. Sie schmeckte Blut und hörte für zwei oder drei Sekunden nichts als das Hämmern ihres Herzens und das Rauschen ihres Blutes in den Ohren, und gleichzeitig spürte sie, wie sich unter ihren Gedanken ein bodenloser schwarzer Abgrund auftat, in den sie hineinzustürzen drohte. Nur mit äußerster Willensanstrengung gelang es ihr, nicht das Bewusstsein zu verlieren und die Augen zu öffnen.
Vielleicht war das gar keine so gute Idee. Das Erste, was sie sah, als sich die wirbelnden Schleier vor ihren Augen lichteten, war ein schmutziges Gesicht mit einem struppigen, schwarzen Vollbart, das kaum eine Handbreit über ihrem schwebte. Meister Bernhard kniete so über ihr, dass er ihre Arme mit den Knien auf das Bett nagelte, und hatte den rechten Arm gehoben, um sie noch einmal zu schlagen, sollte sie sich zur Wehr setzen. Leonie hatte allerdings nicht vor, etwas derart Dummes zu tun. Ihr dröhnte immer noch der Schädel von der ersten Ohrfeige, die Bernhard ihr versetzt hatte.
»Da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen, wie?«, fauchte Bernhard. »Wozu bist du eigentlich zu gebrauchen, du nichtsnutziger Bengel? Wirst nicht einmal mit einem Mädchen fertig!«
Die Worte galten Maus, der ebenfalls zu Boden gestürzt war und sich gerade wieder benommen in die Höhe arbeitete. Leonie drehte den Kopf in seine Richtung (der einzige Körperteil, den sie im Moment überhaupt bewegen konnte) und sagte so verächtlich, wie es ihr nur möglich war: »Mit dir kleiner Ratte rechne ich noch ab, verlass dich drauf!«
Bernhard schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, wenn auch nicht so hart wie zuvor. »Schweig!«, zischte er.
Leonie schwieg. Offensichtlich gehörte Bernhard zu den Menschen, denen es Spaß machte, andere zu schlagen, und sie hatte keine besondere Lust, ihm auch noch einen Vorwand dazu zu liefern. Zugleich hatte sie aber auch das verwirrende Gefühl, durchaus mit ihm fertig werden zu können. Meister Bernhard war mindestens doppelt so schwer wie sie, und sie hätte Maus’ Erklärung nicht gebraucht, um zu wissen, dass er jede Menge Erfahrung in Schlägereien hatte. Trotzdem hatte sie keine allzu große Angst vor ihm. Sie wusste mit einem Mal sogar, was sie tun musste, um sich nicht nur aus dieser scheinbar ausweglosen Lage zu befreien, sondern ihm auch eine wirklich böse Überraschung zu bereiten. Dabei hatte sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie geprügelt und verachtete Gewalt zutiefst.
Dann wurde ihr plötzlich klar, woher dieses Wissen stammte: In einer der zahllosen Identitäten, die ihr Vater in seinem Versuch erschaffen hatte, sich eine perfekte Tochter zu basteln, hatte sie mehrere Jahre lang koreanische Kampfkunst geübt und es dabei zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Ihr Vater hatte dieses Kapitel im Buch des Schicksals ebenso wieder gelöscht wie etliche andere, unzulängliche Versuche, die Wirklichkeit zu verändern, aber sie erinnerte sich jetzt an jede einzelne dieser verschiedenen Realitäten; und damit auch an den ersten Dan im Taekwondo, den sie erworben hatte. Ihr fielen auf Anhieb ein halbes Dutzend Möglichkeiten ein, Meister Bernhard das Leben schwer zu machen, obwohl er auf ihr kniete. Aber sie verzichtete darauf. Vielleicht war es ja klüger, wenn sie nicht alle ihre Trümpfe auf einmal ausspielte.
Meister Bernhard deutete ihr Schweigen offensichtlich falsch, denn er funkelte sie nur noch einen Moment lang drohend an und schwang sich dann von ihr herunter, wobei er sein ganzes Körpergewicht mit den Knien abstützte; wahrscheinlich ganz und gar nicht zufällig. Leonie keuchte vor Schmerz, aber sie blieb trotzdem noch einen Herzschlag lang liegen und richtete sich auch dann nur sehr langsam und umständlich wieder auf.
Bernhard hatte sich mittlerweile Maus zugewandt und versetzte ihm einen derben Stoß, der ihn um ein Haar erneut zu Boden geschleudert hätte. »Jetzt steh hier nicht nutzlos rum und halt Maulaffen feil«, fuhr er ihn an. »Geh nach unten und tu das, wofür ich dich bezahle!«
Maus fand sein Gleichgewicht mit Mühe wieder und fuhr hastig zur Tür herum, aber nicht ohne Leonie zuvor einen raschen dankbaren Blick zugeworfen zu haben. Leonie bezweifelte aber, dass ihre kleine Lüge ihm viel nutzen würde. So wie sie Bernhard einschätzte, würde er ihn trotzdem grün und blau schlagen, einfach nur, weil es ihm Freude bereitete.
»Was... was wollen Sie von mir?«, fragte Leonie mit perfekt gespielter Angst in der Stimme.
»Nicht das, wonach mir im Augenblick eigentlich der Sinn stünde, edles Fräulein«, antwortete Bernhard hämisch. »Oh, verzeiht - Ihr legt ja keinen Wert auf solche Förmlichkeiten. Steh auf.« Leonie gehorchte hastig, wich einen halben Schritt vor ihm zurück und verlagerte gleichzeitig ihr Körpergewicht auf das linke Bein; nur für den Fall, dass es sich Bernhard doch noch anders überlegen und zudringlich werden würde. Bernhard musterte sie jedoch nur noch einen Atemzug lang gierig, dann deutete er mit einer befehlenden Geste zur Tür.
»Geh! Und keine Dummheiten! Ich kann schneller laufen als Maus.«
Leonie verließ gehorsam das Zimmer und ging die Treppe hinunter, dicht von Bernhard gefolgt. Im ganzen Haus brannte Licht und sie hörte Geräusche und aufgeregte Stimmen aus dem Arbeitszimmer.
Auch dieser Raum war hell erleuchtet, und als Leonie ihn halb betrat und halb von Bernhard hineingestoßen wurde, bot sich ihr ein Anblick, der eine Flamme aus roter Wut in ihr emporlodern ließ. Ihre Mutter hockte mit angezogenen Knien auf dem Boden und sah angstvoll zu einer der beiden Frauen hoch, die sich drohend über ihr aufgebaut hatte. Bücher, Aktenordner und Papiere lagen überall in wirrer Unordnung herum, und die zweite Frau war damit beschäftigt, auch noch den Rest aus den Regalen zu reißen und alles zu durchwühlen. Der zweite Mann aus Bernhards Truppe hatte ein großes Messer gezückt und hielt ihren Vater damit in Schach. Offenbar hatte die Szene schon eine handgreifliche Vorgeschichte gehabt, denn Vaters Gesicht war leicht angeschwollen, und er presste ein Taschentuch unter seine Nase, das fast vollkommen mit dunkelrotem Blut vollgesogen war.
Bernhard beförderte sie mit einem unsanften Stoß in die gleiche Ecke, in der ihre Mutter saß. Es gelang Leonie mit einiger Mühe, sich auf den Beinen zu halten, und die Frau, die ihre Mutter bewachte, machte eine drohende Geste. Offenbar war sie der Meinung, sie beide gleichzeitig in Schach halten zu können. Leonie freute sich schon auf den Moment, in dem sie ihren Irrtum begreifen würde. Aber noch war es nicht so weit. Statt sich auf sie zu stürzen, spielte Leonie perfekt die Verängstigte und presste sich eng mit dem Rücken gegen die Wand.