»Beeil dich, Luise«, rief die Frau, die Leonie und Mutter bewachte. »Wir haben nicht alle Zeit der Welt!«
»Aber hier ist nichts!«, fauchte die ältere der beiden Frauen und fegte mit einer einzigen wütenden Handbewegung auch noch die letzten Bücher vom Regal. »Wo ist das Gold? Euer Silber und das wertvolle Besteck? Der Schmuck?«
»So etwas haben wir nicht«, sagte Leonie.
Maria ballte drohend die Faust und tat so, als wollte sie sie schlagen. »Lüg mich nicht an, Kleine!«, zischte sie drohend. »Wer ein solches Schloss bewohnt, der hat auch Schätze. Wenn du dein hübsches Gesicht behalten willst, dann solltest du uns lieber verraten, wo ihr sie versteckt.«
»Hör auf damit, Maria«, schnauzte Bernhard. »Du rührst sie nicht an, hörst du?«
Die Frau schenkte ihm ein verächtliches Lächeln, ließ den Arm aber gehorsam wieder sinken. »Keine Sorge. Ich würde nichts beschädigen, was du vielleicht noch brauchst.«
Bernhard quittierte die Bemerkung mit einem bösen Blick und wandte sich dann an Maus. »Worauf wartest du?«, fragte er mit einer herrischen Geste auf den Safe. »Tu deine Arbeit. Oder muss ich erst nachhelfen?«
Maus wandte sich gehorsam um und ging vor dem Geldschrank in die Hocke. Leonie konnte sein Gesicht nur von der Seite her sehen, obwohl er die Kapuze zurückgeschlagen hatte, aber sie sah trotzdem den verwirrten, fast schon hilflosen Ausdruck darauf. Er hatte einen Bund mit zahllosen unterschiedlichen Dietrichen unter dem Umhang hervorgezogen, aber der Anblick unterstrich seine Hilflosigkeit nur noch.
»Was ist?«, raunzte Bernhard. »Worauf wartest du?«
»Ich... ich habe so etwas noch nie gesehen«, murmelte Maus.
»Was soll das heißen?«, herrschte Bernhard ihn an. »Hast du dich nicht damit gebrüstet, jedes Schloss aufzubekommen?«
»Aber da ist überhaupt kein Schloss!«, verteidigte sich Maus. »Seht doch selbst! Da ist ja nicht einmal ein Schlüsselloch!«
Leonie konnte nur noch mit einiger Mühe ein schadenfrohes Grinsen unterdrücken. Maus hatte ganz offensichtlich noch nie im Leben einen Safe gesehen; und schon gar kein Zahlenschloss. Bernhard verfluchte ihn lauthals, stieß ihn mit einer groben Bewegung beiseite und beugte sich vor, um die Tresortür einer genaueren Musterung zu unterziehen.
»Was ist denn das für ein Teufelsding?«, knurrte er. Dann richtete er sich wütende auf und wandte sich an Leonies Vater. »Wie funktioniert diese Vorrichtung? Wo ist das Schloss?«
»Es gibt kein Schloss«, antwortete Vater ruhig. »Jedenfalls keines, das Ihr aufmachen könntet.«
»Dann brechen wir ihn eben auf!«
»Viel Spaß!«, wünschte ihm Vater.
Bernhards Miene verdüsterte sich noch weiter, aber er sagte nichts mehr, sondern fuhr wieder zu dem Geldschrank herum und maß den massiven, mehr als einen Meter messenden Stahlwürfel mit finsteren Blicken. »Dann wirst du ihn eben für uns aufmachen«, entschied er.
»Und wenn ich mich weigere?«, fragte Vater.
Bernhard lachte leise. »Das glaube ich nicht. Und solltet Ihr Euch entscheiden, den Helden spielen zu wollen, Meister Kammer, dann lasst Euch gesagt sein, dass Thomas hier ein wahrer Meister der Überredungskunst ist. Vor allem zusammen mit seinem Freund, dem Messer.«
Vater antwortete nicht, sondern starrte ihn nur trotzig an.
»Oder - und noch viel besser - wir bitten ihn und seinen Freund, sich ein wenig mit Eurer Tochter zu unterhalten«, schlug Bernhard vor. »Maria - bring sie her!«
Leonie fühlte sich grob am Arm gepackt und herumgezerrt. Ihr Vater wollte aufspringen, wurde aber von Thomas so derb zurückgestoßen, dass sein Sessel ächzte, und das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Leonie versuchte nicht sich loszureißen, sondern zerrte Maria ganz im Gegenteil mit einem plötzlichen Ruck zu sich heran, wirbelte herum und verlagerte gleichzeitig ihr Gewicht. Und Maria schien wie durch Zauberei den Boden unter den Füßen zu verlieren, segelte mit einem erschrockenen Kreischen durch die Luft und prallte gegen Luise, die sie mit sich zu Boden riss. Thomas fluchte, fuhr herum und riss sein Messer in die Höhe, aber genau darauf hatte Leonie gehofft. Noch ehe er wusste, wie ihm geschah, trat sie ihm mit solcher Wucht gegen das Handgelenk, dass das Messer in hohem Bogen davonflog. Thomas prallte zurück, umklammerte sein Gelenk und begann vor Wut und Schmerz zu schreien und Leonie wandte sich ihrem letzten verbliebenen Gegner zu. Der gesamte Angriff hatte nicht einmal zwei Sekunden gedauert, und Bernhard stand einfach da, glotzte sie mit offenem Mund an und versuchte vergeblich zu begreifen, was geschehen war.
Leonie gedachte nicht, ihm Zeit dafür zu geben. Der Anlauf war vielleicht ein bisschen kurz, aber sie stieß sich dafür mit umso größerer Kraft ab, ließ einen spitzen Kampfschrei hören und flog fast waagerecht auf Bernhard zu.
Es war ein Tritt wie aus dem Lehrbuch: Ihr linker Fuß traf Bernhards Brust, und nur einen Sekundenbruchteil später kollidierte ihr rechter Fuß mit so schrecklicher Wucht mit Bernhards Unterkiefer, dass sie meinte, seine Zähne brechen zu hören. Noch während der Gaukler zurücktaumelte, prallte Leonie auf dem Boden auf, kam mit einer eleganten Rolle wieder auf die Füße und setzte ihm nach. Nicht dass sie es wirklich für notwendig hielt. Der Sprungtritt musste Bernhard wie einen Baum umgefällt haben.
Jedenfalls hätte er es sollen.
Unglückseligerweise stand Meister Bernhard nach wie vor fest auf beiden Füßen. Sein Mund blutete und auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus Schmerz, völliger Fassungslosigkeit und Wut, aber er weigerte sich, einfach umzufallen.
Doch was nicht war, konnte ja noch kommen. Leonie sprang ihn an, versetzte ihm zwei harte Schläge mit den Handballen gegen die Brust, die ihm die Luft aus den Lungen trieben, und ließ einen harten Tritt gegen sein Knie folgen. Bernhard grunzte vor Schmerz - und versetzte ihr einen Schlag mit dem Handrücken, der sie quer durch das Zimmer und gegen ein Bücherregal schleuderte, das unter ihrem Aufprall in Stücke brach. Unter einem Hagel aus Büchern, losen Blättern und Holzsplittern brach sie zusammen und kämpfte ein zweites Mal innerhalb weniger Minuten gegen die Bewusstlosigkeit, die sie in ihre schwarze Umarmung schließen wollte.
Diesmal war es Bernhard, der sie ins Bewusstsein zurückriss - und zwar buchstäblich. Mit einem brutalen Ruck zerrte er sie in die Höhe, stieß sie gegen die Wand und versetzte ihr drei Ohrfeigen, die sich anfühlten, als würde ihr die Haut in Streifen von den Wangen gerissen. Ganz instinktiv versuchte sich Leonie zu wehren. Sie spürte, wie ihre Fingernägel durch Bernhards Gesicht schrammten und tiefe Furchen darin hinterließen.
Bernhard boxte sie in den Magen. Es war kein leichter Schlag, nicht nur ein bloßer Reflex als Antwort auf ihre Kratzattacke, sondern ein brutaler, mit aller Macht geführter Hieb, der mit grausamer Wucht in ihrem Leib explodierte; und der Schmerz war das Entsetzlichste, was sie jemals erlebt hatte.
Sie war noch nie geschlagen worden, nicht so. Ihre Beine gaben einfach unter ihr nach, sie fiel auf die Knie, krümmte sich und wäre nach vorne gestürzt, hätte Bernhard nicht die Hand in ihr Haar gekrallt und ihren Kopf zurückgerissen. Leonie konnte sich nicht wehren. Sie konnte nicht einmal mehr schreien, obwohl der Schmerz immer schlimmer wurde statt abzunehmen, denn der Hieb hatte ihr zugleich die Möglichkeit genommen, zu atmen. Sosehr sie sich auch anstrengte, sie bekam keine Luft. Alles rings um sie herum begann durcheinander zu stürzen. Geräusche, Bilder und Empfindungen schossen ineinander, und sie übergab sich nur deshalb nicht sofort auf Bernhards Schuhe, weil ihre Innereien dafür viel zu verkrampft waren. Und die Atemnot wurde immer qualvoller. Leonie begriff, dass sie ernsthaft in Gefahr war, zu ersticken.