Mit einem Mal schien irgendetwas in ihr zu zerbrechen. Der Schmerz war beinahe noch schlimmer als alles, was sie zuvor erlebt hatte, aber jetzt konnte sie wenigstens wieder atmen. Leonie rang mit einem schrecklichen rasselnden Laut nach Luft und fiel schwer vornüber aufs Gesicht, als Bernhard endlich ihr Haar losließ. Als sie auf die Seite rollte und sich krümmte, versetzte er ihr noch einen Fußtritt gegen die Oberschenkel, aber das spürte sie kaum noch.
Leonie konnte hinterher nicht sagen, wie lange es gedauert hatte. Irgendwann konnte sie wieder Luft holen, ohne dass es sich anfühlte, als versuchte sie Rasierklingen zu atmen, und nicht lange danach begann auch der Schmerz in ihren Eingeweiden ganz allmählich nachzulassen. Sie ließ noch eine kurze Weile verstreichen, aber schließlich öffnete sie behutsam die Augen und versuchte mit zusammengebissenen Zähnen sich hochzustemmen. Anscheinend war doch mehr Zeit verstrichen, als sie geglaubt hatte: Ihre Mutter saß zwar immer noch zusammengekauert in der Ecke und starrte mit leerem Blick vor sich hin, aber ihr Vater hockte vor dem Safe und drehte mit fliegenden Fingern am Zahlenrad. Thomas lehnte mit verzerrtem Gesicht daneben an der Wand, umklammerte sein geprelltes Handgelenk und starrte sie hasserfüllt an.
Auch Bernhard war nicht entgangen, dass Leonie den Kampf gegen die Ohnmacht gewonnen hatte. »Pass auf sie auf«, raunzte er Maus an. »Vielleicht bist du ja jetzt in der Lage, ihrer Herr zu werden.«
Maus war mit zwei, drei schnellen Schritten neben ihr und ließ sich in die Hocke sinken. Sein Blick war voller Sorge und Mitleid, aber es spiegelte sich auch etwas darin, das Leonie für Bewunderung gehalten hätte, wäre ihr auch nur der mindeste Grund für ein solches Gefühl eingefallen.
»Geht es?«, fragte er besorgt.
»Ich habe mich schon schlechter gefühlt«, gab Leonie gepresst zurück. Selbst das Sprechen tat ihr weh. »Ich weiß nur nicht mehr wann.«
Maus blinzelte verständnislos. Sein Sinn für Sarkasmus schien nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Leonie fiel erst jetzt auf, als sie sein Gesicht so nahe vor ihrem sah, dass er eine frische, noch nicht einmal ganz verkrustete Schramme auf dem Nasenrücken hatte.
»So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte er nun in eindeutig bewunderndem Ton. »Wie hast du das gemacht?«
»Was?«, fragte Leonie. »Mich verprügeln lassen?«
»So zu kämpfen!«, antwortete Maus. »Ich habe niemals ein Mädchen so kämpfen sehen, oder eine Frau. Nicht einmal Maria, und die hat schon so manchen Mann windelweich geprügelt!«
»Gar kein Problem«, antwortete Leonie gepresst. »Ein paar Jahre Training, ein Videorekorder und jede Menge Jackie-Chan-Filme.« Sie versuchte aufzustehen, aber irgendetwas in ihrem Leib zog sich zu einem Ball aus reinem Schmerz zusammen und sie sank mit einem Keuchen zurück. »Aber anscheinend noch nicht genug.«
Die Safetür glitt mit einem seufzenden Laut auf, und Bernhard versetzte ihrem Vater einen Stoß, der ihn in seiner unsicheren hockenden Position aus dem Gleichgewicht brachte und zu Boden warf. Ohne ihn weiter zu beachten, beugte sich Bernhard vor und riss das Buch aus dem Safe.
»Das ist es!«, rief er triumphierend. Er warf Thomas das Buch zu, doch dessen geprelltes Handgelenk versagte ihm den Dienst. Er fing es zwar auf, ließ es aber augenblicklich wieder fallen, und der schwere Band donnerte mit solcher Wucht auf seine dünnen Stoffschuhe, dass er am nächsten Morgen garantiert blaue Zehen haben würde. Wäre Leonie in der Verfassung gewesen, zu lachen, hätte sie es getan.
»Dummkopf!«, schimpfte Bernhard. »Gib Acht! Dieses Buch ist wertvoll. Sollen wir unserer Auftraggeberin etwa beschädigte Ware übergeben?« Er sah aus verärgert blitzenden Augen zu, wie Thomas hastig in die Hocke ging und das schwere Buch mit einiger Mühe aufhob, dann beugte er sich abermals vor und sah in den Safe. Er nahm die zwei Aktenordner heraus, die Vater darin aufbewahrte, klappte sie auf und warf sie nach einem kurzen Blick achtlos zu Boden. Zu Leonies nicht geringer Verblüffung verfuhr er mit dem ansehnlichen Stapel Bargeld, das er als Nächstes aus dem Safe nahm, genauso. Er blätterte die Scheine nur rasch durch und ließ sie dann einfach fallen. Jetzt befand sich nur noch Vaters Pistole in dem Tresor.
Genau das hatte ihnen jetzt noch gefehlt, dachte Leonie sarkastisch. Dass dieser Irre auch noch eine Waffe hatte - noch dazu eine geladene Pistole!
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, nahm Bernhard die Waffe aus dem Geldschrank, drehte sie gute dreißig Sekunden lang nachdenklich in der Hand...
... und ließ sie dann mit einem Achselzucken ebenfalls fallen!
»Tand!«, schnaubte er. »Wertloses Spielzeug! Wo habt Ihr Eure anderen Schätze? Niemand baut einen solchen Schrank aus Eisen, nur um ein Buch und wertloses Spielzeug darin aufzubewahren.« Die Frage galt Leonies Vater, der sich halb auf einen Arm aufgerichtet hatte, es aber nicht wagte, aufzustehen.
»Mehr haben wir nicht«, antwortete er.
»Wer soll das glauben?«, fragte Bernhard.
»Glaub doch, was du willst«, entgegnete Vater trotzig. »Und wenn ihr das ganze Haus auseinander nehmt, ihr werdet nicht mehr finden.«
»Lügst du auch nicht?«, fragte Bernhard. Er sah Leonies Vater einen Atemzug lang misstrauisch an und beantwortete dann seine eigene Frage mit einem Kopfschütteln. »Nein, du lügst nicht. Ein Mann, der starr vor Angst zusieht, wie seine Tochter geschlagen wird, der lügt nicht, wenn er vor mir auf den Knien liegt. Ihr habt wohl nichts anderes mehr.« Er seufzte. »Dann haben wir ein Problem.«
»Ihr habt doch, weshalb ihr gekommen seid«, rief Vater. »Also nehmt dieses verdammte Buch und geht!«
»Das reicht aber nicht«, sagte Bernhard. »Das Buch ist nicht für uns. Wir werden für unsere Arbeit bezahlt, aber nicht sehr gut. Und wir hatten Unkosten. Wenn Euch also nichts anderes einfällt, um uns zu entschädigen, werden wir wohl Eure hübsche Tochter mitnehmen müssen, fürchte ich. Und Euer Weib wohl auch!«
»Ihr habt versprochen, dass ihr nichts geschieht!«, mischte sich Maus ein.
Bernhard maß ihn mit einem hämischen Blick. »Nur keine Sorge. Thomas und ich lassen dir noch genug übrig, damit auch einer wie du seinen Spaß hat.«
»Wenn du meine Tochter auch nur anrührst, bringe ich dich um«, schrie Vater. »Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!«
»Oh, oh«, sagte Bernhard. »Da wird mir ja gleich angst und bange.« Er trat Leonies Vater ohne Warnung ins Gesicht. Vater kippte nach hinten, schlug die Hände vors Gesicht und unterdrückte mit hörbarer Mühe einen Schmerzensschrei. Zwischen seinen Fingern sickerte helles Blut hervor.
Leonie warf sich mit einer verzweifelten Bewegung nach vorne, doch sie hatte Bernhard abermals unterschätzt. Er fegte sie mit einer fast nachlässigen Geste zur Seite. Leonie rollte hilflos über den Teppich, aber diesmal wenigstens, ohne sich nennenswert wehzutun. Als sie unsanft gegen die Wand knallte, sich auf den Rücken drehte und den Kopf hob, bemerkte sie etwas, das ihr im ersten Moment so unglaublich erschien, dass sie sich ernsthaft fragte, ob sie vielleicht doch das Bewusstsein verloren hatte und sich das alles nur zusammenfantasierte: Sie war kaum einen halben Meter neben der Pistole zu liegen gekommen, die Bernhard fallen gelassen hatte. Nahe genug, um sie mit einer raschen Bewegung zu ergreifen. Es gab nichts mehr daran zu rütteln: Entweder hatten Bernhard und seine Begleiter ihre Gehirne an der Garderobe abgegeben, bevor sie zu dieser Diebestour aufgebrochen waren - oder sie hatten noch nie zuvor eine Schusswaffe gesehen! Leonie konnte in diesem Moment nicht einmal sagen, welcher Erklärung sie den Vorzug geben sollte.
Es spielte auch keine Rolle. Eine rasche Bewegung reichte und die Geschichte wäre vorbei.
Leonie verlagerte vorsichtig ihr Körpergewicht und wollte sich gerade auf die Waffe zubewegen, als sie einen Blick ihres Vaters auffing. Er schien zu ahnen, was sie vorhatte, und signalisierte ihr mit fast verzweifelten Blicken, es nicht zu tun.