Aber warum nicht?, gab Leonie auf die gleiche lautlose Art zurück, doch die Möglichkeiten der wortlosen Kommunikation waren damit auch praktisch schon erschöpft. Ihr Vater konnte ihr kaum eine zufriedenstellende Auskunft nur mit Blicken geben.
Es war auch gar nicht notwendig. Leonie brauchte nur eine Sekunde, bis ihr klar wurde, warum ihr Vater so entsetzt darauf reagiert hatte, dass sie nach der Pistole greifen wollte. Sie würde sich und ihren Eltern damit keinen Gefallen tun. Sie hatte es ja gerade selbst gedacht: Meister Bernhard hatte nicht die geringste Ahnung, was eine moderne Feuerwaffe war. Sie hätte ihn mit einem ausgewachsenen Schiffsgeschütz bedrohen können, und er hätte nicht einmal begriffen, dass er in Gefahr war. Die einzige Möglichkeit, ihm das klar zu machen, war, die Pistole auch zu benutzen. Und Leonie wusste, dass sie dazu nicht fähig war. Nicht einmal jetzt.
»Also gut, genug Zeit vertrödelt.« Bernhard klatschte in die Hände. »Bindet sie. Wir nehmen sie mit. Alle drei. Vielleicht findet sich ja jemand, der ein Lösegeld für diesen sonderbaren Edelmann ohne Schätze bezahlt.«
Leonie wurde von einer der beiden Frauen grob auf die Füße gerissen, die ihr gleich darauf die Handgelenke so eng auf dem Rücken zusammenband, dass ihr der Schmerz schon wieder Tränen in die Augen trieb. Die andere Frau verfuhr auf ähnliche Weise mit ihrer Mutter, während sich Bernhard um ihren Vater selbst kümmerte. Nach kaum einer Minute waren sie alle drei gefesselt, und Maria versetzte ihr einen groben Stoß, der sie auf die Tür zustolpern ließ.
»Was habt ihr mit uns vor?« Dieses Mal war die Angst in ihrer Stimme nicht gespielt.
Maria lachte hässlich. »Kannst du dir das nicht denken, du hübsches Kind?«, fragte sie. »Ach ja, ich vergaß: Ihr seid ja die Tochter eines Edelmannes und wahrscheinlich seid Ihr wohl behütet in diesem Palast aufgewachsen und habt vom richtigen Leben noch gar keine Ahnung. Aber ich verspreche dir, morgen früh wirst du sie haben.« Sie lachte hässlich und kniff Leonie schmerzhaft in den Hintern.
Fast hätte sie versucht sich loszureißen und es wäre ihr vielleicht auch gelungen - Leonie war sogar ziemlich sicher, es trotz ihrer auf dem Rücken zusammengebundenen Hände mit Maria aufnehmen zu können -, aber Maria war nicht allein und Bernhard hatte ihr gerade deutlich den Unterschied zwischen einer Trainingsstunde im Dojo und der Wirklichkeit vor Augen geführt.
Hintereinander näherten sie sich der Haustür - zuerst ihr Vater, dem Thomas nach wie vor drohend das Messer an die Kehle hielt, danach folgte ihre Mutter in Luises unbarmherzigem Griff, hinter ihr Leonie und Maria, und schließlich Bernhard selbst. Maus, der sich mit dem schweren Buch abschleppte, das annähernd so viel wiegen musste wie er selbst, bildete die Nachhut.
Leonies Vater erreichte die Tür und deutete mit einer entsprechenden Kopfbewegung auf die Klinke. Er selbst konnte sie ja schlecht herunterdrücken, denn auch seine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden. Thomas stieß ihn grob zur Seite, wobei seine Messerklinge eine dünne Spur aus roten Tröpfchen auf Vaters Hals hinterließ, riss die Tür mit einer wütenden Bewegung auf - und die blutverschmierte Spitze einer Hellebarde drang so weit zwischen seinen Schulterblättern hervor, dass sie um ein Haar auch noch Leonies Mutter getroffen hätte. Thomas war plötzlich einfach verschwunden, als der Mann, der ihn niedergestochen hatte, die Hellebarde mit einem Ruck zurückriss, und an seiner Stelle tauchte eine hoch gewachsene Gestalt in Pluderhosen, gestreiftem Wams und Pickelhaube unter der Haustür auf. Hinter ihm drängten noch mindestens drei oder vier weitere Männer der Stadtgarde herein, die mit Hellebarden, Dolchen und Schwertern bewaffnet waren.
Luise schrie entsetzt auf und hob ganz instinktiv die Hand, um ihr Gesicht zu schützen, und einer der Soldaten musste die Bewegung wohl falsch gedeutet haben, denn er schleuderte ein Messer, das Luises hochgerissene Hand traf und glatt durchbohrte. Die dunkelhaarige Frau fiel mit einem Schrei zu Boden und Leonie warf sich blitzschnell zur Seite und trat gleichzeitig nach hinten. Maria ächzte vor Schmerz, als Leonies Fuß ihre Kniescheibe traf, und ließ ihre Hände los. Leonie verlor durch ihre eigene hastige Bewegung das Gleichgewicht und fiel, aber das machte keinen Unterschied, denn die Männer der Stadtgarde drangen weiterhin rücksichtslos ins Haus und hätten sie vermutlich ebenso über den Haufen gerannt, wie sie ihre Mutter niederrannten.
Nur einer von ihnen blieb zurück, um Luise mit seiner Hellebarde zu bedrohen, die anderen stürzten sich so schnell auf Bernhard, dass es nicht einmal zu einem richtigen Kampf kam. Ein kurzes Gerangel, zwei, drei dumpf hallende Schläge und Meister Bernhard sackte hilflos zu Boden. Auch Maria war niedergerungen worden, aber die Männer verzichteten wenigstens darauf, weiter auf sie einzuschlagen, sondern hielten sie ebenfalls nur mit ihren Waffen in Schach. Leonie sah sich mit klopfendem Herzen nach Maus um, konnte ihn aber in all dem Durcheinander nirgends entdecken.
Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass von ihren Gegnern keine Gefahr mehr ausging, halfen zwei der Männer Vater auf die Beine. Ein anderer war mit einem raschen Schritt bei Leonie, drehte sie wenig sanft herum und durchtrennte ihre Handfesseln. Noch während Leonie sich benommen aufsetzte, verfuhr er ebenso mit ihrer Mutter und benutzte dann die längsten Stücke der durchtrennten Stricke, um Luises Handgelenke aneinander zu binden. Auf ihre verletzte Hand nahm er dabei nicht die geringste Rücksicht, ebenso wenig wie auf die Schmerzenslaute, die die verwundete Frau ausstieß.
Leonie riss ihren Blick schaudernd von dieser Szene äußerster Brutalität los, kroch zu ihrer Mutter hinüber und schloss sie in die Arme. Ihre Mutter hing in ihren Armen wie eine Puppe, und als Leonie sich nach einem Moment von ihr löste und sie auf Armeslänge von sich weghielt, war ihr Gesicht ohne den geringsten Ausdruck. Ihre Augen waren vollkommen leer.
»Mutter?«, murmelte Leonie. »Was... was ist denn mit dir?«
»Sie hat einen Schock«, sagte ihr Vater. »Aber ich glaube nicht, dass sie ernsthaft verletzt ist. Ich kümmere mich gleich um sie.« Er winkte einen der Männer herbei. »Hauptmann! Lassen Sie den Verwundeten hereinbringen. Ich möchte nicht, dass ihn jemand sieht und dumme Fragen stellt.«
Der Mann gab zweien seiner Begleiter einen herrischen Wink, und Leonie blickte ihrer Mutter noch eine Sekunde lang mit klopfendem Herzen ins Gesicht, dann stand sie auf und wandte sich um.
»Was hast du vor?«, fragte ihr Vater.
Die Wahrheit war, dass sie nach Maus sehen wollte, der als Einziger nicht zu Boden gegangen war, aber von einem Mann der Stadtgarde mit einem groben Griff festgehalten wurde. Laut sagte sie jedoch: »Zum Telefon. Einen Krankenwagen rufen. Und die Polizei.«
»Nein«, widersprach ihr Vater.
»Was... was soll das heißen? Die beiden sind verletzt und...«
»Der Hauptmann und seine Männer werden sich um alles Nötige kümmern«, unterbrach sie ihr Vater. »Sie haben Erfahrung in solchen Dingen - nicht wahr, Hauptmann?«
»Selbstverständlich, Meister Kammer«, antwortete der Angesprochene.
»Keine Polizei«, sagte Vater. »Das würde nur zu unnötigen Komplikationen führen. Und am Ende würde es wahrscheinlich ausgehen wie das Hornberger Schießen. Ich denke, ich weiß auch so, wer hinter diesem Überfall steckt.«
»Aber wir brauchen dringend einen Arzt!«, protestierte Leonie.
Ihr Vater schüttelte beharrlich den Kopf. »Die Männer kennen sich auch in der Behandlung von Wunden aus. Genauso wie jeder Arzt.«
Nach dem, was Leonie gerade gesehen hatte, glaubte sie eher, dass sich die Männer der Stadtgarde weit besser im Zufügen von Wunden auskannten als in deren Behandlung, aber sie widersprach nicht mehr, und nach einem Moment wandte sich ihr Vater wieder an den Gardehauptmann. Sein Ton wurde merklich kühler.