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»Warum hat das so lange gedauert, Hauptmann?«, fragte er. »Ich fing schon an, mir Sorgen zu machen, ob Ihr überhaupt noch kommt. War die Nachricht, die ich Euch gesandt habe, nicht eindeutig genug?«

»Verzeiht, Meister Kammer«, antwortete der Mann mit einem angedeuteten Nicken. Er klang nicht wirklich beeindruckt oder gar verängstigt. »Wir sind gekommen, so schnell wir konnten. Es wird nicht noch einmal geschehen.«

»Das will ich hoffen«, erwiderte Vater. »Aber jetzt geht, so schnell Ihr könnt. Und nehmt dieses diebische Gesindel mit. Behandelt sie gut und achtet darauf, dass ihnen nichts zustößt. Ich komme morgen bei Sonnenaufgang, um selbst mit ihnen zu sprechen.«

Der Hauptmann nickte, aber er rührte keinen Finger, um Vaters Befehl nachzukommen.

»Worauf wartet Ihr noch?«

»Verzeiht, Meister Kammer«, sagte der Hauptmann. »Meine Männer... Das Fuhrwerk, das Ihr uns geschickt habt - es macht ihnen Angst. Sie würden lieber zu Fuß zurückgehen.«

»Das kann ich sogar verstehen, aber das ist unmöglich«, antwortete Vater. »Nicht mit den Gefangenen und Euren Waffen. Ihr würdet nur Aufsehen erregen. Und das ist im Moment das Letzte, was ich gebrauchen kann.«

»Ganz, wie Ihr befehlt, Meister Kammer«, antwortete der Hauptmann, ohne eine Miene zu verziehen. Er winkte fast unmerklich mit der Hand und seine Männer zerrten Bernhard, die beiden Frauen und selbst den schwer verletzten Thomas grob auf die Beine.

»Wartet!« Leonie machte eine fast gebieterische Geste, und wie sie gehofft hatte, erstarrten die Männer für einen kurzen Moment. Leonie nutzte die Gelegenheit, mit zwei, drei raschen Schritten zu Maus zu gehen und ihn so derb an seiner Kutte zu packen, dass der Mann der Stadtgarde ihn erschrocken losließ. »Mit diesem kleinen Früchtchen habe ich noch ein ganz persönliches Hühnchen zu rupfen.«

»Leonie!«, sagte ihr Vater streng.

Leonie ignorierte ihn. Sie versuchte fast verzweifelt, Maus’ Blick zu fixieren, aber der Junge war so verängstigt, dass er seine Augen nicht mehr unter Kontrolle hatte. Er zitterte am ganzen Leib. Er sah hierhin und dorthin - überallhin, nur nicht in Leonies Gesicht.

»So, du wolltest mich also ganz für dich allein, wie, du kleine Ratte?« Sie packte so fest zu, dass es wehtun musste, aber das war vielleicht die einzige Möglichkeit, um Maus’ Aufmerksamkeit zu erwecken.

»Leonie, das ist nun wirklich nicht der richtige Moment!«, rief ihr Vater.

Leonie riss nur noch heftiger an Maus’ Arm, und endlich gelang es ihr, den Blick des Jungen aufzufangen und festzuhalten. »Du willst mir das richtige Leben zeigen?«, schrie sie ihn an. »Wenn ich mit dir fertig bin, dann weißt du selbst nicht mehr, ob du Männlein oder Weiblein bist, das verspreche ich dir!« Gleichzeitig versuchte sie, ihm mit den Augen ihren Plan zu erklären. Sie standen unmittelbar am Fuß der Treppe, die nach oben führte. Zwischen Maus und den rettenden Stufen war nur sie, sonst nichts.

»Leonie, jetzt reicht es aber!«, donnerte ihr Vater. »Hauptmann!«

Leonie spürte eine Bewegung hinter sich und nickte Maus verzweifelt zu und endlich begriff er - und jetzt verlor er wirklich keine Zeit mehr. Er riss sich mit einem Ruck los, versetzte ihr einen Stoß und war wie ein Wirbelwind herum, um die Treppe hinaufzurasen. Der Soldat, der ihn bisher bewacht hatte, stieß ein wütendes Knurren aus und setzte ihm nach, aber auch Leonie versuchte Maus zu folgen, und wie es der Zufall wollte, streckte sie im ungünstigsten aller nur erdenklichen Momente das Bein aus. Der Soldat stolperte über ihren Fuß und schlug der Länge nach auf der Treppe hin.

Zwei weitere Gardisten lösten sich von ihren Plätzen um ihm nachzueilen, aber Vater rief sie mit einem scharfen Befehl zurück.

»Lasst ihn«, sagte er. »Es lohnt nicht. Er ist nur ein Junge und harmlos ohne die anderen.«

Die Männer gehorchten widerstrebend, und Leonie versuchte mit aller Macht, ein erleichtertes Aufatmen zu unterdrücken, als das Klappern des Fensters in ihrem Zimmer zu ihnen herunterdrang.

»Geht jetzt, Hauptmann«, befahl Vater. »Nehmt Eure Männer und beeilt Euch. Wir haben noch eine Menge zu tun.« Er wartete, bis die Männer der Stadtgarde ihre Gefangenen genommen und das Haus verlassen hatten, dann ging er ins Arbeitszimmer zurück, hob das Buch auf, das Maus fallen gelassen hatte, und legte es behutsam wieder in den Safe. Aber während er es tat, streifte er Leonie mit einem Blick, der ihr klar machte, dass die Angelegenheit noch nicht vorbei war. Noch lange nicht.

Bodyguards und Reisepläne

Sie war nicht überrascht, als sie am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang aufwachte (was um diese Jahreszeit deutlich vor sechs bedeutete!) und feststellte, dass sie keineswegs die Erste war: Aus dem Erdgeschoss drang Musik herauf, was ziemlich ungewöhnlich war. Ihre Eltern liebten beide Musik, aber sie waren auch beide der Auffassung, dass gute Musik etwas viel zu Kostbares war, um sie als bloße Berieselung einzusetzen, und Musik, die man nur einschaltete, um sich berieseln zu lassen, es nicht wert war, gehört zu werden. Seichte Musik aus dem Radio - noch dazu um diese Uhrzeit -, das hatte sie im Haus ihrer Eltern noch nie erlebt, solange sie sich erinnern konnte. Das war seltsam, fast so seltsam wie der verrückte Traum, den sie in der vergangenen Nacht gehabt hatte und in dem sie ein Einbrecherquartett in ihrer Wohnung...

Es war kein Traum gewesen!

Die Erkenntnis traf Leonie mit solcher Wucht, dass sie sich viel zu hastig aufsetzte und ihr fast augenblicklich schwindelig wurde. Mit einem unbehaglichen Stöhnen sank sie wieder zurück. Aber dieses Schwindelgefühl änderte nichts daran, dass es kein Traum gewesen war. Maus, Meister Bernhard und die anderen, die unheimlichen Männer der Stadtgarde - all das war wahr! Wenn sie noch Zweifel gehabt hätte, dann hätte das taube Gefühl in ihrem Kiefer sie vermutlich beseitigt. Und wenn nicht das, dann der Anblick ihres Bauches: Leonie setzte sich ein zweites Mal und diesmal sehr viel vorsichtiger auf, zog ihr Nachthemd hoch und stellte ohne große Überraschung fest, dass ihr gesamter Bauch im Grunde ein einziger blauer Fleck war. Während sie die Beine aus dem Bett schwang und vorsichtig und mit zusammengebissenen Zähnen aufstand, nahm sie sich vor, sämtliche Jackie-Chan-Kassetten in den Mülleimer zu werfen und die von Bruce Lee und Chuck Norris gleich hinterher.

Noch immer ein wenig schlaftrunken wankte sie zur Tür, machte aber auf halbem Wege noch einmal kehrt und ging zum Schreibtisch zurück. Der bunt beklebte Pappkarton stand unverändert da, und als Leonie sich darüber beugte, sah sie Conan friedlich schlafend auf seinem zusammengefalteten Taschentuch liegen. Die winzige Schramme auf seiner Nase, die von seinem Zusammenstoß mit Mausetod kündete, war immer noch deutlich zu sehen.

»Falls du vielleicht das dringende Bedürfnis verspürst, mir etwas zu sagen, dann wäre jetzt der richtige Moment dazu«, meinte sie.

Die Maus öffnete ein Auge, blinzelte zu ihr hoch und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen, und Leonie gab es auf. Plötzlich kam sie sich albern vor, mit einer Maus zu reden. Sie schüttelte den Kopf, lachte leise über ihre Naivität und schlurfte ins Bad. Das kalte Wasser, das sie sich ins Gesicht schöpfte, vertrieb zwar die Müdigkeit, aber nicht den dumpfen Druck auf ihren Gedanken.

Vielleicht nicht einmal wirklich die Müdigkeit, denn als Leonie aufsah und in den Spiegel blickte, da starrte ihr ein hohlwangiges, bleiches Gespenst entgegen, unter dessen Augen tiefe dunkle Ringe lagen. Sie war sehr blass, aber ihre Haut war nicht weiß, sondern eher grau. Das einzig Strahlende an ihrer Erscheinung schien die silberne Kette zu sein, die sie um den Hals trug; und die kleine Piercing-Nadel, die anstelle eines Anhängers daran baumelte.