»Wo bist du, Großmutter?«, murmelte sie, während sie die Hand um den silbernen Anhänger schloss. »Warum hilfst du mir nicht? Warum sagst du mir nicht, was ich tun soll?«
Aber nichts geschah. Weder leuchtete der Anhänger in einem inneren magischen Licht auf, noch verwandelte sich ihr Spiegelbild in das Antlitz ihrer Großmutter. Vielleicht hatten die wenigen Male, die Großmutter den Abgrund zwischen dem Jenseits und ihr überbrückt hatte, all ihre Kraft aufgezehrt.
Vielleicht verlor sie aber auch einfach nur den Verstand.
Leonie ging in ihr Zimmer zurück - Conan schlief immer noch -, zog sich an und ging dann nach unten. Nur wenige Tage nach Beginn der Sommerferien erschien es ihr geradezu verbrecherisch, zu einer so gotteslästerlichen Zeit wie dieser aufzustehen, aber sie war einerseits hundemüde, zugleich aber auch von einer kribbelnden Unruhe erfüllt, die es ihr sowieso unmöglich machen würde, noch einmal einzuschlafen. Außerdem gab es ungefähr dreihundertundachtundvierzig Millionen Fragen, die sie ihrem Vater stellen wollte.
Auch wenn sie, ehrlich gesagt, nicht damit rechnete, auch nur eine einzige Antwort zu bekommen.
Während sie die Treppe hinunterging, fiel ihr erneut die Musik auf - irgendein seichter Popsong, den sie selbst niemals freiwillig gehört hätte -, aber als sie im Erdgeschoss angelangt war, wurde ihr klar, dass diese laute Musik kein Zufall war, vielmehr war sie bewusst eingeschaltet worden, um eine Art akustischen Schutzschild zu bilden. Was immer hier unten vorgegangen oder gesprochen worden war - sie hätte keine Chance gehabt, irgendetwas davon oben in ihrem Zimmer mitzubekommen.
Als sie die letzte Stufe erreichte, erregte eine Bewegung, die sie nur aus den Augenwinkeln sah, ihre Aufmerksamkeit. Leonie drehte mit einem Ruck den Kopf und sah gerade noch einen verschwommenen Schemen hinter dem bunten Tiffany-Glas der Haustür verschwinden. Das gefärbte Glas machte es schwer, Einzelheiten zu erkennen, aber Leonie hatte dennoch einen flüchtigen Eindruck von etwas beige und rot Gestreiftem und einem raschen Aufblitzen von Blau.
War das ein Krankenwagen gewesen? Leonie blickte die nun wieder leere Tür noch einen Moment nachdenklich an, dann zuckte sie mit den Schultern und setzte ihren Weg fort. Trotz der Musik konnte sie jetzt gedämpfte Stimmen vernehmen. Wahrscheinlich saßen ihre Eltern auf der rundum verglasten Terrasse und frühstückten - auch wenn sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, warum sie das zu einer so unmöglichen Uhrzeit tun sollten. Sie durchquerte rasch die Küche und trat auf die Terrasse hinaus.
Es waren nicht ihre Eltern.
Zumindest waren sie es nur zur Hälfte.
Ihr Vater saß auf seinem Lieblingsstuhl und trug trotz der frühen Stunde bereits Anzug und Krawatte. In der linken Hand hielt er ein Glas mit einer goldgelben Flüssigkeit, von der Leonie einfach wusste, dass sie alkoholischer Natur war (morgens um sechs?!), die andere war damit beschäftigt, eine fette graue Perserkatze zu streicheln, die es sich auf seinem Schoß bequem gemacht hatte und alles in ihrer Macht Stehende tat, um die Musik niederzuschnurren. Und wenn Leonie jemals einen Ausdruck von Erschrecken auf dem Gesicht eines Menschen gesehen hatte, dann jetzt auf dem ihres Vaters.
»Was... was machst du denn hier?«, keuchte er, ohne sich mit einer überflüssigen Formalität wie einem Guten Morgen aufzuhalten. Auch noch das letzte bisschen Farbe wich aus seinem Gesicht.
»Ich konnte nicht schlafen«, antwortete Leonie und wandte sich dem zweiten Gast auf der Terrasse zu. Auf dem Stuhl, der normalerweise ihrer Mutter vorbehalten war, saß nun ein grauhaariger Mann Anfang fünfzig, der Leonie auf unheimliche Weise bekannt vorkam, ohne dass sie genau sagen konnte woher. Sein Gesicht war kantig, hart, und wenn seine Augen jemals imstande gewesen waren, irgendein anderes Gefühl als Misstrauen und Verachtung auszudrücken, so musste das lange her sein.
Ihr Vater setzte zu einer Antwort an, doch Leonie kam ihm zuvor. »Wir haben Besuch?«
Sie sah aus den Augenwinkeln, wie der Grauhaarige ganz leicht zusammenzuckte, während ihr Vater erneut und eindeutig mehr als nur ganz leicht zusammenfuhr. Er sah aus wie das personifizierte schlechte Gewissen. »Das ist Herr...«, begann er.
»Hendrik«, fiel ihm der Grauhaarige lächelnd ins Wort. Er wandte sich Leonie zu. »Ich lege keinen Wert auf Förmlichkeiten. Du vielleicht?«
Leonie schüttelte ganz automatisch den Kopf, aber ihre Verwirrung stieg eher noch. Und dann, schlagartig, erkannte sie den grauhaarigen Mann. Der elegante Anzug, das Seidenhemd und die teure Krawatte hatten sie verwirrt, aber es war gerade diese Kleidung, die sie die Wahrheit plötzlich erkennen ließ - und sei es nur, weil ihr mit einem Mal klar wurde, wie unwohl er sich in diesem ungewohnten Aufzug fühlte. Ihr Gegenüber war niemand anderer als der Hauptmann der Stadtgarde.
»Und wieso...?«, begann sie, nur um sofort von ihrem Vater unterbrochen zu werden: »Hendrik wird jetzt für eine Weile bei uns wohnen, Leonie. Das erleichtert ihm seine Aufgabe.«
»Seine Aufgabe?«, wiederholte Leonie.
»Das klingt jetzt ein bisschen offizieller, als es ist«, mischte sich Hendrik lächelnd ein. »Dein Vater hat mich gebeten, ein bisschen auf dich aufzupassen, das ist alles.«
Leonie starrte den Mann geschlagene zehn Sekunden lang an, dann brachte sie es auf den Punkt. »Sie sind unser neuer Bodyguard?«
»Nur für ein paar Tage«, sagte Vater rasch. »Eine Woche oder allerhöchstens zwei.«
»Oder drei oder vier?«, fragte Leonie. »Und wenn wir schon einmal dabei sind: warum nicht einen Monat oder zwei?«
»Nur so lange, wie es die Situation erfordert«, erwiderte ihr Vater. Hendrik schwieg, aber man musste kein Meister im Mienenlesen sein, um zu erkennen, was er von Leonies aufmüpfigem Ton hielt.
»Welche Situation?«, fragte Leonie. Als ob sie das nicht wüsste.
Ihr Vater antwortete nicht direkt darauf, sondern gewann ein paar Sekunden Aufschub, indem er einen weiteren Schluck aus seinem Glas nahm. Seine Hand zitterte dabei so stark, dass die Eiswürfel darin klingelten, und Leonie fiel erneut auf, wie blass und übernächtigt er aussah. Sie hatte sich getäuscht: Ihr Vater trank nicht schon Alkohol, sondern immer noch. Er hatte in dieser Nacht kein Auge zugetan. Im Stillen tat sie ihm Abbitte für alles, was sie gerade gedacht hatte (nun ja: für das meiste). Immerhin hatte er am vergangenen Abend mit Mühe und Not einen Mordanschlag überlebt, und er war schließlich nicht James Bond, der so etwas routinemäßig täglich vor dem Frühstück erledigte. Die meisten an seiner Stelle wären wahrscheinlich glatt ausgeflippt, statt nur Trost in einem Glas Cognac zu suchen.
Leonie wunderte sich im Nachhinein sogar ein wenig, dass sie selbst die Aufregung so gut weggesteckt hatte. Vielleicht kam ihr ja ihre Jugend zugute. Trotz allem war die Geschichte für sie vor allem eines gewesen: ein großes, aufregendes Abenteuer. Bis zu dem Moment, in dem Bernhard sie niedergeschlagen hatte, war sie nicht wirklich auf den Gedanken gekommen, sie könnte in Gefahr sein. Aber danach... Leonie lief schon bei der bloßen Erinnerung ein kalter Schauer über den Rücken. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die Männer der Stadtgarde auch nur fünf Minuten später aufgetaucht wären.
»Wo ist eigentlich Mutter«, fragte sie - im Grunde nur, um das Thema zu wechseln und sich selbst auf andere Gedanken zu bringen. »Schläft sie noch?«
Es war eine ganz harmlose Frage, aber ihr Vater fuhr so heftig zusammen, dass er ein paar Tropfen von seinem Getränk verschüttete und Mausetod mit einem beleidigten Maunzen von seinem Schoß hüpfte und sich trollte, um sich irgendwo das Fell zu putzen.
»Was?«, fragte er.
»Wo ist Mutter?«, wiederholte Leonie. Ihr Vater hatte sie ganz genau verstanden. Er stellte diese Frage nur, um Zeit zu gewinnen. Plötzlich fiel ihr etwas ein, was sie gerade draußen auf dem Flur beobachtet hatte. Sie hatte ihm keinerlei Bedeutung zugemessen, aber nun... »Der Krankenwagen«, murmelte sie. »Das war ein Krankenwagen gerade, habe ich Recht?« Sie richtete sich kerzengerade auf. »Was ist passiert?«