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»Aha«, sagte Franke.

»Unsere Frist ist fast verstrichen«, sagte der Indianer. »Der Augenblick der Drei ist nahe. Seid ihr bereit?«

Das Gespräch begann absurd zu werden, fand Rogler. Franke auf der einen und die beiden Zauberer auf der anderen Seite schienen über vollkommen verschiedene Dinge zu reden - aber wieso hatte er plötzlich das Gefühl, daß sie sich nur in einer anderen Sprache unterhielten, in der die Worte zwar vertraut klangen, aber eine ganz andere Bedeutung hatten?

»Wieviel Zeit bleibt uns noch?« fragte Franke.

»Soviel, wie nötig ist«, antwortete der Aboriginal. »Nicht weniger, aber auch nicht mehr.« Er sah Franke sekundenlang wortlos und durchdringend an, dann drehte er sich herum und wollte wieder zu seinem Platz am Feuer gehen, doch Franke hielt ihn mit einer Geste zurück.

»Warten Sie«, bat er.

Tatsächlich blieben der Aboriginal und sein Begleiter noch einmal stehen und sahen Franke an.

»Bitte warten Sie«, sagte Franke noch einmal. »Ich ... ich verstehe das alles nicht mehr. Was geht hier vor?«

»Du weißt es«, behauptete der Alte. »Du wußtest es von Anfang an. Erlaube dir selbst zu sehen, und du wirst begreifen. Aber du mußt dich beeilen. Das Tor hat sich geöffnet, durch das, was du getan hast.«

»Das Tor? Was soll das heißen?«

»Es beginnt«, sagte der Aboriginal. »Seht!«

Rogler sollte niemals endgültige Klarheit darüber gewinnen, ob es nun Zufall war oder sie in diesem Moment tatsächlich Zeugen des Wirkens von Kräften wurden, die sich ihrem Begreifen entzogen. Aber im gleichen Moment, in dem der alte Mann die Worte aussprach, glühte der Himmel über Ascona und dem See in einem unheimlichen, blaßgrünen Licht auf.

Ein vielstimmiger, erschrockener Schrei erhob sich aus der Menge, und wahrscheinlich brach hinter ihnen auch so etwas wie eine Panik aus, aber Rogler nahm von alledem kaum etwas wahr. Er stand wie gelähmt da und blickte mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen auf das, was sich über ihnen abspielte.

Grüne Irrlichter huschten über den Himmel, verfolgt von roten und orangefarbenen Flammen und wabernden Vorhängen aus leuchtendem Nebel, die bizarre Umrisse und Formen bildeten. Die Konturen der Berge waren in blaues Elmsfeuer gehüllt, und hier und da spannten sich dünne, aus nichts anderem als purem Licht bestehende Fäden zwischen Himmel und Erde wie das Netz einer riesigen Spinne, die damit begonnen hatte, den gesamten Erdball einzuweben. Der Regen hatte aufgehört. Die wenigen Wolken, die noch am Himmel waren, glühten unter einem inneren, vielfarbigen Licht.

»Phantastisch«, murmelte Angelika. »Das ... das ist das Schönste, was ich jemals gesehen habe.«

Irgendwo, weit vor ihnen, ergoß sich eine Woge aus violetter Helligkeit über die schneebedeckte Flanke eines Berges. Schatten folgten ihr, dann wieder Licht, diesmal von einem anderen, unmöglich zu beschreibenden Farbton. Angelikas Augen leuchteten, während sie dem Spiel von Licht und Schatten folgten. Ihre Begeisterung war nicht gespielt, sondern echt.

Warstein machte dieses unglaubliche Naturschauspiel angst, auch wenn er seine ästhetische Schönheit durchaus zu würdigen wußte. Vielleicht, weil er als einziger wirklich wußte, was es bedeutete. Es hatte begonnen. Was immer es sein mochte.

»Fahren Sie weiter«, sagte er. Die Worte galten Lohmann, der wie Angelika seit Minuten reglos dasaß und die Lichter beobachtete, die über den Himmel huschten. Im ersten Moment glaubte er, der Journalist hätte sie gar nicht gehört, aber dann riß er sich - wenn auch mit sichtlicher Anstrengung - doch von dem Anblick los und wandte sich kurz zu Warstein um. Seine Begeisterung war nicht so deutlich wie die Angelikas; die Gefühle, die das Phänomen in ihm auslöste, schienen irgendwo in der Mitte zwischen denen Angelikas und Warsteins zu liegen. Warstein las Faszination in seinen Augen, aber auch eine Spur von Furcht.

»Was ist das?« fragte er. »So eine Art ... Nordlicht?«

Kaum, dachte Warstein. Laut sagte er: »Ich weiß es nicht. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Es gefällt mir nicht.«

»Aber es ist wunderschön!« protestierte Angelika.

»Das ändert nichts daran, daß es gefährlich sein könnte«, antwortete Warstein.

»Gefährlich?« Angelika lachte. »Wie kann etwas so Schönes gefährlich sein?«

»Auch ein Feuer bietet einen ästhetischen Anblick«, sagte Warstein. »Sogar eine Atomexplosion hat so etwas wie eine eigene Schönheit. Trotzdem ist sie gefährlich.«

»Das ist der dämlichste Vergleich, den ich jemals gehört habe«, sagte Angelika. Aber sie lachte dabei, und sie setzte die Diskussion auch nicht fort, sondern beugte sich vor, um den Himmel weiter im Auge zu behalten, als Lohmann losfuhr und der Wagen dem Gefälle der abwärts führenden Straße zu folgen begann. Der Regen hatte aufgehört, aber sie kamen trotzdem nicht schneller vorwärts als bisher - die Straße war in weit schlechterem Zustand, als Warstein erwartet hatte, und ihr Tempo sank auf dem ersten Stück sogar noch weiter. Unter der trügerischen Schicht aus Morast und Schlamm lauerten tiefe Schlaglöcher und Risse, und mehr als einmal war die Straße überhaupt nicht mehr zu erkennen: der Fluß aus Morast, über den sie fuhren, ergoß sich einfach in einen See aus Schlamm, so daß sie keine andere Wahl hatten, als mit zusammengebissenen Zähnen und auf gut Glück weiterzufahren und darauf zu hoffen, daß sie die Fortsetzung der Straße auf der anderen Seite wiederfanden.

Auch das Licht half ihnen nicht, sondern erwies sich schon fast als weiteres Hindernis. Es war zwar deutlich heller geworden, doch die ständig wechselnden Farben und das verwirrende Spiel von Licht und Schatten machte es manchmal fast unmöglich, den Weg zu erkennen. In dem stroboskopischen Licht schienen Bäume und Felsen zu unheimlichem eigenem Leben zu erwachen, und manchmal glaubte Warstein, eine Bewegung hinter der Wirklichkeit zu erkennen, als versuche etwas aus der Welt der Schatten in die Welt der Dinge zu gelangen. Es war ein Gefühl, das nicht nur unheimlich war, sondern ihm auch auf unangenehme Weise bekannt erschien, obwohl er nicht wußte, woher. Für eine Weile fuhren sie schweigend weiter dahin; Angelika noch immer vollkommen fasziniert von dem phantastischen Anblick, Warstein noch immer besorgt und dicht an der Schwelle zu wirklicher Angst und Lohmann zu sehr damit beschäftigt, den Wagen unter Kontrolle zu halten, um überhaupt etwas zu empfinden.

»Wer hat eigentlich das Radio ausgeschaltet?« fragte Lohmann plötzlich.

»Vielleicht sagen sie ja irgend etwas über diese ... Lichter. Macht wieder lauter.« Niemand hatte das Radio aus- oder leiser gestellt, da war Warstein ganz sicher. Trotzdem beugte er sich vor und drehte am Lautstärkeregler. Nichts geschah. Das Gerät war eindeutig an. Die grüne Hintergrundbeleuchtung des Displays brannte, aber aus den Lautsprechern drang nicht der leiseste Ton. Nicht einmal statisches Rauschen.

»Kaputt?« fragte Lohmann.

Warstein zuckte die Achseln. »Vielleicht liegt es an diesem ... Phänomen«, sagte er ohne echte Überzeugung. Die Lichter am Himmel waren ganz bestimmt nicht der Grund für den Ausfall des Radios. Das Gerät war eindeutig tot.

»Da vorne ist etwas«, sagte Lohmann plötzlich. Er nahm die Hände nicht vom Lenkrad, sondern deutete mit einer Kopfbewegung nach vorne. Offensichtlich verfügte er über bessere Augen als Warstein, denn es dauerte noch einige Sekunden, bis auch er sah, was Lohmanns Aufmerksamkeit erregt hatte. Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte die Straße zwar in zahllosen Windungen und Kehren, aber ohne Unterbrechung ins Tal hinabgeführt. Jetzt war sie gesperrt. Zu beiden Seiten der Fahrbahn erhob sich ein gut zwei Meter hoher Maschendrahtzaun, in den ein massives Gittertor eingelassen war. Dünne, blaue und grüne Linien aus Licht zeichneten einen Teil des Gitters nach, so daß Warstein und die anderen im ersten Moment annahmen, der Zaun stünde unter Strom. Aber dann sahen sie, daß auch auf dem Boden und in den Ästen der näherstehenden Bäume blaue Elmsfeuer tanzten. Sie näherten sich dem Ende des Regenbogens. Das Feuerwerk aus Farben und Licht, das sie bisher nur aus der Ferne beobachtet hatten, war nun rings um sie herum.