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Vorsichtig näherten sie sich dem Jeep. Lohmann blickte immer wieder nach rechts und links, während Warstein den Wagen in weitem Abstand umging. Er sah jetzt, warum er wirklich verlassen worden war. Das Rad war nicht einfach im Schlamm eingesunken, es war abgebrochen.

»Unheimlich«, murmelte Lohmann. Er kam langsam näher und betrachtete den Wagen genauer, wagte es aber aus irgendeinem Grund nicht, ihn zu berühren. Als er auch nach einer geraumen Weile noch keine Anstalten machte, von sich aus weiterzusprechen, tat ihm Warstein schließlich den Gefallen und reagierte auf sein Stichwort.

»Was ist unheimlich?«

Der Journalist deutete auf das abgebrochene Rad. »Das hätte nicht passieren dürfen«, behauptete er. »Diese Fahrzeuge sind für unwegsames Gelände gebaut. Sie gehen nicht einfach kaputt, wenn sie in ein Schlagloch geraten.«

Das klang einleuchtend - zumal Warstein jetzt auffiel, in welch desolatem Zustand sich das ganze Fahrzeug befand. Der Lack war überall abgeblättert, darunter kam rotbrauner, poröser Rost zum Vorschein. Die Frontscheibe war gesplittert, und das Stoffdach hing in Fetzen.

»Das war gerade noch nicht«, behauptete Lohmann. Er klang sehr erschrocken.

»Was?« fragte Warstein. Er wußte genau, was der Journalist meinte.

»Der Wagen«, antwortete Lohmann nervös. »Das Dach, die Scheibe und ... und alles. Er war gerade noch nicht in einem so schlechten Zustand.«

»Vielleicht haben wir ein bißchen zu lange hier gestanden?« fragte Warstein. Er brachte nicht einmal die Kraft auf zu lächeln, und Lohmann reagierte auch nicht auf seine Worte. Er streckte die Hand nach dem Wagen aus, zog sie aber auch diesmal wieder zurück, ohne ihn berührt zu haben.

»Verschwinden wir.«

Warstein wandte sich zum Wagen um - blieb aber abrupt stehen, noch ehe er den ersten Schritt getan hatte.

Nur wenige Meter vor ihnen war ein flackerndes, hellgrünes Licht erschienen. Es hatte keine bestimmte Form, aber auf eine schwer zu definierende Art Substanz - und es erfüllte Warstein mit einem vagen Gefühl von Gefahr, als spüre etwas in ihm, daß dieses Licht nicht so harmlos war, wie es den Anschein machen wollte.

»Was um alles in der Welt ist denn das?« murmelte Lohmann. Auch er war stehengeblieben, doch Warstein konnte ihn nur noch als verschwommenen Schemen in einem Meer von Helligkeit erkennen.

Vielleicht nichts aus dieser Welt, dachte Warstein. Laut sagte er: »Ich weiß es nicht. Aber wir sollten besser ... vorsichtig sein.«

Das Geräusch der Wagentür ließ ihn aufsehen. Angelika kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Warstein wollte ihr eine Warnung zurufen, hielt jedoch inne, als er den Ausdruck auf ihrem Gesicht gewahrte.

Angelikas Augen leuchteten. Seit die Farben und Lichter begonnen hatten, den Himmel zu überfluten, hatte sie sich keine Mühe gegeben, ihre Begeisterung für die Erscheinung zu verhehlen. Jetzt aber wirkte sie regelrecht verzückt.

Zwei Schritte vor Warstein blieb sie stehen, wenn auch nur, weil er ihr mit ausgebreiteten Armen den Weg vertrat. »Was ist das?« flüsterte sie. »Das ... das ist wunderschön!«

Wunderschön? Warstein blickte zweifelnd in den Bereich flackernder Helligkeit hinein. Das Licht war eigenartig, und auf eine gewisse Weise auch faszinierend - aber es bot nicht einmal einen ästhetischen Anblick. Und es war ganz gewiß nicht wunderschön.

»Geh nicht zu dicht heran«, sagte er warnend. »Es könnte gefährlich sein.«

»Gefährlich?« Angelika lachte. »Unsinn! Es ist nicht gefährlich.« Sie schob Warsteins Hände beiseite und trat mit einem so entschlossenen Schritt an ihm vorbei, daß er es nicht wagte, sie noch einmal aufzuhalten. Ihre Gestalt bekam eine blaß leuchtende Aura, als sie in das Licht hineintrat. Warstein atmete vorsichtig auf.

»Das ist ... phantastisch!« sagte Angelika. Sie hob die Hand und winkte Warstein zu, ihr zu folgen, sah aber nicht einmal zu ihm zurück, sondern starrte unverwandt ins Zentrum des Leuchtens hinein. Warstein fragte sich, ob sie dort möglicherweise etwas anderes sah als er.

»Kommen Sie zurück!« sagte Lohmann scharf. »Wir haben keine Zeit für solche Spielereien!«

Angelika schien seine Worte gar nicht zu hören. Sie hatte die Arme ausgestreckt und die Handflächen in einer bewundernden Geste nach oben gedreht. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck höchster Verzückung, zugleich aber auch tiefsten Friedens. Sie begann leise, die Melodie zu summen, die Warstein schon ein paarmal gehört hatte.

»Was soll das?« fragte Lohmann.

Warstein brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. Etwas an dem Leuchten hatte sich verändert. Es war intensiver geworden, und zugleich auch sehr viel heller, so daß es ihm beinahe unmöglich wurde, Angelika weiter anzusehen. Aber das war nicht die einzige Veränderung.

Bisher hatte das Licht Warstein erschreckt, ja, ihm fast angst gemacht. Jetzt plötzlich erfüllte es ihn mit einem Empfinden tiefster Ruhe und eines sanften, warmen Friedens. Das Gefühl war schwer in Worte zu kleiden, aber zu intensiv, um zufälliger Natur zu sein, und zu fremdartig, um aus ihm selbst zu stammen. Er fühlte sich auf sonderbare Weise zugleich frei wie auch eins mit allen Dingen in seiner Umgebung. Der Boden, auf dem er stand, die Büsche und Bäume, ja, selbst die Luft und die Dunkelheit, die ihn umgaben, waren plötzlich zu winzigen Teilen eines allumfassenden Ganzen geworden, zu dem auch er und die beiden anderen gehörten, unwichtig und trotzdem unersetzliche Teile einer größeren Ordnung, die er bisher nicht einmal erkannt hatte, obwohl sie seit Anbeginn der Zeit existierte. Für einen kurzen Moment sah Warstein alles mit phantastischer Klarheit, als begriffe er zum ersten Mal im Leben die wirkliche Ordnung der Welt, das große, gewaltige Muster, dem sie gehorchte und dessen Teil sie war, und auch die Rolle, die er selbst und jeder einzelne Mensch darin spielte. Ein Gefühl tiefen Friedens ging mit diesem Begreifen einher.

»O mein Gott, ist das schön!« sagte Angelika. »Kommt her! Seht es euch an!« Warsteins Unbehagen war spurlos verschwunden. Er fühlte sich frei und von etwas erfüllt, von dem er bisher nicht einmal gewußt hatte, daß es existierte, obwohl es die ganze Zeit über in ihm gewesen war. Ohne zu zögern, folgte er Angelika in das Licht hinein.

Sie blickte noch immer auf jenen imaginären Punkt im Herzen des Leuchtens. Warstein trat ganz dicht hinter sie - und dann, ganz plötzlich, sah auch er etwas. Im allerersten Moment konnte er nicht einmal sagen, was. Schatten schwammen in der Helligkeit, unfertige Umrisse und ungeborene Dinge, die sich seinem menschlichen Begreifen gerade weit genug entzogen, um ihr wahres Aussehen erahnen zu können, ohne es wirklich zu sehen.

»Was ist das?« fragte Angelika. Sie hob die Hand, und eine winzige orangerote Sonne glitt aus dem Licht heraus und begann ihre Finger zu umtanzen. Angelika lachte. Sie versuchte nach dem Lichtpunkt zu greifen, aber er glitt immer wieder im letzten Moment zwischen ihren Fingern hindurch, fast als spiele er mit ihr. »Die andere Seite«, sagte Angelika. »Sie kommen von drüben, nicht wahr? Von der anderen Seite des Tores.«

Warstein wußte es nicht. Vielleicht war es so, vielleicht war die Erklärung auch vollkommen anders. Es spielte keine Rolle. Er wußte nur, daß - wenn es wirklich das war, was auf der anderen Seite des Tores lag - es keinen Grund mehr gab, dagegen anzukämpfen. Eine nie gekannte Leichtigkeit und Freude breitete sich in ihm aus. Plötzlich waren alle Probleme unwichtig. Wie Angelika hob er die Hand und streckte sie nach den Lichtpunkten aus, die wie Schwärme winziger leuchtender Fische in einem Ozean aus Licht vor ihnen schwammen. Er hatte nicht damit gerechnet, etwas zu fühlen, aber er spürte ein leises, angenehmes Kribbeln wie einen ganz schwachen elektrischen Fluß. Angelika hatte recht: diese Erscheinung war faszinierend und unbeschreiblich schön. Zu schön, um gefährlich sein zu können. Was sie umgab, das war purer, gestaltgewordener Friede.