Warstein fragte sich, woher diese Baumstämme kamen. Er hatte auf dem ganzen Weg hier herauf nichts bemerkt, was dicker als sein Handgelenk gewesen wäre. »Erstaunlich«, murmelte er.
»Was?« Hartmann drehte sich halb zu ihm herum, ohne allerdings dabei stehenzubleiben. »Haben Sie es sich anders vorgestellt?«
»Ganz im Gegenteil.« Das kleine Gebäude entsprach so sehr seiner Vorstellung, wie die Hütte eines Einsiedlers auszusehen hatte, daß es schon fast lächerlich war. Es war alles vorhanden, um das Klischee zu erfüllen: vom säuberlich aufgeschichteten Holzstapel neben der Tür bis hin zu dem kleinen Toilettenhäuschen auf der windabgewandten Seite der Hütte. Sie waren noch zu weit entfernt, um es erkennen zu können, aber Warstein war sicher, daß Saruter ein kleines Herz in die Tür geschnitzt hatte.
»Ich habe Ihnen gesagt, daß er ein komischer Kauz ist«, fuhr Hartmann fort. Warstein registrierte mit einer Art grimmiger Zufriedenheit, daß auch sein Atem jetzt nicht mehr ganz so ruhig und gleichmäßig ging wie bisher. »Erwarten Sie nicht zuviel von ihm. Das meiste, was er auf meine Fragen geantwortet hat, war haarsträubender Unsinn.«
»Vor allem schien er ein ziemlich zäher Kauz zu sein«, sagte Warstein schwer atmend. »Wie alt ist er, haben Sie gesagt?«
»Ganz genau weiß das niemand. Einige behaupten, so alt wie dieser Berg.« Er lachte, aber es geriet zu einer Grimasse, als er Warsteins erschrockenen Blick bemerkte. »Auf jeden Fall ziemlich alt. Mindestens achtzig.«
»Großer Gott, und er marschiert diese Strecke jeden Tag nur zum Vergnügen!« keuchte Warstein. »Wenn ich auch nur noch einen Kilometer gehen muß, bekomme ich garantiert einen Herzinfarkt!«
»Diese alten Naturburschen sind manchmal wirklich zäh«, bestätigte Hartmann. »Aber das müssen sie wohl auch sein - sonst wären sie nicht so alt geworden.« Sie näherten sich dem Haus. Warstein sah ab und zu zum Fenster hinauf und versuchte, eine Bewegung dahinter zu erkennen. Aber in der kleinen Hütte zeigte sich kein Lebenszeichen.
»Was machen wir, wenn er nicht da ist?« fragte Hartmann. Warsteins Blicke waren ihm nicht entgangen.
»Warten«, antwortete Warstein. »Ganz egal, wie lange es dauert. Ich habe keine Lust, den ganzen Weg umsonst gemacht zu haben.«
In Hartmanns Augen stand deutlich die Frage geschrieben, warum sie ihn überhaupt gemacht hatten. Aber er verbiß es sich, sie laut auszusprechen, und so legten sie den Rest des Weges schweigend zurück. Warstein klopfte, aber er war viel zu erschöpft, um lange auf eine Antwort zu warten; da die Tür nicht verschlossen war, traten sie nach kurzem Zögern ein.
Das Innere der Hütte bestand aus einem einzigen, allerdings überraschend großen Raum, so daß sie sofort erkennen konnten, daß Saruter tatsächlich nicht zu Hause war. Müde wankte Warstein zu dem einfachen Holztisch, der zusammen mit den dazugehörigen Stühlen und dem wuchtigen Kamin fast die Hälfte des vorhandenen Platzes hier drinnen beanspruchte. Die Erschöpfung legte sich wie eine Decke aus Blei über ihn, aber nun war es eine angenehme, wohltuende Erschöpfung, wie nach einer schweren Arbeit, die man zu Ende gebracht hatte. Er würde nie wieder im Leben einen Schritt gehen, sondern einfach hier sitzen bleiben, bis er selbst achtzig und zu Stein geworden war. Warstein genoß eine ganze Weile einfach das Gefühl, nicht mehr laufen zu müssen, ehe er die Augen wieder öffnete und sich im Inneren der Hütte umsah. Durch das einzige Fenster fiel nicht besonders viel Licht herein, aber es reichte immerhin, ihn erkennen zu lassen, daß sein erster Eindruck richtig gewesen war: das Gebäude war innen tatsächlich größer als außen. Es hatte nur drei Wände aus Holz. Die Rückseite bestand aus massivem Fels, und Saruter - oder wer immer dieses Haus gebaut hatte - hatte gute anderthalb Meter aus der Wand herausgemeißelt, um mehr Wohnraum zu gewinnen.
Der Anblick war so bizarr, daß Warstein sogar seine Müdigkeit vergaß und aufstand, um in den hinteren Teil des Raumes zu gehen. Die Wand war vollkommen gerade und so glatt, daß sie fast aussah wie mit Kunststoff beschichtet. Warstein hob die Hand und berührte den Stein, im ersten Moment so zaghaft, als wäre es eine Herdplatte, von der er nicht sicher war, ob jemand sie eingeschaltet hatte oder nicht. Der Stein fühlte sich an wie ganz normaler Stein. Wie auch sonst? Was hatte er eigentlich erwartet?
»Verrückt«, murmelte er.
»Was?« fragte Hartmann.
»Das da.« Warstein deutete auf die Felswand und drehte sich zu Hartmann um. »Er hat fast zwei Meter aus der Wand herausgemeißelt.«
»Um mehr Platz zu gewinnen, sicher«, antwortete Hartmann. »Was ist daran so erstaunlich?«
»Daß das hier stahlharter Granit ist«, sagte Warstein. »Meinen Sie nicht, daß es wesentlich einfacher gewesen wäre, die zwei Meter draußen anzubauen?«
»Oh«, sagte Hartmann. Er sah für einen Moment ziemlich verwirrt aus, dann konnte Warstein regelrecht sehen, wie er den Gedanken abschüttelte. »Also, was machen wir?« fragte er. »Saruter ist nicht da.«
»Er wird schon kommen«, antwortete Warstein unwillig. Er mußte sich beherrschen, damit seine Enttäuschung, möglicherweise völlig umsonst hierhergekommen zu sein, sich nicht zu sehr gegen Hartmann richtete.
»Das kann dauern«, gab Hartmann zu bedenken. »Ich meine - hier oben geht man nicht mal eben zum nächsten Zigarettenautomaten oder zur Post. Vielleicht kommt er heute gar nicht wieder.«
»Unsinn!« antwortete Warstein. »Er hätte die Tür abgeschlossen, wenn er für länger weggegangen wäre, oder?«
Hartmann trat wortlos zur Tür und öffnete sie, und Warstein sah, was er meinte. Die Tür hatte nicht einmal ein Schloß.
»Wie lange können wir warten?« fragte er. »Um noch im Hellen zurück zur Baustelle zu kommen, meine ich.«
Hartmann sah auf die Uhr und maß dann Warstein mit einem Blick, als versuche er seine Verfassung einzuschätzen. »Eine Stunde«, sagte er schließlich. »Allerhöchstens.«
Eine Stunde nur? Warstein war enttäuscht. Selbst wenn sie Saruter sofort angetroffen hätten, wäre eine Stunde kaum genug gewesen. Sie mußten sehr viel länger für den Aufstieg gebraucht haben, als er zuvor angenommen hatte. »Dann warten wir solange«, entschied Warstein. »Ich brauche sowieso eine Pause. Wenn ich jetzt sofort wieder los muß, trifft mich der Schlag.«
Hartmann klappte seinen Rucksack auf und zog eine silberfarbene flache Flasche heraus, aus der er selbst einen kräftigen Schluck nahm, ehe er sie Warstein hinhielt.
»Alkohol? Wollen Sie mich umbringen?«
»Das ist kein Alkohol«, antwortete Hartmann ernsthaft. »Das ist ein uralter keltischer Zaubertrank.« Er schraubte die Flasche zu und verstaute sie wieder in seinem Rucksack. »Trinken Sie eigentlich nie?«
»Selten. So gut wie nie, stimmt.«
»Und Sie rauchen auch nicht. Haben Sie überhaupt irgendwelche Laster?«
»Wenige«, antwortete Warstein widerwillig. Er wünschte sich, Hartmann würde sich nicht ganz so verpflichtet fühlen, ihn zu unterhalten. Wenn es etwas gab, was er noch mehr haßte als Alkohol und Tabak, dann war es Small talk.
»Muß langweilig sein«, sagte Hartmann. Warstein tat ihm nicht den Gefallen, erneut darauf zu antworten, sondern ging wieder in den hinteren Teil der Hütte, die sich eigentlich schon im Inneren des Berges befand. Etwas an dieser Wand faszinierte ihn, ohne daß er genau sagen konnte, was. Mehrere Minuten lang stand er einfach da und sah den glatten Felsen vor sich an, ehe er sich, ohne ihn anzusehen, an Hartmann wandte.
»Sie haben doch eine Lampe dabei, oder?«
»Sicher.«
»Geben Sie sie mir.«
Hartmann reichte ihm eine Taschenlampe, und Warstein schaltete sie ein und ließ den kräftigen Strahl über die Wand vor sich gleiten.
Die Linien waren nicht kräftiger als die unten im Stollen, aber sie wirkten stärker, weil sie weitaus kürzer waren, und vor allem - sie waren unbeschädigt. Dieses Bild hier ergab einen Sinn. Er konnte nicht sagen welchen, und er versuchte auch erst gar nicht, es herauszufinden, aber der bloße Anblick der Zeichnung machte ihm klar, daß es sich um mehr handelte als das sinnlose Gekritzel eines alten Mannes.