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Warstein trat ans Fenster und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Als er sich wieder zu Saruter umdrehte, geschah etwas Unheimliches: er schirmte mit seinem eigenen Körper das meiste Licht ab, das durch das Fenster hereindrang, und in der künstlichen Dämmerung hier drinnen konnte er den sonderbaren Alten wieder nur als Schemen erkennen. Und wieder - und viel deutlicher diesmal - hatte er das Gefühl, einem jungen Mann gegenüberzustehen. Nein, nicht jung. Das war das falsche Wort. Zeitlos. Das war es. Saruter war nicht jung, aber er war auch nicht alt. Er war ... irgend etwas dazwischen, wofür es kein Wort gab.

Warstein machte einen Schritt zur Seite, und das hereinströmende Sonnenlicht zerstörte den Zauber des Augenblickes, worüber Warstein nicht unbedingt unglücklich war.

Er räusperte sich mehrmals, um seine Verlegenheit zu überspielen. »Nehmen Sie es Hartmann nicht übel«, sagte er. »Er macht sich nur Sorgen um mich.«

»Er ist ein guter Mann«, sagte Saruter; auf eine Weise, die Warstein klarmachte, daß das Thema damit für ihn erledigt war. Er setzte sich und machte eine einladende Geste zu Warstein, das gleiche zu tun, aber Warstein blieb stehen. Er machte nur einen Schritt zur Seite, um das Fenster vollends freizugeben.

Sehr viel heller wurde es dadurch nicht. Offenbar herrschte hier drinnen immer Zwielicht, selbst jetzt, wo die Sonne direkt ins Fenster schien. Warstein versuchte lieber gar nicht erst, sich vorzustellen, was es heißen mußte, sein ganzes Leben im Zwielicht zu verbringen. Er selbst würde nach zwei Tagen in dieser Gruft Depressionen bekommen.

Saruter blickte ihn weiter an. Er sagte nichts, aber sein Blick hatte etwas ... ja, beinahe Sezierendes. Es war Warstein längst nicht mehr nur unangenehm, von ihm angestarrt zu werden. Er glaubte beinahe körperlich zu fühlen, wie dieser Blick bis in die tiefsten Tiefen seiner Seele reichte und seine geheimsten Gedanken erriet; Dinge sah, die nicht einmal er selbst über sich wußte, und die ihn erschreckt hätten, hätte er sie gewußt.

Er hatte gehofft, daß Saruter von sich aus das Gespräch eröffnen würde, aber selbstverständlich tat er ihm diesen Gefallen nicht. Warstein fühlte sich hilflos. Er hatte sich hundert Fragen zurechtgelegt, aber nun war sein Kopf wie leergefegt. Schließlich hob er die Hand und deutete auf die Rückseite der Hütte. »Das ist ... phantastisch«, sagte er stockend. »Haben Sie das gemacht?«

Saruter fragte nicht einmal, was er meinte: das Bild oder die zwei Meter, die irgend jemand mit den Fingernägeln aus dem Fels gekratzt hatte. Er sagte einfach nur: »Ja.«

Wieder wartete Warstein vergeblich darauf, daß er von sich aus weitersprach. Als klarwurde, daß das nicht geschehen würde, löste er sich von seinem Platz am Fenster und ging an Saruter vorbei. Er hätte vielleicht nicht seine rechte Hand dafür ins Feuer gelegt, aber als er die Taschenlampe einschaltete, da war er doch fast sicher, daß das Bild nicht mehr dasselbe war wie vorhin.

»Es ist das gleiche wie ... wie im Tunnel«, sagte er stockend. Selbst jetzt fiel es ihm noch schwer, die Worte auszusprechen.

Indem er es tat, verlieh er dem Gedanken mehr an Wahrhaftigkeit.

»Es ist ähnlich«, verbesserte ihn Saruter. »Nicht das gleiche.« Als Warstein sich zu ihm herumdrehte, mußte er sich beherrschen, um die Lampe nicht eingeschaltet zu lassen und den Strahl auf ihn zu richten. Aber diesmal war seine Nervosität unbegründet. Die hünenhafte Gestalt, die auf der anderen Seite des selbstgezimmerten Tisches saß, war kein Gespenst aus den Dimensionen jenseits der Zeit. Es war einfach nur ein alter Mann.

»Stammt die Zeichnung dort auch von Ihnen?« fragte er.

Saruter lachte. Es war ein sehr gutmütiger, warmer Laut, der trotzdem etwas von der spröden Härte der Berge hatte, in denen er seit dem Tag seiner Geburt lebte. »Wie könnte ich das? Ich bin kein Zauberer. Eure Maschine kann sich in den Berg hineinfressen. Ich kann das nicht.« Er deutete mit beiden Händen auf die Wand hinter Warstein, dann breitete er sie aus und drehte die Handflächen nach oben.

»Die Kraft dieser Hände und ein ganzes Leben wären nötig, um dies zu schaffen. Wie lange würde deine Maschine dazu brauchen?«

Warstein hatte plötzlich das absurde Gefühl, sich verteidigen zu müssen. »Es ist nicht meine Maschine«, sagte er. Als Saruter nicht darauf reagierte, drehte er sich noch einmal herum, maß die Wand einige Sekunden lang abschätzend und sagte dann: »Wenige Stunden. Sicher weniger als einen halben Tag.«

»Ein halber Tag«, Saruter klang traurig und irgendwie resignierend, »um die Arbeit eines Lebens zu tun.«

»Und das macht Sie zornig?«

»Traurig«, sagte Saruter. »Es ist eine solche Vergeudung. So viel Energie und Lebenszeit, nur damit eure Straßen noch schneller und eure Wege noch kürzer werden.«

»Ich führe diese Art von Diskussion nicht«, sagte Warstein. »Damit habe ich schon vor langer Zeit aufgehört. Sie sind nichts als Verschwendung ... von Energie und Lebenszeit.«

»Warum bist du dann gekommen?«

»Warum sind Sie gekommen?« gab Warstein zurück. Allmählich fand er wenigstens einen Teil seiner gewohnten Fassung wieder. Er war weit davon entfernt, Saruter auch nur mit einem Teil seiner normalen Selbstsicherheit gegenüberzutreten, aber zumindest hatte er nicht mehr das Gefühl, auf einer Eisscholle zu stehen, die auf einem kochenden Ozean auf einen Abgrund zuschoß.

»Ich?«

»Zur Baustelle«, antwortete Warstein, obwohl Saruter ganz genau wußte, wovon er sprach. »Nicht erst an jenem Abend. Vorher. Ich selbst habe Sie ein halbes Dutzend Mal gesehen, und die Männer haben erzählt, daß Sie fast jeden Abend da waren.«

»Für eine Weile, ja.«

»Sie haben diesen langen Weg zur Baustelle hinunter und wieder hier herauf gemacht, und das jeden Tag?« vergewisserte sich Warstein. Er hatte keinen Grund, an Saruters Worten zu zweifeln, aber es erschien ihm trotzdem fast unglaublich. »Warum?«

»Weißt du das nicht?«

»Ich möchte es gerne von Ihnen hören«, erwiderte Warstein ausweichend. Tatsache war, daß Warstein es tatsächlich nicht wußte. Er hatte geglaubt, es zu wissen, aber jetzt war er nicht mehr sicher.

»Die Männer erzählen, daß Sie nie ein Wort gesagt haben«, fuhr er fort. »Ich meine, Sie haben nie Plakate geschwenkt oder ... oder Parolen gerufen oder versucht, den Männern ins Gewissen zu reden oder sonst etwas.«

»Du meinst, Kabel durchgeschnitten, Schrauben losgedreht oder mich auf den Schienen angekettet?«

Warstein lächelte. »Zum Beispiel.«

»Was hätte das genutzt?« fragte Saruter.

»Nichts«, sagte Warstein. »Aber wieso haben Sie überhaupt nichts gesagt? Ich meine, was nutzt es, ein Anliegen zu haben und niemandem davon zu erzählen?«

»Aber wozu? Was hätte es geändert?«

»Nichts«, gestand Warstein abermals, aber diesmal nicht mit einem Lächeln, sondern nach einem hörbaren Zögern. Saruter hatte recht - es hätte nicht nur nichts geändert, sondern es höchstens schlimmer gemacht. Der Alte hatte niemanden gestört, und solange er nur einfach dagestanden und nichts gesagt hatte, hatte man ihn gewähren lassen. Hätte er getan, was Warstein vorschlug, hätte man ihn schon am zweiten Tag davongejagt.

»Außerdem - ich habe erreicht, was ich wollte.«

»Und was ... war das?« fragte Warstein.

Saruter stand auf. »Komm mit«, sagte er, während er zur Tür ging. »Ich will dir etwas zeigen.«

Warstein folgte ihm aus dem Haus. Der Einsiedler war neben der Tür stehengeblieben, und zum ersten Mal überhaupt sah er sein Gesicht im hellen Sonnenlicht. Es wirkte viel weniger alt als eher verwittert; eine Skulptur, die roh aus sprödem Granit herausgemeißelt und ein Menschenalter lang Wind und Regen ausgesetzt worden war. Er war nicht nur breitschultriger und massiger als Warstein, sondern auch ein gutes Stück größer, und er hatte erstaunlich volles, weißes Haar, das lang bis auf seine Schultern herabfiel. Kein Bart.