Выбрать главу

»Am Berg? So eine Art ... Vorahnung?«

Er lauschte aufmerksam auf einen Unterton von Spott oder auch nur Ironie, aber da war nichts. »Vielleicht.«

»Was ist eigentlich damals wirklich passiert?« fragte sie plötzlich.

»Im Tunnel?« Warstein hob die Schultern. »Ich weiß es nicht. Wirklich.«

»Das weiß ich«, antwortete Angelika. »Frank hätte es mir erzählt, wenn er es wüßte. Aber das meine ich nicht. Am Berg. Überhaupt.«

»Du hast die Zeitungen gelesen«, antwortete er mit einer Geste auf seine Tasche, aus der der Rand ihres grünen Plastikordners hervorsah. »Ich glaube, wir haben irgend etwas...«

»Geweckt?« schlug Angelika vor, als er nicht weitersprach.

Das Wort gefiel ihm nicht. Trotzdem nickte er nach einigen Sekunden widerwillig. »Irgend etwas ist in diesem Berg«, antwortete er. »Oder war. Und ich denke, es wäre besser gewesen, nicht daran zu rühren.« Ihm war klar, daß das keine Antwort auf ihre Frage war, sondern sie im Gegenteil noch mehr verwirren mußte. Aber sie hatte wohl auch nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet.

Er hätte sie auch nicht geben können. Damals, vor drei Jahren, da hatte er geglaubt, es zu wissen, aber das stimmte nicht. Er hatte so wenig gewußt wie alle anderen. Das allermeiste von dem, was letztendlich zu seinem Hinauswurf aus dem Projekt geführt hatte, war einfach Unsinn gewesen. Von seinem Standpunkt aus hatte Franke durchaus recht gehabt, ihn zu feuern.

Er mußte wieder an Saruter denken, und auch das war etwas, was er jetzt erst wirklich verstand: er würde es wissen, wenn die Zeit gekommen war. Sie hatten einen Stein losgetreten, der seit drei Jahren zu Tal polterte und dabei langsam zur Lawine wurde. Vielleicht würde sie sie alle zerschmettern, vielleicht bestand sie auch nur aus Rauch und Staub. Er würde es wissen. Wenn die Zeit gekommen war.

Lohmann kam zurück, begleitet von einer Stewardeß, die freundlich, trotzdem aber mit großem Nachdruck darauf beharrte, daß er sich wieder setzte und den Sicherheitsgurt anlegte. Der Journalist gehorchte, aber nicht, ohne jeden Handgriff mit einer Flut zynischer Kommentare zu begleiten. Die Stewardeß ließ alles wortlos über sich ergehen, aber man sah ihr an, daß sie froh war, endlich zu ihrem Platz zurückkehren zu können.

»Was tun Sie da eigentlich?« fragte Angelika. »Versuchen Sie, Ihrer Rolle gerecht zu werden, oder sind Sie wirklich so ein Ekel?«

»Vielleicht beides?« Lohmann grinste, entzündete sich trotz des leuchtenden NO-SMOKING-Schildes eine Zigarette und ergatterte immerhin zwei Züge, ehe die Stewardeß kam und ihn aufforderte, sie zu löschen.

Das schlechte Wetter hielt sich, während sie zur Landung ansetzten. Die Wolken rissen erst im allerletzten Moment auf, aber Warstein hätte von der Landung ohnehin nichts mitbekommen. Sein Hang zur Selbstkasteiung ging nicht so weit, auch noch während der Landung aus dem Fenster zu sehen. Warstein saß mit zusammengepreßten Lidern und steif wie ein Brett da, bis die Maschine mit einem sanften Ruck aufgesetzt hatte und das Motorengeräusch wieder lauter wurde, als der Pilot Gegenschub gab.

Als er die Augen wieder öffnete, begegnete er Angelikas Blick. Und diesmal erkannte er eindeutig ein spöttisches Glitzern darin.

»Was ist so komisch?« fragte er.

»Oh, nichts«, antwortete Angelika amüsiert. »Lacht ihr Männer nicht auch, wenn wir Frauen beim Anblick einer Maus auf den nächsten Tisch springen?«

»Ich stehe auf keinem Tisch«, sagte Warstein gepreßt.

»Aber du würdest gerne darunterkriechen, stimmt's?«

Gegen seinen Willen mußte Warstein lachen. »Stimmt«, sagte er. »Erinnere mich daran, daß ich mir für den Rückweg einen Tisch mitnehme. So einen kleinen, den man zusammenklappen kann, weißt du?«

»Könntet ihr beiden aufhören, Unsinn zu reden?« fragte Lohmann verärgert.

»Sie haben vergessen zu sagen: auf meine Kosten«, fügte Warstein in liebenswürdigem Tonfall hinzu. Lohmann spießte ihn mit Blicken regelrecht auf, aber er sagte nichts mehr.

Die Maschine rollte aus, und da sie die einzigen Passagiere der ersten Klasse waren, gingen sie auch zuerst von Bord. Sie hatten kaum Gepäck; also gab es auch keine nennenswerten Zollformalitäten, und die Paßkontrolle bestand aus einem gelangweilten Blick in ihre Ausweise, für den sie noch nicht einmal ihre Schritte verlangsamen mußten.

»Wartet hier«, sagte Lohmann. »Ich habe einen Leihwagen bestellt. Ich sehe nur rasch, wo der EUROPCAR-Schalter ist.« Er verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, und Warstein und Angelika traten ein kleines Stück zur Seite, um den nachfolgenden Passagieren nicht im Weg zu stehen.

»Wozu um alles in der Welt braucht er einen Leihwagen?« fragte Warstein. »Er hat doch wohl nicht vor, mit dem Auto nach Ascona zu fahren?«

»Warum nicht?«

»Warum, glaubst du wohl, haben wir fünf Jahre lang an diesem Berg herumgebohrt?« fragte Warstein. »Um eine vernünftige Bahnverbindung zwischen -«

»Die ist geschlossen«, unterbrach ihn Angelika.

Warstein blinzelte. »Wie?«

»Wußtest du das nicht?« Angelika wirkte ehrlich überrascht. »Ich dachte, du hättest die Geschichte im Fernsehen verfolgt.«

»Nicht alles«, sagte Warstein. »Aber das kann nicht sein. Sie können nicht die Strecke über Ascona eine ganze Woche lang sperren. Der Verkehr in der halben Schweiz würde zusammenbrechen!«

»Ganz genau das ist passiert«, antwortete Angelika. »Sag bloß, du weißt nichts davon!«

Er hatte es wirklich nicht gewußt, aber im Grunde hätte er nicht überrascht sein dürfen - es war nur ein weiterer Puzzlestein, der sich fugenlos in das Bild einpaßte. »Und mit welcher Begründung?«

Angelika zuckte die Achseln und überlegte einen Moment.

»Ich glaube, sie wollten sichergehen, daß die Explosion die Struktur der Tunnelröhre nicht beschädigt hat.«

»Lächerlich«, sagte Warstein. »Was sollen diese angeblichen Terroristen benutzt haben? Eine Atombombe?«

»Der Zug sah ziemlich übel aus«, gab Angelika zu bedenken.

»Eine Explosion, die den Tunnel so in Mitleidenschaft zieht, daß er geschlossen werden muß, hätte den Zug in seine Atome zerblasen«, sagte Warstein. Er schüttelte überzeugt den Kopf. »Sie haben irgendeinen anderen Grund, den Tunnel zu sperren.«

Hinter ihnen wurden Stimmen laut, die aufgeregt miteinander diskutierten, ohne daß sie die Worte verstehen konnten. Warstein drehte sich neugierig herum. Der Zollbeamte war aus seiner Lethargie erwacht, aber das war auch nicht weiter erstaunlich - der Anblick der drei buntgekleideten Gestalten, die offenbar mit dem gleichen Flugzeug gekommen waren wie Warstein, Angelika und Lohmann, hätte jeden aufgeweckt.

Es waren Farbige. Ihre Haut war nicht braun, sondern von jenem echten, tiefen Schwarz, wie es selbst bei reinrassigen Afrikanern der hundertsten Generation nur äußerst selten zu finden ist. Ihre Köpfe waren kahlgeschoren, aber so sehr von Stammes- und Zeremoniennarben übersät, daß es schon fast wieder wie eine eigene, bizarre Haartracht wirkte. Alle drei waren in farbige Gewänder gehüllt, die sich in Muster und Farben voneinander unterschieden, trotzdem aber große Ähnlichkeit miteinander hatten. Man mußte kein Ethnologe sein, um zu erkennen, daß es sich bei den drei Männern offensichtlich um einen Stammeshäuptling und seine beiden Medizinmänner handelte; oder zumindest etwas in dieser Art. Obwohl es selbst hier drinnen alles andere als warm war, trugen sie keine Schuhe. Der, den Warstein für den Häuptling hielt, stützte sich auf einen gut zwei Meter langen Speer mit einer zwar hölzernen, nichtsdestoweniger aber rasiermesserscharfen Spitze. Warstein fragte sich, wie er das Ding durch die Sicherheitskontrollen bekommen hatte.

»Es sieht so aus, als hätten sie Schwierigkeiten mit ihren Pässen«, sagte Angelika.

»Wahrscheinlich«, sagte Warstein. »Obwohl ich es schon erstaunlich finde, daß sie überhaupt Pässe haben.«