»Vielleicht nicht so schnell.«
Warstein sah hoch und blickte in Lohmanns Gesicht. Der Journalist war zurückgekommen, ohne daß er es gemerkt hatte, und zu Warsteins Überraschung hielt er in seiner unbandagierten Hand kein Cognacglas, sondern ein Blatt Papier. Vermutlich die Rechnung.
»Ihr beiden verstoßt schon wieder gegen die Spielregeln«, sagte er vorwurfsvoll. »Ich dachte, wir hätten uns geeinigt, nicht über unser gemeinsames Projekt zu reden, solange ich nicht dabei bin.«
Warstein konnte sich nicht erinnern, daß einer von ihnen etwas dementsprechendes geäußert hätte. Aber er verspürte wenig Lust, darüber mit Lohmann zu streiten.
»Können wir aufbrechen?« fragte er.
»Klar.« Lohmann verstaute die Quittung in seiner Jeansjacke und schulterte seine Fototasche. Er machte keine Anstalten, nach dem Koffer zu greifen, der neben dem Tisch auf dem Boden stand. Angelika auch nicht. Und Warstein schon gar nicht.
»He!« protestierte Lohmann. »Was ist mit dem Koffer?«
»Was soll damit sein?« fragte Warstein. »Gehört Ihnen, oder?«
»Meine Hand ist verletzt«, sagte Lohmann. »Sie tut höllisch weh.«
»Das tut mir ausgesprochen leid«, behauptete Warstein mit dem unverschämtesten Grinsen, das er überhaupt zustandebrachte. »Aber Sie haben ja noch eine. Und ich halte Ihnen die Türen auf.«
Lohmanns Blicke wurden noch feindseliger, als sie es bisher schon gewesen waren. Aber er sagte nichts, sondern raffte nur zornig seinen Koffer an sich und stürmte vor ihnen aus dem Restaurant.
Das Wetter hatte sich noch verschlechtert, seit sie gelandet waren. Der Nebel war fort, aber dafür hatte es in Strömen zu regnen begonnen. Die Straße glich einem knöcheltiefen Fluß, und der Himmel sah aus wie eine schmutzige Bleiplatte, die so niedrig hing, daß man meinte, sie mit den ausgestreckten Armen berühren zu können.
Sie verließen das Flughafengebäude, blieben aber unter dem Vordach stehen, und Lohmann machte eine entsprechende Geste, zur Seite zu treten und zu warten. »Ich hole den Wagen«, sagte er. »Er steht auf dem Parkplatz da drüben. Es reicht, wenn einer von uns naß wird. Ihr könnt ja inzwischen auf mein Gepäck achten - falls das nicht zuviel verlangt ist, heißt das.«
Er ließ die Fototasche von der Schulter gleiten, stellte sie neben seinen Koffer und rannte im Laufschritt und gebückt los. Der Regen war so dicht, daß er seine Gestalt zu verschlucken schien, noch ehe er die Straße halb überquert hatte. »Hoffentlich holt er sich eine Lungenentzündung«, murmelte Warstein.
Diesmal lachte Angelika nicht, sondern sah ihn nur sehr nachdenklich an. »Warum bist du so feindselig ihm gegenüber?« fragte sie.
»Bin ich nicht«, sagte Warstein, obwohl die Behauptung selbst in seinen eigenen Ohren reichlich albern klang. »Ich bin feindselig allen Journalisten gegenüber. Sie haben mir den Rest gegeben damals, weißt du?«
»Haben sie das?« fragte Angelika.
»So, wie ich es sage.«
»Ich kann dich verstehen, aber trotzdem - so, wie ich die Sache sehe, hast du dir selbst den Rest gegeben.«
Warstein schluckte seinen Ärger herunter. Statt sie anzufahren, wonach ihm zumute war, drehte er sich mit einem Ruck herum und starrte in den Regen hinaus. Das Schlimme war, dachte er, daß sie wahrscheinlich recht hatte. Er hatte sich in etwas hineingesteigert damals, von dem er heute vielleicht wußte, daß er im Recht gewesen war. Damals hatte er das nicht wissen können. Hätte er damals auch nur eine Sekunde ruhig nachgedacht, statt blindlings gegen Windmühlenflügel anzurennen, wäre sicher vieles anders gekommen. Er hätte nichts erreicht, aber vielleicht weitaus weniger Schaden angerichtet. Er hätte sich weniger Schaden zugefügt.
»Wir brauchen ihn«, fuhr Angelika nach einer Weile fort. »Wenigstens, bis wir in Ascona sind. Ich glaube nicht, daß Franke sich darauf verläßt, daß du seinen Gerichtsentscheid liest und sofort wieder nach Hause fährst. Er wird versuchen, uns aufzuhalten.«
»Viel Spaß«, sagte Warstein ärgerlich. »Wir sind hier in der Schweiz, nicht in Rußland. Die Eidgenossen sind vielleicht ein bißchen seltsam, aber das hier ist trotz allem ein freies Land. Niemand kann uns daran hindern, hinzugehen, wohin wir wollen.«
»Er kann dich immerhin daran hindern, den Berg zu betreten.«
»Kann er nicht«, antwortete Warstein trotzig. Er hatte das Schreiben gelesen, das Franke ihm gegeben hatte, während Angelika sich um Lohmanns Hand kümmerte. Sehr aufmerksam. »Es ist mir verboten, das Betriebsgelände der Tunnelgesellschaft zu betreten«, sagte er betont. »Nicht den Berg. So weit reicht Frankes Allmacht nun doch nicht.«
»Ich glaube nicht, daß es ihn sonderlich interessiert, was er darf und was nicht.« Angelika zog eine Packung Zigaretten aus ihrer Handtasche und betätigte ihr Feuerzeug, aber der Wind war so stark, daß er die Flamme sofort wieder ausblies. Sie versuchte es sieben- oder achtmal, ehe sie verärgert aufgab und die Zigarette in den Regen hinauswarf. »Ich traue ihm durchaus zu, daß er versucht, uns irgendwie aufzuhalten.«
Das tat Warstein auch. Mehr noch - er war sogar sicher, daß Franke sich irgendeine heimtückische Überraschung für sie ausgedacht hatte. Er hatte keine Angst davor. Neben allem anderen gehörte auch das dazu: es wurde Zeit, daß er sich Franke stellte und die Sache ein für allemal klärte. Aber der Gedanke an Franke brachte ihn wieder zu einer Frage, die er im Grunde schon vor einer Stunde hatte stellen wollen. »Warum hast du sein Angebot abgelehnt?«
»Wessen Angebot?«
»Frankes«, antwortete Warstein geduldig. Angelika wußte genau, wovon er sprach. »Er hat dir angeboten, dir bei der Suche nach deinem Mann zu helfen.«
»Die Frage meinst du doch nicht ernst, oder?«
»Doch.« Er hob die Hand, als sie protestieren wollte. »Ich an deiner Stelle hätte angenommen. Selbst wenn er die Wahrheit sagt und nicht weiß, wo dein Mann ist - er hat sehr viel mehr Möglichkeiten, ihn zu finden, als Lohmann oder gar ich. Und du hast schließlich keinen Streit mit ihm.«
Angelika sagte eine ganze Weile gar nichts, aber in ihrem Gesicht arbeitete es. Schließlich kramte sie eine neue Zigarette aus ihrer Handtasche, und diesmal kämpfte sie so lange mit dem Feuerzeug, bis es ihr gelungen war, sie in Brand zu setzen.
»Wer sagt dir, daß ich keinen Streit mit ihm habe?« Sie blies eine Rauchwolke in den Regen hinaus, die der Wind sofort ergriff und auseinanderriß.
»Bis vor einer Stunde kanntest du ihn ja nicht einmal.«
»Man kann auch Streit mit jemandem haben, den man nicht kennt«, sagte sie heftig. »Der Kerl lügt.«
»Ich weiß. Aber woher weißt du das?«
»Er hat behauptet, er wüßte nicht, wo Frank und die anderen sind. Aber das stimmt nicht. Er weiß es ganz genau.«
»Wie kommst du darauf?« Warstein wurde hellhörig.
»Weil ich es auch weiß«, sagte Angelika. Sie wich seinem Blick aus und sog nervös an ihrer Zigarette.
»Wie?« machte Warstein.
»Ich weiß nicht, wo Frank ist«, antwortete Angelika, noch immer, ohne ihn direkt anzusehen. »Aber ich weiß, wo mindestens drei der anderen sind. Und die Vermutung, daß die anderen in ihrer Nähe sind, liegt auf der Hand, oder?«
»Wo?« fragte Warstein scharf. Er war nicht einmal sehr überrascht, aber enttäuscht und verärgert. Er hatte ihr im Flugzeug stillschweigend Ehrlichkeit geschworen, und er hatte ganz selbstverständlich angenommen, daß dieses Versprechen auf Gegenseitigkeit beruhte. Vielleicht war das eine etwas naive Annahme gewesen.
»In Ascona«, antwortete Angelika. »Nicht direkt in Ascona, sondern in einem kleinen Ort in der Nähe. Sie wurden dort gesehen. Lohmann hat es herausgefunden. Und wenn er es weiß, weiß Franke es garantiert auch.«