»Warum hast du mir nichts davon gesagt?«
»Warum! Warum!« Sie sog erneut an ihrer Zigarette, schleuderte sie plötzlich zu Boden und trat wütend mit dem Absatz darauf. »Falls du es vergessen hast: du hast mich gestern praktisch aus deiner Wohnung geworfen. Ich hatte wenig Gelegenheit, dir irgend etwas zu sagen!«
»Du hattest immerhin Gelegenheit, mir zu sagen, daß dein Mann verschwunden ist«, antwortete er. Er hatte Mühe, sich noch zu beherrschen und sie nicht anzuschreien. »Und mich zu bitten, dir bei der Suche nach ihm zu helfen. Allmählich frage ich mich, warum ich überhaupt hier bin.«
Er las die Antwort auf seine Frage in ihren Augen, und diese Erkenntnis machte ihn wirklich wütend.
»Lohmann.«
Sie sah weg.
»Er hat es verlangt, nicht?« Für eine Sekunde hatte er Lust, sie zu packen und gewaltsam herumzureißen, so daß sie ihn ansehen mußte. Aber sein Zorn verrauchte, noch bevor er die Hand heben konnte. »Das war die Bedingung, damit er dir hilft, stimmt's? Daß ich dabei bin. Er hofft auf eine kleine Sensation. Und sei es nur, daß ich einen Stein nehme und Franke endlich den Schädel einschlage!«
»Lohmann ist mir egal«, sagte Angelika. Sie drehte sich herum und sah ihn nun doch an, und obwohl Warstein sah, wie schwer es ihr fiel, waren ihr Blick und ihre Stimme sehr fest. »Es ist nicht damit getan, Frank und die anderen zu finden. Du hast recht. Dafür hätte er dich nicht gebraucht.«
»Wie reizend«, sagte Warstein. »Und wozu brauchst du mich? Um Franke abzulenken?«
»Du hast sie schon einmal zurückgeholt«, sagte Angelika. »Du hast es damals getan und ... vielleicht kannst du es wieder tun.«
»Das war etwas anderes«, sagte Warstein. »Verdammt, ich weiß ja nicht einmal, was ich getan habe - wenn ich etwas getan habe. Vielleicht war es reiner Zufall. Ich war einfach der erste, der bei ihnen war. Jeder hätte es sein können.«
»Es war aber nicht jeder«, antwortete Angelika stur. »Und Zufall? Ich beginne mich ernsthaft zu fragen, ob es so etwas wie Zufall überhaupt gibt.«
Nach seinem Zorn verrauchte nun auch seine Enttäuschung. Er war noch immer verletzt, und er würde wahrscheinlich lange brauchen, um es ganz zu überwinden, aber plötzlich konnte er sie verstehen. Sie hatte nichts von dem, was ihn gerade noch so zornig gemacht hatte, aus Berechnung getan, sondern einfach, weil sie verzweifelt gewesen war. Sie war eine Ertrinkende, die natürlich nach jedem Strohhalm griff, der sich ihr bot. Er an ihrer Stelle hätte vermutlich nicht anders gehandelt.
»Du mußt deinen Mann wirklich sehr lieben«, sagte er.
»Da kommt Lohmann«, sagte Angelika. In überraschtem Ton fügte sie hinzu. »Zu Fuß!«
Warstein fuhr erstaunt herum. Lohmann kam tatsächlich aus der gleichen Richtung zurück, in die er verschwunden war, im Laufschritt, triefnaß und mit einem Gesichtsausdruck, gegen den der Himmel über der Stadt geradezu freundlich wirkte.
»Was ist los?« fragte Warstein. »Wo ist der Wagen?«
»Eine gute Frage«, sagte Lohmann. »Ich werde sie dieser dämlichen Tussi bei der Autovermietung stellen. Und gnade ihr Gott, wenn sie nicht die genialste Ausrede dieses Jahrhunderts parat hat.«
Er stürmte an Warstein und Angelika vorbei, ohne sein Gepäck auch nur eines Blickes zu würdigen, und wäre um ein Haar mit den Automatiktüren kollidiert, die nur halb so schnell auseinanderglitten, wie er hineinstürmte.
Warstein schnappte sich seinen Koffer und die Fototasche und folgte ihm. Obwohl Angelika und er kräftig ausschritten, hatte Lohmann den Schalter längst erreicht, als sie ihn einholten. Seine Stimme mußte im Umkreis von dreißig Metern zu hören sein.
»Nicht besonders witzig, das können Sie mir glauben! Auf diesem Anhänger steht Parkplatz 2133, und ich war bei Parkplatz 2133. Aber dort steht kein Wagen.« Er schwenkte zornig einen Autoschlüssel mit einem auffälligen Kunststoffanhänger vor dem Gesicht einer jungen Frau, die die grüne Uniform der Leihwagenfirma trug und ihm aufmerksam zuhörte. Allerdings zeigte sie sich von seinem Wutausbruch nicht sonderlich beeindruckt. Vermutlich war sie solche Auftritte gewohnt. Sie tat Lohmann nicht den Gefallen, nach dem Autoschlüssel zu greifen, den er noch immer vor ihrem Gesicht herumschwenkte wie ein Hypnotiseur das Pendel vor dem seines Opfers, sondern wartete gelassen ab.
»Ich bin sicher, es handelt sich nur um ein Mißverständnis, das wir rasch aufklären können«, sagte sie. »Wenn ich vielleicht den Schlüssel...?«
Lohmann knallte den Schlüssel vor ihr auf die Theke. Die junge Frau nahm ihn mit unbewegtem Gesicht entgegen, warf einen flüchtigen Blick auf den Anhänger und tippte etwas in die Tastatur ihres Computers.
»Da haben wir es ja schon«, sagte sie, während sie konzentriert auf ihren Monitor blickte.
»Ein bedauerliches Mißverständnis, nehme ich an?« sagte Lohmann höhnisch.
»Ich fürchte, nein. Der Wagen wurde beschädigt.«
»Wie bitte?« machte Lohmann.
»Sie wollten den weißen BMW, nicht wahr? Ich fürchte, der Wagen steht nicht mehr zur Verfügung. Es tut mir sehr leid, aber jemand ist vor einer halben Stunde beim Rangieren auf dem Parkplatz rückwärts hineingefahren. Der Wagen wurde in die Werkstatt geschleppt.«
»Das darf doch nicht wahr sein!« empörte sich Lohmann. »Ich habe gestern abend telefonisch von München aus -«
»Gestern abend war er ja auch noch in Ordnung«, unterbrach ihn die junge Frau. »Vor einer Stunde, als Sie die Papiere abgeholt haben, übrigens auch noch.« Sie wirkte noch immer kein bißchen nervös, obwohl Lohmann sichtlich kurz davor stand, zu explodieren.
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?« keuchte Lohmann.
»Keineswegs. Ich bedaure es außerordentlich. Wir versuchen unsere Kunden nach Möglichkeit zufriedenzustellen, aber so etwas nennt man höhere Gewalt, und dagegen sind leider auch wir machtlos.« Sie nahm den Autoschlüssel und warf ihn achtlos in eine Schublade. »Sollten Sie bereits eine Anzahlung geleistet haben, erstatten wir sie Ihnen selbstverständlich zurück.«
Lohmanns Gesicht hatte mittlerweile die Farbe einer überreifen Tomate angenommen, aber zu Warsteins Überraschung beherrschte er sich noch immer. »Also gut«, seufzte er. »Dann geben Sie mir einen anderen Wagen.«
»Ich bedaure, aber ich fürchte...«
»Es muß kein weißer BMW sein«, unterbrach sie Lohmann. Seine Stimme klang jetzt bereits gefährlich leise. »Von mir aus geben Sie mir einen grünweiß karierten Lada. Aber tun Sie es schnell!«
»Ich fürchte, ich muß sie enttäuschen«, sagte die junge Frau. »Der BMW war unser letzter Wagen.«
»Wie bitte?« Lohmann japste nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
»Sie hatten Glück, ihn überhaupt zu bekommen. Wir sind seit einer Woche vollkommen ausgebucht. Es tut mir wirklich außerordentlich leid.«
»Jetzt reicht's!« sagte Lohmann drohend. »Sie wollen mir erzählen, daß Sie keinen Wagen für mich haben? Obwohl ich telefonisch gebucht und eine Zusage erhalten habe?«
»Hören Sie«, mischte sich Angelika ein - wahrscheinlich nur, um die Situation zu entspannen, bevor Lohmann endgültig explodierte. Sie erregten schon jetzt genug Aufsehen. »Wir sind nicht anspruchsvoll. Irgendein Wagen genügt - schlimmstenfalls auch einer mit einer kleine Beule oder einem Kratzer.«
»Ich bedaure«, sagte die Frau in der grünen Uniform stur - wenn auch in hörbar freundlicherem Ton als dem, den sie Lohmann gegenüber angeschlagen hatte. »Aber wir sind wirklich vollkommen ausgebucht.«
»Damit kommen Sie nicht durch!« empörte sich Lohmann. »Ich will Ihren Geschäftsleiter sprechen, auf der Stelle!«
»Lassen Sie es sein. Lohmann«, sagte Warstein ruhig.
Lohmann schenkte ihm einen giftigen Blick und wandte sich erneut zu der Frau hinter der Theke. »Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«
»Unser Geschäftsführer wird Ihnen nichts anderes sagen - aber ganz wie Sie wünschen.« Sie hob einen Telefonhörer ab und begann leise hineinzusprechen, ohne eine Nummer gewählt zu haben.