Warstein sagte nichts. Er hatte vier- oder fünfmal dazu angesetzt, etwas zu sagen, seit er Frankes Büro betreten hatte, aber er war nie über die ersten drei Worte hinausgekommen. Franke hatte ihn nicht hierherzitiert, um sich mit ihm zu unterhalten, sondern um einen Monolog zu halten, das hatte er schon nach ein paar Minuten begriffen. Einen Monolog, bei dem er der Zuhörer war und die Klappe zu halten hatte.
»Ich mag Sie, Warstein«, fuhr Franke fort. »Ich mochte Sie schon immer, schon damals, als Sie meine Vorlesungen besucht haben. Ich erkenne Leute mit Talent, und ich habe schon damals gewußt, daß in Ihnen eine Menge Potential steckt. Das war auch der Grund, warum ich Sie zu diesem Projekt gerufen habe.« Das war glatt gelogen. Der einzige Mensch auf der Welt, den Franke mochte, war er selbst. Aber er hatte recht, wenn er sagte, daß er Leute mit Talent erkannte. Er war schon zu seiner Zeit als Dozent in Nürnberg gut darin gewesen, sich begabte junge Mitarbeiter zu suchen und die Lorbeeren ihrer Arbeit einzuheimsen, und das war der Grund, aus dem er Warstein hierhergeholt hatte. »Aber allmählich beginne ich mich zu fragen, ob es vielleicht nicht doch ein Fehler war, Warstein. Was ist eigentlich mit Ihnen los? Was Sie erlebt haben, war vielleicht schlimm, aber es ist fast vier Wochen her! Ich habe eine Menge Geduld mit Ihnen gehabt, aber irgendwann ist es genug. Sie sind hier angestellt, um sich um die Elektronik und die Vermessung zu kümmern, nicht um Gespenster zu jagen! Und so ganz nebenbei - Sie werden verdammt gut dafür bezahlt.«
»Es sind keine Gespenster«, antwortete Warstein.
»Ach? Und wie nennen Sie das hier?« Frankes linke Hand klatschte auf eine gelbe Mappe herunter, die auf seinem ansonsten vollkommen leeren Schreibtisch lag.
»Das sind Fakten«, antwortete Warstein. Offensichtlich hatte sich Franke entschlossen, ihn doch noch zu Wort kommen zu lassen. »Und außerdem sind es meine privaten Aufzeichnungen. Sie waren nicht für Sie bestimmt.«
Die Worte waren vielleicht nicht unbedingt klug gewählt. Frankes trotz allem bisher noch halbwegs moderate Laune verschlechterte sich schlagartig. »Für wen dann?« fragte er scharf.
»Für niemanden«, antwortete Warstein. Er mußte sich beherrschen, um seinen Ärger nicht zu deutlich werden zu lassen. Franke hatte nicht das geringste Recht, in seinen privaten Unterlagen herumzuschnüffeln - aber jetzt war nicht der Moment, das zu klären.
»Für niemanden«, wiederholte Franke. Er setzte sich gerade auf und begann in der Mappe zu blättern. »Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn das hier in die falschen Hände gerät? Zum Beispiel in die irgendeines Zeitungsschmierers?«
»Das ist völlig ausgeschlossen«, behauptete Warstein. »Es ist eine private Datei, die...«
»...Sie auf einem Fünf-Millionen-Computer angelegt haben, der hier steht, damit Sie Ihre Arbeit darauf erledigen, nicht, um Hirngespinsten nachzujagen«, unterbrach ihn Franke.
»Es sind keine Hirngespinste.« Warstein verfluchte sich zum ungefähr hundertsten Mal dafür, daß er die Datei nicht besser geschützt hatte. Aber er hatte Franke einfach unterschätzt - sowohl was seine Fähigkeiten als Hacker anging als auch seine Skrupellosigkeit. Die Partition war unübersehbar als privat gekennzeichnet gewesen.
»Wenn Sie alles gelesen haben, dann wissen Sie es auch. Mit diesem Berg stimmt etwas nicht!«
Franke seufzte. Er legte den Bleistift aus der Hand, faltete die Hände unter dem Kinn und sah ihn zwei, drei Sekunden lang beinahe traurig an. »Ich hätte es vorgezogen, nicht so deutlich werden zu müssen«, sagte er, »aber ich fürchte, der einzige, mit dem hier etwas nicht stimmt, sind Sie.«
»Aber sehen Sie es denn nicht?« fragte Warstein. Seine innere Stimme riet ihm, den Mund zu halten, aber er hörte nicht auf sie. Ob er Franke mochte oder nicht - der Mann war nicht dumm. Und man mußte schon blind sein, um die Bedeutung der Fakten, die er in den vergangenen Wochen zusammengetragen hatte, nicht zu erkennen. »Dieser Berg ist...«
»Verhext?« schlug Franke vor.
Warstein spürte ganz deutlich, in welche Richtung Franke ihn locken wollte, aber er war einfach nicht in der Lage, auf die immer lauter werdende Warnung zu hören, die sein Verstand ihm zuschrie. »Meinetwegen nennen Sie es so«, sagte er aufgebracht. »Selbst Sie müssen doch begreifen, daß hier irgend etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Maschinen spielen verrückt, Uhren gehen rückwärts in diesem Berg, und Menschen verschwinden und tauchen nach zwei Tagen wieder auf. Und das ist längst nicht alles. Was war letzte Woche? Was war mit den drei Männern, die sich nicht erinnern können, was sie fünf Stunden lang getan haben?«
»Zumindest haben sie nicht gearbeitet«, sagte Franke gelassen. »Woher soll ich wissen, was sie sich dabei gedacht haben? Und was den Rest angeht - man kann die Dinge natürlich so sehen, aber von einem naturwissenschaftlich gebildeten Mann wie Ihnen hätte ich eigentlich etwas anderes erwartet.« Seine Stimme wurde schärfer. »Was soll dieser Unsinn? Daß Maschinen manchmal nicht tun, was man von ihnen erwartet, kommt von Zeit zu Zeit vor. Wenn ich die Fakten in Ihrem sogenannten Bericht richtig verstanden habe, scheint es sich überdies hauptsächlich um Ihre Meßeinheiten zu handeln, die nicht richtig funktionieren. Vielleicht liegt der Fehler ja da. Haben Sie diese Möglichkeit schon einmal in Betracht gezogen?«
»Der Laser arbeitet einwandfrei«, antwortete Warstein. »Was nicht stimmt, sind die Ergebnisse, die er liefert.«
»Ich weiß.« Franke lächelte, schlug den Hefter auf und blätterte einen Moment darin. »Was hat die letzte Messung ergeben? Einskommadrei Millionen Kilometer? Also, ich sehe da nur zwei Möglichkeiten: entweder unsere Maschinen sind sehr viel besser, als wir dachten, und wir haben den absoluten Weltrekord im Tunnelgraben aufgestellt, oder Ihr famoses Lasermeßgerät funktioniert nicht richtig.«
»Es arbeitet tadellos, und das wissen Sie so gut wie ich«, antwortete Warstein ärgerlich. »Ein solches Ergebnis ist einfach unmöglich.«
»Sie sagen es. Sie sind doch Wissenschaftler, oder? Jedenfalls habe ich das bis vor kurzem noch geglaubt. Was tut ein Wissenschaftler, wenn er bei einem Experiment zu einem Ergebnis gelangt, das einfach nicht möglich ist? Er sucht den Fehler in seinem Experiment. Jedenfalls habe ich das so gelernt, und ich habe versucht, es Ihnen auch so beizubringen. Und was tun Sie?« Er klappte die Mappe mit einer zornigen Bewegung zu. »Sie versuchen die Wirklichkeit zu verbiegen, damit sie zu den Ergebnissen Ihres Experimentes paßt, nicht mehr umgekehrt. Das ist keine sehr wissenschaftliche Einstellung.«
»Das, was hier passiert, hat auch nichts mit Wissenschaft zu tun«, antwortete Warstein. »Jedenfalls nicht mit unserer Art von Wissen.«
Diese Worte waren der schwerste Fehler, den er begangen hatte, das wurde ihm erst später wirklich klar, aber im Ansatz begriff er es schon, als er die Reaktion auf Frankes Gesicht sah.
»Hoppla«, sagte Franke. »Damit wären wir ja beim Kern der Sache, nicht?«
»Ich weiß, es hört sich verrückt an...«
»Das tut es«, sagte Franke.
»Aber Sie müssen es doch selbst spüren. In diesem Berg ist irgend etwas. Ich weiß nicht was. Ich habe nicht einmal eine Ahnung, was es sein könnte, aber irgend etwas ist da. Gehen Sie hinein. Gehen Sie in den Tunnel, und sehen Sie sich um. Es ist so deutlich, daß man es fast anfassen kann. Reden Sie mit den Leuten! Fragen Sie die Arbeiter, jeden einzelnen! Sie spüren es auch. Die Männer haben Angst, den Berg zu betreten. Dort drinnen ist irgend etwas, und wir haben es geweckt!«
Er konnte beinahe hören, wie die Falle zuschnappte, noch bevor Franke sich vorbeugte und sagte: »Also lassen Sie die Katze endlich aus dem Sack. Sie sind also der Meinung, wir hätten irgendeinen Geist oder so etwas geweckt? Schlagen Sie vielleicht vor, daß wir die Arbeit einstellen und den Stollen wieder zuschütten?«