»Das habe ich nicht gesagt!« verteidigte sich Warstein. »Aber hier geht irgend etwas vor! Wenn Sie mir schon nicht glauben wollen, dann sehen Sie die Sache von Ihrem verdammten wissenschaftlichen Standpunkt und geben Sie zu, daß hier Dinge geschehen, die wir nicht erklären können, und fragen Sie sich, warum das so ist.« Er hatte sich in Rage geredet, und Frankes Reaktion verriet ihm, daß das ganz genau das war, was Franke hatte erreichen wollen.
»Warstein, hier geschieht überhaupt nichts Geheimnisvolles oder Unerklärliches«, sagte er ruhig. »Ich gebe zu, daß ich auch keine Erklärung für die Geschichte mit Trupp neunzehn und Ihnen habe - aber das bedeutet doch nicht, daß ich plötzlich anfange, an Gespenster zu glauben. Muß ich Ihnen wirklich erklären, daß die Wissenschaft zu allen Zeiten hundertmal mehr ungelöste Fragen als Antworten kannte? Gut, einige der Leute hier haben Angst. Hysterie, mehr nicht. Vorfälle wie die vor vier Wochen ziehen so etwas fast zwangsläufig nach sich, das wissen Sie verdammt genau. Was soll ich Ihrer Meinung nach tun? Einen Wünschelrutengänger kommen lassen?«
»Jetzt werden Sie unsachlich.«
»Unsachlich«, antwortete Franke scharf und schlug erneut mit der flachen Hand auf den Hefter, »ist das hier. Sie behaupten, es wären Fakten. Es sind keine. Es ist ein Science-fiction-Roman und noch dazu ein schlechter. Dafür werden Sie nicht bezahlt, Warstein.«
»Dann werfen Sie mich doch raus!« sagte Warstein zornig.
»Das werde ich nicht tun«, erwiderte Franke. »Jedenfalls noch nicht. Sie sind zu gut, als daß ich so einfach auf sie verzichten würde. Verdammt, Junge, ich will Ihnen helfen, begreifen Sie das endlich.«
»Dann hören Sie mir zu«, verlangte Warstein. »Nur ein paar Minuten!«
»Nein«, sagte Franke. »Das werde ich nicht. Sie werden mir zuhören.«
»Aber ich -«
»Bis zu diesem Moment«, unterbrach ihn Franke mit leicht erhobener Stimme, »haben wir uns sozusagen privat unterhalten. Was jetzt folgt, ist der offizielle Teil - und ich rate Ihnen, ihn ernst zu nehmen. Sie haben seit der Geschichte im Berg Ihre Arbeit vernachlässigt, um nicht zu sagen, gar nicht mehr getan. Statt dessen haben Sie wertvolle Arbeits- und noch teurere Computerzeit mit diesem Unsinn vertan. Das hört ab sofort auf. Ich verbiete Ihnen, weitere Forschungen in dieser Richtung zu betreiben, weder in Ihrer Arbeits- noch in Ihrer Freizeit.«
»Ich bin nicht Ihr Leibeigener«, antwortete Warstein trotzig.
»Aber mein Angestellter«, sagte Franke. »Und als solcher haben Sie zu tun, wofür Sie bezahlt werden, und sonst nichts. Und vor allem haben Sie alles zu unterlassen, was unsere Arbeit hier in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte.«
»Das habe ich nicht.«
Franke lachte auf. »So dumm können Sie doch gar nicht sein, Warstein«, sagte er. »Seit der Geschichte verbringe ich den größten Teil meiner Zeit damit, mir die Pressehyänen vom Hals zu halten, die eine Sensation wittern. Von all den anderen Verrückten ganz zu schweigen, die seit vier Wochen hierhergepilgert kommen. Ist Ihnen aufgefallen, daß wir die Sicherheitskräfte in den letzten vier Wochen verdreifacht haben? Und daß es trotz allem nicht reicht?«
Es war eine rein rhetorische Frage, auf die er gar keine Antwort erwartete. Hartmann hatte seine Truppe im Lauf der letzten Wochen nicht nur auf die dreifache Anzahl aufgestockt, er hatte das Gelände vor dem Tunnel in eine regelrechte Festung verwandelt, und der Ärger darüber war etwas, worin Warstein ausnahmsweise sogar mit Franke übereinstimmte. Der Zaun, der das Gelände umgab, war verstärkt und mit einer Anzahl elektronischer Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet worden. Die ganze Nacht über brannten jetzt riesige Flutlichtscheinwerfer, in deren Licht Posten mit scharfen Hunden patrouillierten, und es gab praktisch keinen Quadratmeter mehr auf dem Gelände, der nicht videoüberwacht wurde. Jeder einfahrende LKW wurde untersucht, und obwohl Hartmanns Männer schon mehr als einen blinden Passagier unter der Ladung hervorgezogen hatten, gelang es immer wieder welchen, sich in das Lager hineinzuschmuggeln. Das alles machte ihre Arbeit nicht unbedingt einfacher.
Ja, was das anging, konnte er Frankes Zorn durchaus verstehen. Sie hatten versucht, den unerklärlichen Vorfall im Berg geheimzuhalten, aber natürlich war es ihnen nicht einmal für vierundzwanzig Stunden gelungen. Das Ergebnis hatte so ausgesehen, wie Warstein befürchtet hatte - nur ungefähr hundertmal schlimmer. Die Presse hatte sich wie ein Rudel Haifische auf die Männer und den Tunnel gestürzt, und das war nicht einmal das Schlimmste gewesen. Die Journalisten waren schließlich wieder gegangen, nachdem sie das »Wunder vom Gridone« hinlänglich ausgeschlachtet hatten, aber in ihrem Gefolge war eine wahre Invasion von Neugierigen, UFO-Gläubigen, Okkultisten, Wünschelrutengängern, religiösen Fanatikern, Spinnern, Hobbyarchäologen, Geistersehern und tausend anderen Verrückten über den Berg hereingebrochen - und die gaben so schnell nicht auf. Einige von ihnen entwickelten einen erstaunlichen Einfallsreichtum, den Warstein unter anderen Umständen wahrscheinlich bewundert hätte. Hartmanns Männer hatten gleich vier oder fünf Seilschaften vom Berg gepflückt, die versucht hatten, sich nachts an der Steilwand über dem Lager herunterzulassen, um in den Tunnel einzudringen, und die Polizei in Lugano hatte einen Verrückten gestellt, der im Begriff gewesen war, von einem gecharterten Flugzeug aus mit dem Fallschirm über dem Berg abzuspringen. Während der ersten Tage hatten sie sich noch darüber amüsiert, aber das Lachen war ihnen bald vergangen. Die Baustelle war nicht nur zu einer Festung geworden, sondern auch zu einem Gefängnis. Niemand, der es nicht unbedingt mußte, durfte das Gelände verlassen.
»Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, was hier los wäre, wenn das da bekannt würde?« fragte Franke mit einer Kopfbewegung auf Warsteins Papiere.
»Ich hatte nicht vor, es irgend jemandem zu erzählen«, sagte Warstein. »Außer Ihnen vielleicht.«
»Das spielt überhaupt keine Rolle«, sagte Franke hart. »Dieser Unsinn hört auf. Betrachten Sie dieses Gespräch als offizielle Abmahnung. Und es wird keine zweite geben. Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit, und wir bleiben weiter gute Freunde. Aber wenn Sie so weitermachen wie in den letzten vier Wochen, schmeiße ich Sie raus, schneller, als Sie Ihren Namen buchstabieren können. Haben wir uns verstanden?«
»Ich denke schon«, sagte Warstein. Er stand auf. »Kann ich jetzt gehen?« Franke nickte wortlos, und Warstein drehte sich halb um, blieb dann noch einmal stehen und warf einen fragenden Blick auf die Mappe vor Franke.
»Das behalte ich hier«, sagte Franke. »Ich hoffe, nur als Kuriosum, und nicht als Beweisstück in einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht. Die Datei in Ihrem Computer habe ich übrigens gelöscht.«
Das machte überhaupt nichts. Warstein besaß eine Kopie auf Diskette, aber natürlich hütete er sich, das zu sagen. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Büro und ein paar Sekunden später die Baracke.
Es begann zu dämmern. Zu dieser Jahreszeit wurde es abends schon empfindlich kalt, so daß Warstein fröstelnd die Schultern zusammenzog, kaum daß er aus dem Gebäude heraus war. Trotzdem blieb er nach wenigen Schritten stehen und sah zum Berg hinauf. Er fühlte sich sonderbar. Er hatte gerade die erste Abmahnung seines Lebens erhalten, und Franke hatte unmißverständlich mit Kündigung und - zwar unausgesprochen, aber kaum weniger deutlich - mit Schlimmerem gedroht, und trotzdem war er weder erschrocken noch deprimiert. Vielmehr verspürte er eine tiefe Trauer, daß es ihm nicht gelungen war, Franke dazu zu bringen, ihm wenigstens zuzuhören; und ein vages Gefühl von Furcht. Eine Furcht, die nichts mit seinem eigenen Schicksal oder gar dem Gespräch gerade zu tun hatte. Sie galt dem Berg. Er starrte den gigantischen Schatten über sich an, und nie zuvor war er ihm so groß und auf eine brachiale Art gewalttätig erschienen wie in diesem Moment. Über dem Gridone lag ein Schatten, ein Schatten, der unsichtbar war, aber jeden Tag ein bißchen tiefer wurde. Der Schatten kommenden Unheils.