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Auch seine Art, den Berg zu betrachten, hatte sich geändert. Früher war dieser Granitkoloß einfach nur ein Berg für ihn gewesen, ein schlafender Riese, der sich über ihre Versuche amüsierte, ihm Schaden zuzufügen; eine Herausforderung.

Jetzt war er ein Feind. Er schlief nicht mehr. Er war wach, belauerte sie und wartete auf den Moment, zuzuschlagen und sie zu vernichten. Von dem Berg ging etwas Drohendes aus, und er war nicht der einzige, der es spürte. Längst nicht. Sie hatten allein in den letzten beiden Wochen ein Dutzend Arbeiter entlassen müssen, die sich geweigert hatten, den Berg zu betreten, und fast ebensoviele hatten von sich aus gekündigt. Und die, die geblieben waren, wurden immer nervöser und reizbarer. Es gab oft Streit, und Hartmann und seine Männer hatten zweimal eingreifen müssen, um Schlägereien zu beenden. Franke glaubte wahrscheinlich wirklich, daß das alles nichts als Massenhysterie war, ausgelöst durch das Schicksal des Bautrupps und die plötzliche Gefängnissituation, in der sie sich de facto wiedergefunden hatten, aber das stimmte nicht. Es war der Berg. Etwas in ihm, das die Gedanken und Seelen der Männer vergiftete, auf eine schleichende, lautlose Art und unaufhaltsam.

Warstein hörte Schritte neben sich und erkannte Hartmann, der offensichtlich schon eine ganze Weile dagestanden und ihn beobachtet hatte.

»Hallo«, sagte er.

Hartmann antwortete mit einem flüchtigen Lächeln, dann deutete er auf die Tür hinter Warstein und fragte: »War es schlimm?«

»Nicht sehr«, antwortete Warstein. »Er hat mir erklärt, daß er mich feuert, wenn ich nicht tue, was er verlangt, aber mehr nicht. Ich glaube, das sagt er jeden Tag mindestens einmal zu irgend jemandem.«

»Öfter«, behauptete Hartmann. Er schüttelte sich übertrieben. »Seit ein paar Tagen ist der Alte wirklich auf dem Kriegspfad. Er war ja früher schon schlimm, aber seit einer Weile ist er wirklich unausstehlich.«

»So sind Chefs nun einmal«, sagte Warstein. »Ich glaube, sie müssen so sein. Das steht in ihrem Arbeitsvertrag.« Er wurde wieder ernst, sah zum Berg hinauf und fügte leiser hinzu: »Aber sind wir das nicht alle in letzter Zeit, auf die eine oder andere Weise?«

Hartmann verstand ganz offensichtlich nicht, was er meinte. Seit ihrem gemeinsamen Ausflug zu Saruter hinauf hatten sie sich öfter gesehen. Zu sagen, daß sie Freunde geworden wären, war sicherlich übertrieben, aber Warstein rechnete es Hartmann hoch an, daß er Franke gegenüber nichts von seinem Besuch bei dem Einsiedler erwähnt hatte - das wäre in der Tat Wasser auf seine Mühlen gewesen. Sie hatten sich ein paarmal getroffen und miteinander geredet, und auf eine gewisse Art mochte Warstein den älteren Mann. Seine Hoffnung, daß auch Hartmann etwas von jener tieferen Einsicht in die Natur der Dinge mit von ihrem Ausflug zurückgebracht hätte, hatte sich jedoch nicht erfüllt.

»Spüren Sie es auch?« fragte er.

Die Verwirrung in Hartmanns Blick wuchs noch, aber er tat Warstein den Gefallen, eine Weile in die gleiche Richtung zu blicken wie er. »Die Männer sind nervös«, sagte er. »Die Stimmung war noch nie so schlecht wie jetzt. Aber das ist auch kein Wunder. Man kommt sich vor wie in einem Gefängnis. Da muß man ja durchdrehen.«

Aus dem Munde eines Mannes, der quasi die Rolle des Gefängniswärters spielte, klangen diese Worte fast komisch, dachte Warstein. Aber er ersparte es sich, Hartmann zu erklären, daß er das mit seiner Frage nicht gemeint hatte. Wenn Hartmann wirklich nichts von der Schwärze fühlte, die der Gridone ausstrahlte, dann war das ein beruhigender Gedanke. Vielleicht war es eines Tages wichtig, einen ruhenden Pol in all diesem Chaos zu wissen, jemanden, der vielleicht sogar immun gegen das Gift des Berges war. Was immer geschehen mochte, dachte Warstein, Hartmann würde davon unbeeinflußt bleiben. Er sollte sich täuschen. Es dauerte noch ein gutes halbes Jahr, aber dann holte sich der Gridone Hartmann.

Als sie auf die stadtauswärts führende Autobahn einbogen, bekamen sie eine praktische Demonstration von dem, was der Taxifahrer gemeint hatte, als er sagte, das Wetter spiele verrückt. Der strömende Regen versiegte. Die Wolken rissen auf, und die Sonne schien so stark von einem plötzlich strahlend blauen Himmel, daß die nassen Straßen zu dampfen begannen. Alles innerhalb einer einzigen Sekunde.

»Unglaublich!« sagte Lohmann, der auf dem Beifahrersitz saß und sein möglichstes tat, um die Luft im Wagen mit Zigarettenqualm zu verpesten. »So etwas habe ich ja noch nie erlebt.«

Der Fahrer schaltete die Scheibenwischer aus und dann mit einer demonstrativen Bewegung die Lüftung ein. Ein eiskalter Luftstrom blies Lohmann ins Gesicht. Er blinzelte und sog heftiger an seiner Zigarette.

»So geht das schon seit einer Woche«, sagte er. »Vorgestern hat es gehagelt - aus buchstäblich heiterem Himmel.« Er schüttelte den Kopf und blickte demonstrativ auf das BITTE-NICHT-RAUCHEN-Schild direkt vor Lohmann. Der Journalist sah in die gleiche Richtung und grinste. Er wußte, daß der Fahrer nichts sagen würde. Er verdiente an dieser Tour wahrscheinlich mehr als sonst an einem ganzen Tag.

»Wann hat das angefangen?« fragte Warstein.

»Das Wetter?« Der Chauffeur überlegte einen Moment. »Vor ziemlich genau einer Woche, denke ich. Ja, vor einer Woche.«

»An dem Tag, an dem das Attentat auf den ICE verübt wurde.« Angelika sprach laut aus, was er dachte, und sah ihn fragend an. »Glaubst du, daß das etwas zu bedeuten hat?«

»Kaum«, antwortete Warstein, schnell und übertrieben laut und mit einem warnenden Blick in Richtung des Fahrers. Der Mann war wahrscheinlich alle möglichen Verrückten gewöhnt, die sich in seinem Wagen über Gott und die Welt und die Lösung aller Probleme des Universums unterhielten. Aber man konnte nicht vorsichtig genug sein.

Tatsache war, daß das genaue Gegenteil zutraf. Es war ganz bestimmt kein Zufall, daß all diese Phänomene ausgerechnet jetzt auftraten. Außerdem: er hatte so etwas schon einmal erlebt.

Für den Rest der Fahrt, die noch gute zwanzig Minuten dauerte, sprachen sie über irgendwelche Belanglosigkeiten. Das Wetter wechselte noch zweimal, und als sie schließlich vor einem kleinen Mietshaus in einem Vorort von Genf anhielten, regnete es wieder.

Lohmann bezahlte den Taxifahrer und trug ihm auf zu warten. Sie stiegen aus und liefen geduckt durch den Regen zum Haus. Es gab sechs Klingeln, von denen zwei identische Namensschilder aufwiesen. Lohmann drückte eine dieser beiden Klingeln und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, während sie darauf warteten, daß geöffnet wurde. Das Haus besaß kein Vordach oder einen Windfang, so daß der Regen ungehindert über sie herfallen konnte. Es war kein Platzregen mehr, wie vorhin am Flughafen, sondern nurmehr ein feines Nieseln, das aber dafür eiskalt war. Warstein sah sich schaudernd um, während sie darauf warteten, daß die Tür geöffnet wurde. Die Gegend war wie das Haus, vor dem sie standen: einfach, kleinbürgerlich und ein bißchen schäbig, ohne direkt heruntergekommen zu wirken.

Auf der anderen Straßenseite erhoben sich anderthalbgeschossige Reihenhäuser hinter quadratischen Vorgärten, die alle gleich aussahen. Warstein versuchte sich vorzustellen, wie es sein mußte, in einer Gegend wie dieser zu leben; ein schrecklicher Gedanke.

Irgend etwas am Anblick der Straße gegenüber störte ihn, aber bevor er erkennen konnte, was es war, ertönte ein leises Summen, und die Tür ging auf. Sie beeilten sich, aus dem Regen herauszukommen und traten in einen schmalen, muffig riechenden Hausflur, der in graues Zwielicht getaucht war. Lohmann suchte einige Sekunden vergeblich nach einem Lichtschalter, ehe er aufgab und die Treppe hinaufzusteigen begann. Die hölzernen Stufen knarrten unter ihrem Gewicht.

Die beiden Wohnungen mit den identischen Namensschildern lagen im oberen Stockwerk. Die Türen waren geschlossen, so daß Lohmann einen Moment ratlos dastand, ehe er achselzuckend auf die Tür zur Rechten zutrat und die Hand nach der Klingel ausstreckte.