Выбрать главу

Die Tür wurde geöffnet, eine halbe Sekunde, ehe Lohmann klingeln konnte, und ein blasses Frauengesicht unter einem strengen Haarknoten blickte zu ihnen heraus.

»Ja?«

»Guten Tag«, sagte Lohmann, lächelnd und in einem so freundlichen Ton, daß Warstein einen überraschten Blick mit Angelika tauschte. »Mein Name ist Lohmann. Ich hoffe, ich bin hier richtig. Wir waren mit Herrn Huerse verabredet.«

»Das ist mein Vater.« Die Frau deutete auf die Tür gegenüber. »Aber der empfängt keine Besuche. Sie müssen sich täuschen.« Ihr Blick glitt rasch und mißtrauisch über Warsteins und Angelikas Gesichter und heftete sich dann wieder auf Lohmann.

»Worum geht es?«

»Das würde ich gerne mit ihrem Herrn Vater selbst besprechen«, antwortete Lohmann. »Ich bin sicher, daß er uns empfängt. Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert. Wie gesagt, er weiß, daß wir kommen.«

»Ich glaube trotzdem nicht, daß -«

Die Tür auf der anderen Seite des Korridors wurde geöffnet, und Warstein und die beiden anderen drehten sich gleichzeitig herum.

»Was ist denn, Isabell? Haben wir Besuch?«

»Herr Huerse?« Lohmann trat dem alten Mann mit ausgestreckter Hand entgegen und ergriff seine Rechte. »Mein Name ist Lohmann. Sie erinnern sich sicher - wir haben zweimal miteinander telefoniert.«

Huerse blinzelte. Seine Augen, die so kurzsichtig waren, daß er Mühe zu haben schien, sein Gegenüber überhaupt zu erkennen, taxierten Lohmann auf eine sonderbar hilflose, verwirrte Art.

»Lohmann? Oh, Sie ... Sie sind dieser Deutsche, nicht wahr?« Er trat einen halben Schritt zurück und forderte mit der linken Hand auf einzutreten. Seine Rechte hielt Lohmann noch immer umklammert. »Ja, jetzt erinnere ich mich. Waren wir verabredet? Für heute?«

»Wir sind ein bißchen zu spät«, sagte Lohmann in entschuldigendem Tonfall und ließ endlich Huerses Hand los. Dann deutete er auf Warstein und Angelika. »Das sind Dr. Warstein und Frau Berger, Kollegen von mir. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß ich sie mitgebracht habe.«

Hinter ihnen fiel eine Tür ins Schloß. Huerses Tochter kam mit energischen Schritten heran und stellte sich Lohmann in den Weg. »Ich glaube nicht, daß mein Vater jetzt mit Ihnen sprechen kann«, sagte sie. »Vielleicht erklären Sie mir, worum es geht.«

»Bitte, Isabell, es ist schon in Ordnung«, sagte ihr Vater. Seine Stimme klang so leise und kraftlos wie die seiner Tochter energisch. »Die Herrschaften sind von der Universität. Sie haben ein paar wichtige Fragen.«

»Von welcher Universität? Und was für Fragen?« wollte seine Tochter wissen. Als Warstein sie und den alten Mann nebeneinander sah, fiel es ihm schwer, wirklich zu glauben, daß er Vater und Tochter gegenüberstand. Die beiden wirkten beinahe gleichaltrig, waren aber ansonsten so verschieden, wie es nur ging. Während Huerse ein gebeugter, kraftloser alter Mann war, dessen Haltung und Gesicht verrieten, daß er schon lange vor dem Leben kapituliert hatte, wirkte seine Tochter überaus wach und mißtrauisch. Warstein wußte sofort, daß es ein Fehler war, sie zu belügen. Welche Geschichte Lohmann sich auch immer ausgedacht hatte, um sich bei Huerse Zutritt zu verschaffen - er würde damit bei ihr nicht durchkommen. Lohmann schien das ganz ähnlich zu sehen, denn er machte eine besänftigende Geste und versuchte, etwas von Huerses Worten zurückzunehmen. »Ich komme nicht direkt von einer Universität«, sagte er. »Ich arbeite für ein wissenschaftliches Magazin, und...«

»Sie sind Reporter?« Isabell machte Anstalten, die Tür zu schließen. »Wir wollen nichts mit Reportern zu tun haben.«

»Sie mißverstehen mich«, sagte Lohmann hastig. »Ich bin Wissenschaftsjournalist, verstehen Sie? Meine Kollegen und ich interessieren uns für das, was damals in Ascona geschehen ist, und...«

»Wir wollen nicht mehr darüber reden«, sagte Isabell scharf. »Ihre sogenannten Kollegen haben meinem Vater damals genug zugesetzt. Bitte gehen Sie.«

»Wir sind nicht hinter einer Sensation her«, versicherte ihr Lohmann hastig. »Uns interessieren allein die wissenschaftlichen Aspekte des Phänomens, das versichere ich Ihnen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß nicht einmal der Name Ihres Vaters in dem Artikel erscheinen wird, falls Sie es nicht wünschen...« Tatsächlich zögerte sie; vielleicht nur eine Sekunde, aber das reichte Lohmann, nachzuhaken - und einen halben Schritt in die Wohnung hineinzutreten, so daß sie die Tür gar nicht mehr schließen konnte. »Sie würden der Wissenschaft wirklich einen großen Dienst erweisen«, fuhr er fort, nun direkt an Huerse gewandt. »Wir halten Sie bestimmt nicht lange auf. Eine halbe Stunde, allerhöchstens.«

In Isabells Gesicht arbeitete es. Sie machte - sicher nicht durch Zufall - einen Schritt zur Seite, so daß sie den Blickkontakt zwischen Lohmann und ihrem Vater unterbrach, und überlegte. »Ich weiß nicht«, sagte sie unschlüssig. »Mein Vater ist krank. Er darf sich nicht anstrengen, und auf gar keinen Fall aufregen. Eine halbe Stunde?«

»Sicher nicht länger«, versprach Lohmann. »Sie können gerne dabei bleiben, wenn Sie es möchten.«

»Also gut«, sagte Isabell schließlich. »Aber versprechen Sie sich nicht zuviel davon.« Sie gab die Tür frei und machte eine entsprechende Geste. Hinter ihr und dem alten Mann betraten sie die Wohnung und folgten ihnen in ein kleines, altmodisch eingerichtetes Wohnzimmer. Schwere Samtvorhänge an den Fenstern sperrten selbst das trübe Licht des Regentages zum Großteil aus, so daß Warstein im ersten Moment nur Schatten und Umrisse sah. Die Luft roch trocken, nach alten Tapeten und Pfeifenrauch, und die Dielen knarrten unter ihren Schritten fast ebenso laut wie die ausgetretenen Stufen der Treppe draußen.

Isabell führte sie zu einem runden Tisch in der Nähe des Fensters und zog die Vorhänge auf, während sie sich setzten. Ihr Vater nahm Lohmann gegenüber Platz. Er wirkte verängstigt, aber zugleich auch ein bißchen aufgeregt.

»Wissenschaftsjournalist, wie?« fragte Warstein im Flüsterton. »Was soll der Unsinn?«

»Wieso Unsinn?« Lohmann grinste. »Ich habe einen Artikel fürs GEO-Magazin geschrieben.«

»Wurde er gedruckt?«

»Nein. Aber geschrieben habe ich ihn. Außerdem, was wollen Sie? Wir sind doch wirklich wegen der wissenschaftlichen Aspekte der Geschichte hier, oder?«

Da Warstein nicht einmal genau wußte, warum sie überhaupt hier waren, widersprach er nicht. Lohmann hatte ihnen bisher nur gesagt, daß sie mit jemandem reden wollten - mit wem und worüber, nicht.

»Also, stellen Sie Ihre Fragen.« Isabell kam zurück und setzte sich. Obwohl sie die Vorhänge aufgezogen hatte, war es nicht merklich heller im Raum geworden. Die Dunkelheit schien in den Möbeln und den Tapeten zu nisten wie ein schlechter Geruch.

Lohmann zog sein Diktiergerät aus der Tasche, legte eine neue Kassette ein und blickte fragend. »Darf ich?«

»Sicher. Obwohl ich immer noch nicht weiß, was Sie sich davon versprechen. Mein Vater war nicht einmal im Zug.«

»Aber Sie waren im Bahnhof, als er einlief?« Lohmann wandte sich an Huerse. »Sie haben alles beobachtet?«

Der alte Mann reagierte zwei geschlagene Sekunden lang gar nicht, aber dann nickte er so heftig, daß Warstein fast erschrak. »Es ist lange her«, sagte er. »Fast ein Jahr. Aber ich erinnere mich trotzdem noch, als wäre es gestern gewesen. Ich wollte zurückfahren. Meine Tochter hat mir die Reise geschenkt, müssen Sie wissen. Zu meinem siebzigsten Geburtstag. Ich hatte die Fahrkarte schon, und ich hatte noch ein bißchen Zeit, bis mein Zug kam, und da habe ich mich auf den Bahnsteig gesetzt und gewartet. Die Leute beobachtet. Man sieht viele interessante Leute auf einem Bahnsteig.«

»Das stimmt«, sagte Lohmann lächelnd, ehe er behutsam versuchte, das Gespräch wieder auf sein eigentliches Thema zurückzulenken. »Und dann kam dieser Zug, nicht wahr? Ein Schnellzug. Er war nicht angekündigt.«