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Warstein behielt Huerses Tochter aufmerksam im Auge. Auf ihrem Gesicht war keinerlei Reaktion zu erkennen, aber er wünschte sich, Lohmann hätte seine Worte etwas behutsamer gewählt.

»Ich weiß nicht. Ich hatte nicht auf den Fahrplan gesehen. Die sind so kompliziert, daß ich sie sowieso nicht verstehe. Isabell hat mir alles genau aufgeschrieben. Aber ich bin erschrocken, als der Zug kam. Ich dachte, meine Uhr wäre stehengeblieben, weil ich doch noch eine halbe Stunde Zeit hatte.«

»Es war nicht Ihr Zug«, vermutete Lohmann.

»Nein. Er war ... komisch.«

»Komisch?« fragte Warstein.

»Er sah seltsam aus. Gar nicht wie ein richtiger Zug. Viel größer, und ... und gar nicht wie eine Eisenbahn eben.«

Es dauerte einen Moment, bis Warstein begriff, wovon Huerse sprach. Offenbar hatte er nie zuvor im Leben einen modernen Schnellzug gesehen, und einen ICE-Triebwagen wohl schon gar nicht. Warstein war noch nie im Bahnhof von Ascona gewesen, aber er hatte Bilder davon gesehen. Obwohl er nicht viel älter als zwei Jahre war, hatten sich die Architekten alle Mühe gegeben, ihn so aussehen zu lassen, als wäre er ebenso alt wie die Stadt, in die er hineingebaut worden war. In einer Umgebung wie dieser mußte ein solch hypermodernes Hochgeschwindigkeits-Ungeheuer doppelt bizarr wirken, und auf einen Mann wie Huerse wahrscheinlich sogar erschreckend.

»Und was geschah weiter?« fragte Lohmann.

»Plötzlich waren alle ganz aufgeregt«, berichtete Huerse. »Ich weiß nicht, warum. Aber mit einem Male waren überall Männer in Uniformen, und ... und alle liefen durcheinander. Es war laut, und dann ... dann haben sie den Bahnsteig geräumt. Alle mußten weggehen. Es sind Gendarmen gekommen.«

»Und Sie?« erkundigte sich Angelika.

»Mich haben sie übersehen.« Huerse lachte wie ein Kind, das von einem gelungenen Streich erzählt. »Ich hab ganz am Rand gesessen, wissen Sie, im Schatten, weil ich die Sonne nicht mehr so gut vertrage, und sie waren so aufgeregt, daß sie mich gar nicht bemerkt haben. Ich hatte im ersten Moment auch Angst. Der Zug sah so komisch aus, und alle waren so aufgeregt, aber dann habe ich doch hingeguckt.«

»Mit dem Zug stimmte etwas nicht«, vermutete Lohmann.

»Das können Sie laut sagen«, sagte Huerse. »Zuerst habe ich es gar nicht gemerkt, aber dann schon.«

»Und was?« fragte Warstein.

Huerse wandte sich umständlich wieder ihm zu, und auf der Stirn seiner Tochter erschien eine senkrechte Falte zum Zeichen ihrer Mißbilligung. Warstein rief sich in Gedanken zur Ordnung. Der alte Mann war offensichtlich kaum in der Lage, sich auf mehr als einen Gesprächspartner zugleich zu konzentrieren. Sie durften ihn nicht ins Kreuzverhör nehmen, wollten sie nicht Gefahr laufen, daß er den Faden verlor - oder seine Tochter die Geduld.

»Zuerst hab ich gedacht, er hätte gebrannt«, berichtete Huerse. »Seine Seite war ganz schwarz. Und ein Fenster war zerbrochen, daran erinnere ich mich. Aber auf so eine komische Weise. Das Glas war ganz trüb, so wie Milchglas, wissen Sie, aber mit tausend Sprüngen. Und er hat geknistert.«

»Geknistert?« Warstein sah aus den Augenwinkeln, daß Lohmann dazu ansetzte, ebenfalls eine Frage zu stellen, und gab ihm einen verstohlenen Wink. Lohmann verstand und hielt sich zurück.

»Wie ein Auto, das abgestellt wird«, bestätigte Huerse. »Aber nicht nur der Motor. Der ganze Zug hat ... geraschelt. Als ob er sich bewegt, verstehen Sie? Aber er hat sich nicht von der Stelle gerührt.«

Warstein wußte, was er meinte. Materialermüdung. Heißes Metall, das abkühlte und seine Temperatur der Umgebung anpaßte. Aber die ICE 2000 der Bundesbahn wurden nicht heiß, ganz gleich, wie schnell sie auch fuhren. Sie hatten nicht einmal einen Motor, der heiß werden konnte. Die Räder wurden durch ein hochkompliziertes System gegenläufiger Magnetfelder angetrieben, und die einzige Wärme, die dabei entstand, war die Reibungshitze der stählernen Räder auf den Schienen.

»Dann haben sie die Leute aus dem Zug geholt«, fuhr Huerse fort. »Und das war wirklich komisch.«

»Die Leute? Die Fahrgäste, meinen Sie?«

»Nur die vorne aus der Lok«, antwortete Huerse. »Ich glaube, es waren gar keine anderen drin. Ich habe jedenfalls keine gesehen, obwohl ich ganz nahe war. Ich habe mich noch gewundert, darum erinnere ich mich, daß ein so großer Zug völlig leer war. Aber die vier vorne aus der Lok, das war schon seltsam.«

»Wieso?« fragte Warstein.

Bevor Huerse antworten konnte, klingelte es an der Tür. Seine Tochter sah überrascht auf, während ihr Vater das Geräusch nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen schien.

»Bitte entschuldigen Sie mich einen Moment«, sagte sie, während sie aufstand. »Ich bin sofort zurück.«

»Selbstverständlich.« Warstein wartete, bis sie das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich zugezogen hatte. »Was war mit den Leuten aus dem Zug?«

»Ich weiß nicht genau«, antwortete Huerse. Auf seinem Gesicht lag jetzt ein angespannter Ausdruck. Offenbar bereitete es ihm große Mühe, sich zu erinnern - oder vielleicht auch Unbehagen. »Es ist lange her, wissen Sie, und ich war ja weit weg, ganz hinten am anderen Ende des Zuges. Aber was ich gesehen habe, war...« Er suchte nach Worten. »Irgendwie haben sie sich falsch bewegt. Wie in Zeitlupe.«

»Sie meinen, zu langsam?«

»Zu schnell«, antwortete Huerse. Er lachte. »Meine Tochter hat so einen modernen Filmprojektor, wissen Sie, und manchmal machen wir uns einen Spaß daraus, den Film schneller ablaufen zu lassen. Die Leute bewegen sich dann ganz schnell. Das ist lustig.«

»Und so haben sich die Männer aus dem Zug auch bewegt?« fragte Warstein.

»Zuerst ja. Später haben sie sie festgehalten, aber zuerst waren sie ... irgendwie zu schnell. Einer hat einen Gendarmen niedergeschlagen, aber ich glaube, das wollte er gar nicht. Er ist auf ihn zugegangen und hat nur den Arm gehoben, aber es ging so schnell, daß er ihn einfach niedergeschlagen hat. Und ihre Stimmen waren seltsam. Sie haben gezwitschert. Wie Vögel.«

Er kicherte. Die Vorstellung schien ihn überaus zu amüsieren. »Wie Vögel.«

Durch die geschlossene Tür hindurch konnten sie hören, wie Isabell die Wohnungstür öffnete und mit jemandem sprach. Warstein lauschte einen Moment und versuchte, die Worte zu verstehen, aber es gelang ihm nicht. »Nun?« sagte Lohmann. Das Wort galt Warstein, der den Blick wandte und ihn ansah. »Das paßt, nicht wahr? Der Zug ist seitdem verschwunden. Die Bundesbahn hat ihn aus dem Verkehr gezogen. Ein Fahrzeug im Wert von über hundert Millionen. Ich nehme an, daß sie gerade dabei sind, ihn Stück für Stück auseinanderzuschrauben.«

Die Finanzen der Bundesbahn interessierten Warstein nicht im geringsten - aber dafür um so mehr das, was Huerse über die Männer erzählt hatte, die aus dem Zug gekommen waren. »Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?« fragte er. »Etwas mit ihrem Aussehen? Ihrer Kleidung?«

Huerse schüttelte den Kopf. »Ihr Haar. Sie hatten weiße Haare. Alle vier. Einer hat geschrien. Und er ist ganz schnell hingefallen.« Er machte eine Geste mit der Hand, um die Bewegung zu verdeutlichen: ein schneller, harter Ruck nach unten. »Als hätte ihn jemand gestoßen. Aber hinter ihm war niemand.«

»Ganz schnell hingefallen?« Lohmann machte ein fragendes Gesicht. »Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, wie Sie -«

»Das reicht!«

Isabells Stimme war so scharf, daß Warstein und die beiden anderen erschrocken zusammenfuhren und sich gleichzeitig zur Tür umwandten. Huerses Tochter stand wie ein leibhaftiger Racheengel vor ihnen, keine gestrenge Aufpasserin mehr, sondern eine Furie, deren Gesicht vor Zorn gerötet war. »Verschwinden Sie! Auf der Stelle!«

»Aber ... aber was ist denn los?« fragte Lohmann verdattert. »Wir wollten doch...«

»Sie sind ein Lügner!« fuhr ihm Isabell über den Mund. Sie schrie fast. »Ich habe Ihnen gleich nicht über den Weg getraut, und ich hatte recht! Sie schreiben nicht für ein wissenschaftliches Magazin, Herr Lohmann, oder wie immer Sie in Wahrheit heißen mögen! Sie sind auch nur einer von diesen sensationsgeilen Schmierern, die einen kranken alten Mann ausnutzen, um einen Artikel zu schreiben.«