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»Bitte, Frau Huerse, lassen Sie es mich erklären«, begann Warstein, mit dem einzigen Erfolg, daß sich Isabells Zorn nun auf ihn konzentrierte.

»Und Sie sind kein Doktor, sondern auch nur ein Lügner! Gehen Sie! Alle drei! Bevor ich die Polizei rufe und Sie verhaften lasse!«

Lohmann wollte auffahren, aber Warstein wußte, daß er damit alles nur noch schlimmer gemacht hätte. Rasch stand er auf, warf dem Journalisten einen fast beschwörenden Blick zu und wandte sich noch einmal an Isabell.

»Es tut mir sehr leid«, sagte er. »Bitte entschuldigen Sie, daß wir uns unter ... falschen Voraussetzungen hier eingeschlichen haben, aber ich kann Ihnen versichern, daß es nicht so ist, wie Sie jetzt vielleicht glauben.«

»Ihre Versicherungen interessieren mich nicht. Gehen Sie. Und wenn ich auch nur ein Wort von diesem Gespräch hier in irgendeiner Zeitung lese, werde ich Sie verklagen, das verspreche ich Ihnen.«

Warstein gab auf. Es war sinnlos, das Gespräch fortsetzen zu wollen. Und wahrscheinlich würden sie von dem alten Mann ohnehin nicht mehr erfahren, als sie schon hatten. Ohne ein weiteres Wort verließen sie das Zimmer, aber als sie hinausgingen, sagte Huerse: »Meine Uhr ist stehengeblieben. Seit damals geht sie nicht mehr. Ich habe sie seit vierzig Jahren, aber jetzt ist sie kaputt.« Lohmann wollte noch einmal stehenbleiben und sich zu ihm herumdrehen, aber Isabell ergriff ihn einfach am Arm und schob ihn vor sich her aus dem Zimmer und zwei Sekunden später aus der Wohnung.

»Verlassen Sie das Haus«, sagte sie. »Ich werde am Fenster warten. Wenn ich in zwei Minuten nicht sehe, daß Sie aus dem Haus kommen, rufe ich die Polizei.« Sie warf die Tür so heftig ins Schloß, daß Lohmann einen erschrockenen Schritt rückwärts machte.

»Was um alles in der Welt ist denn jetzt los?« murmelte Lohmann kopfschüttelnd. »Hat sie den Verstand verloren?«

»Nein. Sie demonstriert uns nur gerade, daß es sich nicht auszahlt zu lügen.«

Warstein machte eine Kopfbewegung zur Treppe. »Wir sollten besser gehen. Ich glaube nicht, daß das eine leere Drohung war.«

»Was will sie uns schon tun?« fragte Lohmann trotzig. »Die Polizei wird uns kaum standrechtlich erschießen, nur wegen einer kleinen Notlüge.« Trotzdem schloß er sich ihnen an, als sie mit raschen Schritten die Treppe hinunterzugehen begannen.

»Aber wie kann sie es nur so schnell gemerkt haben?« fragte Angelika. Sie hatte kein Wort gesagt, während der ganzen Zeit, aber sie war leichenblaß geworden. Ihre Hände zitterten.

»Der Besucher«, antwortete Warstein. »Es hat gerade an der Tür geklingelt, erinnerst du dich?« Er deutete zum unteren Ende der Treppe. »Als wir vorhin unten standen und darauf gewartet haben, daß jemand aufmacht, ist mir etwas aufgefallen. Ich wußte nicht, was, aber jetzt weiß ich es wieder.«

»Ach?« fragte Lohmann übellaunig. »Und was?«

»Der blaue Fiat«, antwortete Warstein. »Er stand auf der anderen Straßenseite.«

»Und was ist daran so spannend?« knurrte Lohmann.

»Ich habe den Wagen schon einmal gesehen. Am Flughafen. Wir hätten ihn fast gerammt, als wir losgefahren sind.«

Lohmann blieb stehen. »Moment mal«, sagte er. »Wollen Sie sagen, daß jemand uns verfolgt?«

»Es sieht ganz so aus«, sagte Warstein. »Außerdem wäre es eher erstaunlich, wenn Franke uns nicht beschatten ließe.« Er machte eine Bewegung weiterzugehen. »Ich nehme noch Wetten an, ob er noch da steht oder nicht.« Lohmann antwortete nicht darauf, und das war auch gut so, denn Warstein hätte die Wette verloren. Der blaue Fiat war nicht mehr da, als sie das Haus verließen und in den immer heftiger fallenden Regen hinaustraten.

Ihr Taxi allerdings auch nicht. Und wie sich zeigte, war die nächste Telefonzelle eine gute halbe Stunde Fußmarsch entfernt.

7

Ascona erstickte im Straßenverkehr. Eine nicht enden wollende Schlange von Autos quälte sich in beiden Richtungen durch die Stadt, vom See herauf in einer langgezogenen Kurve durch den historischen Stadtkern bis hinauf in die Berge und umgekehrt, vom Paß kommend durch den gebeutelten Ort bis hinunter zur Uferstraße, wo sich die Kette aus Metall, Lack und Glas manchmal für Stunden staute, so daß der ohnehin nur schleppend vorwärtskommende Verkehr vollends zum Erliegen kam.

Rogler mußte wieder an das denken, was er am Morgen zu Franke gesagt hatte, und er wiederholte den Satz in Gedanken mit Nachdruck: sie begingen ein Verbrechen, wenn schon nicht an seinen Kollegen und der gesamten Weltöffentlichkeit, so doch an dieser Stadt. Die Automobil-Katastrophe dort unten war eine direkte Folge der Gespensterjagd, zu der Franke ihn gezwungen hatte. Der Gridone-Tunnel war nicht irgendeine Eisenbahnstrecke, die man nach Belieben sperren und durch irgendeine Umleitung ersetzen konnte.

Rogler wollte vom Fenster seines Hotelzimmers zurücktreten, als sein Blick an einer Anzahl buntgekleideter Gestalten hängenblieb, die vergeblich versuchten, die Straße zu überqueren. Zu Zeiten wie jetzt, wenn der Verkehr rollte, konnte das zu einem lebensgefährlichen Unterfangen werden; und übrigens auch zu einem sehr langwierigen. Das war nicht sein Problem - schließlich war er kein Verkehrspolizist, aber der Anblick der abenteuerlich anmutenden Gestalten brachte ihn auf einen anderen Gedanken, der ihm nicht gefiel. Die Stadt wimmelte in den letzten Tagen nur so von exotischen Fremden, und nicht alle waren so harmlos wie die drei buntgekleideten Inder oder Pakistani da unten. Schlimmer waren die, die nicht auffielen, die Haifische und Wölfe im Goldfischkleid. Ihr verstärktes Auftreten war wie die Blechlawine dort unten eine direkte Folge ihres Tuns; seines und Frankes. Verbrechen zogen Verbrecher an, das war ein ehernes Gesetz, das Geltung hatte, solange es so etwas wie Kriminalistik gab. Und das war auch hier nicht anders. Er hatte versucht, es Franke zu erklären, aber der Deutsche hatte es entweder wirklich nicht verstanden, oder er hatte es nicht verstehen wollen: wenn er seine angebliche Spezialeinheit noch eine Woche lang weiter Staub aufwirbeln ließ, dann konnte es sein, daß er sie plötzlich wirklich brauchte. Sie hatten bereits jetzt mindestens einen international gesuchten Terroristen gefaßt, der eigens aus dem Nahen Osten angereist war, um nachzusehen, ob es außer dem Tunnel noch etwas in der Gegend gab, das sich lohnte, in die Luft gejagt zu werden. Zwei weitere Verdächtige hatten sie festgenommen und an die entsprechenden Behörden überstellt. Franke hatte ihn zu diesem Erfolg beglückwünscht, aber Rogler bekam Alpträume bei dem Gedanken, wie viele schräge Vögel sich noch in der Stadt herumtrieben, die sie nicht geschnappt hatten.

Rogler trat endgültig vom Fenster zurück und wandte sich wieder dem kleinen, mit Papieren, Notizzetteln und Akten überladenen Tischchen zu, an dem er die vergangenen drei Stunden gearbeitet hatte, ehe er aufgestanden und ans Fenster getreten war, um für einen Moment auf andere Gedanken zu kommen - was natürlich nicht funktioniert hatte. Der Tisch reichte längst nicht mehr aus. Die Papierstapel hatten ihre Ausläufer auf den Teppich, die Kommode und zwei oder drei Stühle geschickt und begannen bereits die unbenutzte Hälfte des Doppelbettes zu erobern. Der Wust schien jedesmal größer geworden zu sein, wenn er das Zimmer verließ und wieder zurückkam. Das war das Problem mit vorgetäuschter Arbeit, dachte er. Es dauerte gar nicht lange, und sie begann sich zu verselbständigen, bis sie schließlich zu echter Arbeit wurde. Er hatte diesen Punkt schon vor ein paar Tagen erreicht und überschritten. Selbst wenn Franke in dieser Minute hereinkäme und die ganze Farce für beendet erklären würde, würde er wahrscheinlich Wochen brauchen, um hier wirklich Schluß machen zu können. Sie hatten eine Lawine losgetreten mit dem, was sie getan hatten. Und Rogler fragte sich mit jeder Stunde mehr, warum eigentlich.