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Frankes Erklärung, daß dies alles nötig war, um ihm und seinen Leuten Gelegenheit zu verschaffen herauszufinden, was wirklich im Gridone-Tunnel passiert war, hatte im ersten Moment einleuchtend geklungen - aber sie rechtfertigte längst nicht mehr den Aufwand, den sie mittlerweile trieben. Allein in den letzten drei Tagen waren fünf komplette Hundertschaften der Polizei auf der anderen Seite des Berges eingetroffen, dazu ganze Eisenbahnladungen voller Material und Gerätschaften. Was um alles in der Welt trieb dieser Franke dort? Rogler nahm zum wiederholten Male an diesem Tag eine bestimmte Mappe zur Hand, die ganz oben auf dem Papierwust lag. Er hatte sie so oft durchgeblättert, daß er ihren Inhalt auswendig kannte. Und doch hatte er mit jedem Mal mehr das Gefühl, etwas übersehen zu haben.

Der Inhalt der unauffälligen grauen Mappe hätte Dr. Gerhard S. Franke wahrscheinlich nicht besonders erfreut, denn er stellte nichts anderes als ein komplettes Dossier über ihn dar, angefangen von seiner Geburt vor mittlerweile fast sechzig Jahren bis hin zu der Rolle, die er beim Bau des Tunnels gespielt hatte. Es verwirrte Rogler. Irgend etwas am Lebenslauf dieses Mannes stimmte nicht, aber er konnte einfach nicht sagen, was es war.

Rogler begann in der Mappe zu blättern und die einzelnen Stationen von Frankes Werdegang Revue passieren zu lassen. Alles schien ganz normaclass="underline" Schule, Studium und eine Promotion, die ihm - offenbar kräftig unterstützt von einem ebenso einflußreichen wie ehrgeizigen Vater - den Start zu einer glänzenden wissenschaftlichen Karriere geebnet hatte. Er hatte den größten Teil seines Lebens als Dozent und Professor an verschiedenen namhaften Universitäten in Deutschland verbracht, bis er schließlich irgendwann auf den Gedanken gekommen war, aus seinem Talent Kapital zu schlagen und in die Privatwirtschaft zu gehen - und warum auch nicht? Forschung und wissenschaftlicher Ruhm hin oder her, auch Geld bot gewisse Annehmlichkeiten, und wenn die Summen, die in seinen Unterlagen standen, stimmten, dann hatte er als Leiter des Tunnelbauprojektes annähernd genausoviel verdient wie in den zwanzig Jahren Lehrtätigkeit zuvor.

So weit, so gut.

Aber vor zweieinhalb Jahren, unmittelbar nach der Fertigstellung des Tunnels, hatte er plötzlich alles hingeschmissen und war wieder an die gleiche Universität zurückgegangen, die er einige Jahre zuvor nach einem Riesenkrach verlassen hatte. Rogler war kein Wissenschaftler. Er maßte sich nicht an, auch nur annähernd zu verstehen, was ein Mann wie Franke überhaupt tat. Aber das war auch nicht der Punkt. Was ihn störte war, daß ein solches Benehmen einfach nicht zu einem Mann wie Franke paßte.

Wenn es ein Wort gab, das auf Dr. Franke zutraf, dann hieß es Egoismus. Franke war rücksichtslos, zynisch, und er ging buchstäblich über Leichen, um seine eigenen Interessen zu vertreten. Ein solcher Mann gab keinen gut dotierten Posten auf, um sich in einem Elfenbeinturm einzuschließen und sich wieder ganz der Forschung zu widmen. Es sei denn, dachte Rogler, es ging bei dieser Forschung um etwas, wovon er sich noch mehr Profit versprach.

Es war ihm nicht gelungen herauszufinden, was Franke in den letzten zweieinhalb Jahren getan hatte. Als Lehrer hatte er jedenfalls nicht mehr gearbeitet, aber das war auch alles, was er herausbekommen hatte.

Das Schrillen des Telefons riß ihn aus seinen Gedanken.

Rogler klappte die Mappe zu, warf sie achtlos auf den Tisch und grub den Apparat unter einem Papierstapel aus.

Er hob ab, als es zum dritten Mal klingelte, und meldete sich. »Rogler?«

»Herr Rogler, bitte entschuldigen Sie die Störung. Hier ist Gramer, der Manager. Ich ... hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, Sie wollten nicht gestört werden, aber wir haben hier ein kleines Problem, bei dem Sie uns helfen könnten. Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar.«

»Nur zu«, sagte Rogler. Er war nicht verärgert über die Störung, sondern beinahe dankbar. Seine Gedanken begannen sich ohnehin im Kreise zu drehen. Vielleicht war eine Ablenkung jetzt genau das, was er brauchte. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich müßte Sie bitten, herunter zur Rezeption zu kommen«, sagte Gramer. Er klang nervös. »Es geht um ... einige Gäste, die Schwierigkeiten machen.«

»Warum rufen Sie nicht die Polizei?« fragte Rogler.

»Das haben wir natürlich versucht, aber Sie wissen ja, was in der Stadt los ist. Die Gendarmen sind völlig überlastet, und da wir Sie im Haus haben, dachte ich...«

Rogler seufzte. Vielleicht hätte er doch nicht so voreilig seine Hilfe anbieten sollen, dachte er. Er hatte nichts dagegen, für ein paar Minuten aus seinen fruchtlosen Grübeleien herausgerissen zu werden, aber er verspürte auch wenig Lust, sich mit ein paar randalierenden Jugendlichen auseinanderzusetzen oder irgendwelchen Touristen, denen der Service nicht paßte. Auf der anderen Seite konnte er Gramer auch verstehen. Er und seine angebliche Sondereinheit waren nicht ganz unschuldig daran, daß die örtliche Polizei hoffnungslos überlastet war und ihre eigentliche Arbeit nicht mehr schaffte.

»Also gut«, sagte er. »Ich komme herunter. Eine Minute.«

Er hängte ein, schlüpfte in seine Jacke und verließ das Zimmer. Auf dem Flur war es sehr ruhig, was nicht zuletzt daran lag, daß er und seine Mitarbeiter nahezu die gesamte Etage in Beschlag genommen hatten. Die beiden einzigen Zimmer, die sie nicht belegten, standen leer - und das in einem Moment, in dem Hotelbetten in Ascona praktisch mit Gold aufgewogen wurden. Schon aus diesem Grund war er wohl moralisch verpflichtet, Gramer zu helfen.

Vor dem Aufzug stand ein uniformierter Polizist, dessen einzige Aufgabe darin bestand, Rogler und seine Leute vor den Journalisten zu beschützen, die das Hotel belagerten, um auf irgendeine belanglose Bemerkung zu warten, die sie zu einer Sensation aufbauschen konnten. Rogler trat in den Lift und gab dem Mann einen Wink, ihm zu folgen. Im Moment war er ohnehin der einzige Bewohner dieser Etage. Die insgesamt neun Beamten, die zu seiner Verfügung abkommandiert waren, waren in der Stadt unterwegs und taten ihr Bestes, um das allgemeine Chaos noch zu vergrößern.

Aufgeregte Stimmen und Lärm schlugen ihnen entgegen, als sie das Erdgeschoß erreichten. Auf der anderen Seite der Halle drängten sich mindestens drei oder vier Dutzend Menschen, so daß er im ersten Moment nicht erkennen konnte, was überhaupt los war. Rogler bedeutete seinem Begleiter, dicht hinter ihm zu bleiben, und hielt nach Gramer Ausschau, während er sich der Menschenmenge näherte.

»Herr Rogler, Gott sei Dank, daß Sie kommen!« Gramer kam ihm händeringend entgegen. Der Mann war ein Nervenbündel. Das war er schon gewesen, als Rogler als ganz normaler Gast in einer ganz normalen Stadt hier geweilt hatte. Seit sich Ascona aber in ein Tollhaus verwandelt hatte, balancierte er ununterbrochen am Rande eines Nervenzusammenbruchs entlang. Und er machte ganz den Eindruck, als wäre es nun wirklich soweit. »Es tut mir unendlich leid, daß ich Sie belästigen muß, aber ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.«

Rogler hob besänftigend beide Hände und versuchte, seine Stimme so ruhig wie nur möglich klingen zu lassen. »Was ist denn passiert?« fragte er. »Was bedeutet dieser Auflauf?«

»Es sind diese Wilden!« jammerte Gramer. »Ich habe wirklich nichts gegen Fremde, und ich akzeptiere auch ihre Sitten, so weit es möglich ist, aber das ... das geht einfach nicht mehr! Sehen Sie selbst.«

»Wilde?« fragte Rogler.

Gramer war viel zu nervös, um zu antworten. Heftig gestikulierend bahnte er für sich und Rogler einen Weg durch die Menge, bis der Grund für die allgemeine Aufregung vor ihnen lag.

Rogler riß erstaunt die Augen auf. Gramers Worte hatten ihn vorgewarnt, aber er hatte trotzdem nicht damit gerechnet, es tatsächlich mit Wilden zu tun zu haben. Doch ganz genau das war der Fall.