Выбрать главу

Sie waren zu fünft. Im ersten Moment glaubte Rogler, Mitgliedern irgendeines primitiven afrikanischen Volksstammes gegenüberzustehen, aber dann betrachtete er die gedrungenen Gestalten genauer - die breiten Nasen und wulstigen Lippen, das krause, drahtige Haar und die Färbung der Haut, die eher staubig-grau als wirklich schwarz war: die fünf Männer waren Aborigines, Angehörige der australischen Ureinwohner, die heute auf ihrem eigenen Kontinent eine ebenso klägliche Rolle spielten wie die nordamerikanischen Indianer in ihrem Land. Trotz der alles andere als sommerlichen Temperaturen waren sie fast nackt, dafür jedoch über und über bemalt; mit weißen Kreisen und Schlangenlinien, gezackten Mustern und bizarren Symbolen, die ihren ohnehin furchteinflößenden Gesichtern etwas noch Bedrohlicheres verliehen.

Das allein war jedoch nicht der Grund für Gramers Aufregung. Sie beruhte wohl eher auf der Tatsache, daß zwei der Aborigines direkt vor dem Hoteleingang auf dem Boden hockten und dabei waren, irgendeine verrückte Zeremonie zu vollziehen, bei der sie kleine Knochen und Holzsplitter auf den Boden warfen und dabei Worte in einer unverständlichen, hart klingenden Sprache murmelten. Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik, aber zugleich beschlich Rogler auch ein sonderbares Gefühl, das er nicht richtig einordnen konnte. Was ihm und den anderen hier seltsam und bizarr vorkommen mochte, war für diese Männer ungemein wichtig, das spürte er. Und vielleicht nicht nur für sie. »Wo ist das Problem?« fragte er.

Gramer rang hörbar nach Luft. »Sie halten den ganzen Betrieb hier auf«, japste er. »Niemand kommt mehr rein und niemand mehr raus. Sehen Sie doch selbst! Und sie gehen nicht weg!«

Es fiel Rogler immer schwerer, nicht zu lachen. Obwohl er Gramer durchaus verstehen konnte, wirkte er in seiner Verzweiflung fast komisch. Aber er hatte natürlich recht - die beiden Aborigines saßen unmittelbar vor der gläsernen Drehtür, die auf dieser Seite den einzigen Zugang zum Hotel darstellte. Und selbst wenn jemand versucht hätte, an ihnen vorbeizukommen, wäre er an den drei anderen Aborigines gescheitert, die einen engen Halbkreis um die beiden am Boden Sitzenden bildeten und mit finsteren Gesichtern dafür sorgten, daß niemand ihnen zu nahe kam. Roglers Lächeln erlosch schlagartig, als er sah, daß die Männer bewaffnet waren. Einer hielt einen kurzen Speer in der Hand, in den Gürteln der beiden anderen steckten lange Dolche mit gefährlich aussehenden, zweiseitig geschliffenen Klingen aus Stein.

»Soll ich Verstärkung anfordern?« fragte der Beamte, der ihn begleitet hatte.

Rogler dachte an das Bild der hoffnungslos verstopften Straße, das er vom Fenster seines Hotelzimmers aus gesehen hatte. Der Mann trug ein Funkgerät bei sich, aber selbst wenn er Verstärkung anforderte, würde sie wahrscheinlich eine Woche brauchen, um herzukommen. »Nein«, sagte er leise. »Aber passen Sie auf.«

Er trat einen Schritt auf einen der Aborigines zu. Der Mann straffte die Schultern und legte die Hand auf die Hüfte; ein kleines Stück neben dem Messergriff, aber gewiß nicht durch Zufall. »Nicht weiter«, sagte er. Seine Worte hatten einen seltsamen, dunklen Akzent, waren aber trotzdem klar zu verstehen.

»Sie sprechen unsere Sprache?« sagte Rogler überrascht. »Gut, das macht es leichter.« Er wies auf den Dolch des Mannes und die Hand daneben. »Lassen Sie das. Ich will nur mit Ihnen reden.«

Tatsächlich zog der Aboriginal die Hand nach einer Sekunde des Zögerns zurück, wich aber keinen Millimeter zur Seite.

»Was tun Sie hier?« fragte Rogler. »Sie können hier nicht einfach den Weg blockieren. Die Leute müssen vorbei.« Er sprach langsam und mit übertriebener Betonung, um auch wirklich verstanden zu werden, aber er kam sich ebenso hilflos wie albern dabei vor. Die Situation hatte etwas Groteskes. Nur, daß ihm kein bißchen mehr nach Lachen zumute war.

»Heiliger Mann«, sagte der Aboriginal. »Nicht stören. Heilige Zeit.«

»Hören Sie«, sagte Rogler seufzend. »Ich möchte die Sache in Ruhe mit Ihnen klären. Sie können hier nicht bleiben. Sie behindern all diese Leute hier, und das geht nicht.«

Jemand versuchte von außen durch die Drehtür zu treten, aber einer der Aborigines streckte rasch den Arm aus und hielt sie mit erstaunlicher Kraft fest. »Lassen Sie das!« sagte Rogler scharf. »Ich bin Polizeibeamter. Wenn Sie nicht freiwillig gehen, muß ich Sie gewaltsam wegbringen lassen. Bitte zwingen Sie mich nicht dazu.« Er machte eine Geste zu dem uniformierten Beamten neben sich. Der Mann trat gehorsam näher, aber er sah dabei nicht besonders glücklich aus. Die Vorstellung, sich mit drei noch dazu bewaffneten Eingeborenen anlegen zu sollen, schien ihm nicht besonders zu gefallen. Aber Rogler wußte, daß es so weit nicht kommen würde. Trotz ihres barbarisch anmutenden Äußeren strahlten die Aborigines eine sonderbare Friedfertigkeit aus.

»Der Heilige Mann darf nicht gestört werden«, fuhr der Aboriginal fort. »Die Geister werden zornig, wenn man ihr Gespräch mit den Menschen unterbricht.«

»Aber Sie können hier nicht bleiben«, antwortete Rogler geduldig. »Bitte - wir respektieren Ihre Sitten, aber Sie müssen auch unsere respektieren. Meinetwegen bleiben Sie hier, aber geben Sie wenigstens den Eingang frei.« Gramer ächzte, aber Rogler brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen, bevor er überhaupt ein Wort sagen konnte.

Tatsächlich wandte sich der Aboriginal in seiner Muttersprache an die beiden Männer vor der Tür. Einer von ihnen antwortete mit einem einzelnen Wort, setzte aber zugleich sein sonderbares Tun fort. Die Knochen fielen klappernd zu Boden und bildeten ein willkürliches Muster. Für die beiden Aborigines schien es jedoch von großer Bedeutung zu sein, denn sie beugten sich plötzlich erregt vor und begannen aufgeregt und sehr laut miteinander zu palavern.

»Herr Rogler, bitte tun Sie etwas!« jammerte Gramer. »Ich verliere sonst den Verstand!«

Rogler beachtete ihn nicht. Er beobachtete aufmerksam die beiden Aborigines. Es war fast unmöglich, in ihren fremdartig geschnittenen Gesichtern zu lesen - und doch war er sicher, plötzlich eine große Besorgnis darauf zu erkennen, beinahe so etwas wie Angst. Vielleicht spürte er es auch nur.

Einer der Aborigines hob plötzlich den Blick und sah ihn direkt an. Er sagte etwas, das Rogler natürlich nicht verstand, aber die Worte bewirkten etwas in ihm, eine Reaktion nicht auf ihren Sinn, aber auf ihren Klang; etwas, das nicht sein Verstand, sondern etwas Tieferliegendes, viel Älteres ihm mitteilte. Es war eine Form der Kommunikation, die keine Worte brauchte, so wie es Dinge gab, die man nicht aussprechen mußte, um sie zu verstehen. Im Blick des alten Aboriginal war etwas ungemein Beunruhigendes, aber keine Drohung; nichts, was ihm angst gemacht hätte. Es kostete Rogler all seine Kraft, sich aus dem Bann dieser Augen zu lösen und herumzudrehen.

»Lassen Sie sie«, sagte er. »Sie werden gehen, sobald sie fertig sind.«

Gramer quietschte vor Entsetzen. »Aber um Himmels willen! Sie ... Sie können doch nicht -«

»Ich kann überhaupt nichts!« unterbrach ihn Rogler grob. Er spürte den Blick des Aboriginals noch immer im Rücken, und seine Berührung war wie Feuer, das etwas in ihm zu verbrennen schien. Er mußte sich mit aller Gewalt beherrschen, um Gramer nicht anzuschreien. »Was soll ich tun? Sie erschießen?«

»Aber das Hotel!« jammerte Gramer. »Unsere Gäste!«

»Lassen Sie die Leute durch die Hintertür raus, wenn es sein muß«, sagte Rogler. »Ich kann nichts machen. Ich bin sicher, es dauert nicht mehr lange.« Ohne ihn auch nur noch eines weiteren Blickes zu würdigen, stürmte er an dem völlig konsternierten Hotelmanager vorbei und trat in den Aufzug. Erst als sich die Tür hinter ihm geschlossen und die Kabine in Bewegung gesetzt hatte, atmete er erleichtert auf.

Er hatte Angst. Und er wußte nicht einmal, wovor.

Warstein hatte fast eine halbe Stunde unter der Dusche verbracht, aber selbst nachdem er sich gründlich frottiert und angezogen hatte, zitterte er noch vor Kälte. Dabei hatte er so heiß geduscht, daß er sich nicht gewundert hätte, wenn sein Rücken voller Brandblasen gewesen wäre, nachdem er aus der Kabine trat. Es nutzte nichts. Trotz des im Grunde viel zu warmen Pullovers und der Strickjacke, die er darübergeworfen hatte, liefen ihm eiskalte Schauer über den Rücken, und seine Hände zitterten so stark, daß er sie schließlich zu Fäusten ballte, um es zu unterdrücken.