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Warstein kannte den Grund dafür. Er wußte auch, was er dagegen tun konnte. Es wäre ganz einfach. Die Minibar neben dem Fernseher war gut genug bestückt, um sowohl die Kälte zu vertreiben als auch seine zitternden Finger zu beruhigen. Fast eine Minute lang stand er da und starrte den kleinen braunlackierten Metallwürfel an, aber dann drehte er sich mit einem Ruck herum und verließ das Zimmer. Sie hatten sich für halb sieben zum Essen unten im Restaurant verabredet, und er mußte nicht schon mit einer Alkoholfahne dort ankommen.

Er war ein wenig enttäuscht von sich selbst, denn obwohl er ganz genau wußte, daß das nicht der Wahrheit entsprach, hatte er sich doch bisher stets eingeredet, von dem verdammten Zeug nicht abhängig zu sein. Er trank zwar regelmäßig, aber nicht viel, und er hatte geglaubt, damit aufhören zu können, wann immer er wollte. Aber das stimmte nicht. Wie so vieles, was er sich vorgemacht hatte. Vielleicht, versuchte er sich selbst zu überzeugen, hatte er sich auch schlichtweg eine Erkältung eingefangen. Verwunderlich wäre das jedenfalls nicht. Sie hatten eine halbe Stunde gebraucht, bis sie eine Telefonzelle fanden, von der aus sie ein Taxi rufen konnten, und um das Maß voll zu machen, hatten sie anschließend noch einmal gute zwanzig Minuten auf den Wagen gewartet; alles in allem mehr als eine Dreiviertelstunde, in der sie buchstäblich bis auf die Haut naßgeregnet waren. Warstein konnte sich nicht erinnern, in den letzten Jahren irgendwann einmal so gefroren zu haben wie in dieser Zeit. Wahrscheinlich konnten sie von Glück sagen, wenn sich keiner von ihnen eine Lungenentzündung oder Schlimmeres geholt hatte.

Das Restaurant war bereits gut besucht, obwohl es noch relativ früh war. Fast alle Tische waren besetzt, und das Klappern von Geschirr, die summenden Gespräche, die hin und her hastenden Kellner und die Gerüche erinnerten Warstein wieder daran, daß er an diesem Tag noch fast nichts gegessen hatte. Er entdeckte Angelika und Lohmann an einem Tisch vor dem Fenster. Angelika sah ihn im gleichen Moment wie er sie und winkte ihm zu, während Lohmann nur kurz den Blick hob und sich dann wieder in seine Notizen vertiefte, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Warstein bahnte sich vorsichtig einen Weg zu ihnen, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

»Hallo«, begrüßte ihn Angelika. »Wieder einigermaßen auf dem Damm?« Warstein antwortete mit einer Geste, die ebensogut ein Achselzucken wie ein Nicken sein konnte. Das letzte Stück Weg bis ins Hotel hatte er nur mit Mühe und Not geschafft. Er war so durchgefroren gewesen, daß er nicht einmal den Anmeldezettel hatte ausfüllen können. Angelika hatte nichts gesagt, aber ihre Blicke und vor allem diese Frage jetzt bewiesen, daß sie sich ernsthafte Sorgen um ihn gemacht hatte.

»Eine heiße Dusche und ein bißchen Ruhe tun manchmal Wunder«, sagte er.

»Und ein gutes Essen«, fügte Angelika hinzu. Sie schob ihm die Karte über den Tisch. »Wir haben schon bestellt, auch wenn es unhöflich ist. Aber ich sterbe vor Hunger.«

Warstein erging es nicht anders. Sein Magen knurrte so laut, daß es schon fast peinlich war, und er hielt sich nicht lange mit der Auswahl auf, sondern winkte den Ober herbei und bestellte Zürcher Geschnetzeltes und Rösti, was nicht einmal unbedingt sein Lieblingsessen war. Aber es war das erste, was ihm ins Auge fiel, und außerdem fand er es angemessen, eine Spezialität des Landes zu bestellen, in dem sie sich aufhielten.

»Einen Aperitif?« fragte der Ober, nachdem er Warsteins Bestellung notiert hatte. »Es wird einen Moment dauern - Sie sehen ja selbst, wir haben im Augenblick Hochbetrieb.«

»Einen Orangensaft, bitte«, antwortete Warstein. Angelika zog überrascht die Augenbrauen hoch, und auch Lohmann sah kurz von seinem Notizblock auf. Warstein beugte sich vor und versuchte, etwas von dem zu lesen, was der Journalist auf seinen Block kritzelte, aber es gelang ihm nicht. Lohmanns Handschrift war fast unleserlich; außerdem stand das Blatt auf dem Kopf. »Seid ihr schon zu irgendwelchen Erkenntnissen gelangt?« fragte er.

Angelika lächelte, aber Lohmann sah verärgert von seinem Block hoch und maß ihn eine Sekunde lang mit einem Blick, der Warsteins gute Laune entschieden dämpfte. »Zu Weltbewegendem vielleicht nicht«, sagte er. »Aber alles in allem würde ich diesen Tag trotzdem als Erfolg verbuchen - wenn wir einen Wagen hätten und nicht hier festsitzen würden.«

»So?« sagte Warstein überrascht.

Der Journalist klappte seinen Block zu und trank einen Schluck von dem Bier, das vor ihm stand. »Was Huerse erzählt hat, ist schon sehr interessant«, sagte er. »Schade, daß diese Xanthippe ausgerechnet im falschen Moment aufgetaucht ist; Ich bin fast sicher, daß wir noch mehr erfahren hätten.«

»Es klang aber auch reichlich phantastisch«, gab Angelika zu bedenken. »Ich meine, er ist ein sehr alter Mann. Und er war ziemlich verwirrt.«

»Gerade darum glaube ich ihm«, erwiderte Lohmann. »Ich weiß, daß alte Leute oft Unsinn reden. Aber nicht diese Art von Unsinn. So etwas denkt man sich nicht aus. Ich glaube, daß er es wirklich erlebt hat.«

Warstein pflichtete ihm mit einem Nicken bei. »Außerdem paßt es zu gut, um Zufall zu sein.«

»Wozu?« fragte Lohmann.

»Zu dem, was ich damals erlebt habe«, antwortete Warstein. »Erinnert ihr euch an das, was er als letztes gesagt hat? Daß seine Uhr stehengeblieben ist? Das gleiche ist mir damals auch passiert. Und nicht nur mir. Sämtliche Uhren, die mit im Tunnel waren, funktionierten danach nicht mehr. Einige liefen sogar rückwärts.«

»Rückwärts?« Angelika runzelte zweifelnd die Stirn. »Aber ist denn das überhaupt möglich?«

»Sicher«, antwortete Warstein. »Und das allein wäre nicht einmal etwas Besonderes. Es gibt eine ganze Anzahl natürlicher Erklärungen dafür - angefangen bei ganz simplem Magnetismus.«

»Aber das war nicht alles«, vermutete Lohmann.

Warstein zögerte. Plötzlich waren sie schon mitten drin in dem Gespräch, das er eigentlich heute gar nicht hatte führen wollen - so wenig wie an irgendeinem anderen Tag. Über das zu reden, was er damals erlebt hatte, hieße die Gespenster der Vergangenheit wieder zu wecken, und davor hatte er trotz allem immer noch Angst. »Nein«, sagte er schließlich.

»Endlich lassen Sie die Katze aus dem Sack«, sagte Lohmann. »Ich dachte schon, Sie fangen überhaupt nicht mehr davon an.«

»Das hatte ich eigentlich auch nicht vor«, sagte Warstein offen. Er deutete auf Angelika. »Ich bin nur ihretwegen hier. Nicht, um alte Geschichten wieder aufzuwärmen.«

»So furchtbar alt scheinen sie mir nicht zu sein«, erwiderte Lohmann. »Die Geschichte mit dem Zug ist gerade mal vier Wochen her. Und da waren auch noch ein paar andere Dinge.«

»Was für andere Dinge?« fragte Warstein.

Lohmann schüttelte den Kopf. »Nichts da. Sie sind dran.« Er wedelte mit beiden Händen. »Was ist damals passiert? Ich meine nicht den Blödsinn, der in den Zeitungen gestanden hat, sondern die Wahrheit.«

»Ich weiß es nicht«, gestand Warstein. »Eine Weile dachte ich, ich wüßte es, aber das stimmte nicht. Ich weiß nur, daß wir an irgend etwas gerührt haben, das wir nicht hätten wecken sollen.«

»Wenn Sie das genauso zu Franke gesagt haben, wundert es mich nicht, daß er Sie gefeuert hat«, erwiderte Lohmann. »Es klingt...«

»Verrückt?« schlug Warstein vor. »Ja, für eine ganze Zeit dachte ich das auch. Vielleicht bin ich es ja auch, wer weiß? Möglicherweise jagen wir Gespenstern nach.«

»Gespenster, die Tote hinterlassen?«