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Warstein sah aus den Augenwinkeln, wie Angelika zusammenfuhr. Er drehte sich zu ihr herum und zwang sich zu einem Lächeln, das optimistischer ausfiel, als er sich eigentlich fühlte. »Ich glaube nicht, daß dein Mann in Gefahr ist«, sagte er. »Wenn der Berg ihn hätte haben wollen, dann hätte er ihn schon damals geholt.«

»Damit wären wir dann in der Abteilung Okkultes und andere Verrücktheiten angekommen«, sagte Lohmann. »Sie reden von diesem Berg, als wäre er ein lebendes Wesen.«

»Und wer sagt Ihnen, daß er es nicht ist?« gab Warstein ruhig zurück.

Lohmann lachte. »Natürlich«, sagte er. »Sie haben ihn gekitzelt, und jetzt fängt er an, sich zu kratzen, wie?« Aber sein Spott hatte keinen Biß. Seine Stimme klang eine Spur zu unsicher, um ihm den beabsichtigten Effekt nicht zu verderben.

»Es ist nichts Denkendes«, antwortete Warstein überzeugt.

»Ich denke, Sie wissen nicht, was es ist«, sagte Lohmann lauernd.

»Stimmt. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich denke, ich weiß ziemlich genau, was es nicht ist«, erwiderte Warstein. Seltsam - plötzlich konnte er ganz ruhig über die Geschehnisse von damals reden. Es war, als hätte er, ohne es selbst überhaupt zu merken, eine unsichtbare Grenze überschritten. Es war ganz undramatisch geschehen und beinahe ohne äußeren Anlaß, aber irgendwie endgültig. Plötzlich fiel es ihm ganz leicht, über die Vergangenheit zu reden. Es erleichterte sogar.

»Und was ist es nicht?« fragte Lohmann. Warstein spürte, wie schwer es ihm fiel, noch halbwegs ruhig zu bleiben.

»Es ist kein Jemand«, sagte Warstein betont. »Aber auch kein Etwas.« Er mußte lächeln, als er den konsternierten Ausdruck auf Lohmanns Gesicht bemerkte. Seine Worte hörten sich alles andere als logisch an. Er befand sich in einem Dilemma: wie konnte er etwas erklären, was nicht zu erklären war?

»Aha«, sagte Lohmann.

Warstein lachte nun wirklich, aber nur für eine Sekunde, und es war ein Laut so völlig ohne Humor oder irgendwelche anderen Gefühle, daß in Angelikas Augen für einen Moment fast so etwas wie Angst aufblitzte. »Es ist schwer zu erklären«, sagte er, »ich weiß. Damals dachte ich, ich wüßte es, aber die Wahrheit ist, daß ich so wenig wie ihr weiß, was in diesem Berg vor sich geht. Vielleicht hat Franke sogar recht.«

»Womit?« Lohmann leerte sein Bier und bestellte in der gleichen Bewegung ein neues.

»Das weiß ich nicht«, gestand Warstein - ein Wort, das er in letzter Zeit sehr häufig benutzte, selbst für seinen Geschmack. »Aber er ist Physiker - und trotz allem ein verdammt guter. Wenn er nach einer Erklärung sucht, dann nach einer naturwissenschaftlichen.«

»Dafür, daß Uhren stehenbleiben und Dinge altern?«

»Warum nicht?« Er sah Angelika an. »Damals, als dein Mann und die anderen verschwanden, war es dasselbe. Uhren blieben stehen, und ich habe ein Telefongespräch gehört, das zwei Stunden alt war.«

»Und ihr alle wart für beinahe zwei Tage einfach verschwunden.« Lohmann tippte mit Zeige- und Mittelfinger auf seinen Block. »Ich habe die Berichte gelesen. Sie haben den Tunnel Zentimeter um Zentimeter abgesucht, und das mindestens ein Dutzend Mal. Niemand weiß, wo sie gewesen sind.«

»Ich auch nicht«, sagte Warstein. »Obwohl ich dabei war. Aber vielleicht müßte die Frage auch nicht lauten wo, sondern wann.«

»Das klingt ... ziemlich phantastisch«, sagte Lohmann. Das unmerkliche Stocken in seiner Antwort machte klar, daß er eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen.

»Nicht phantastischer als die Vorstellung, daß Menschen miteinander reden, die sich an entgegengesetzten Enden der Welt aufhalten«, antwortete Warstein. »Oder zum Mond fliegen und dort Spazierengehen.«

»Das ist ja wohl ein Unterschied«, protestierte Lohmann.

»Für uns«, antwortete Warstein. »Weil wir wissen, wie diese Dinge funktionieren. Menschen eines anderen Zeitalters würden schreiend davonlaufen, wenn sie einen Fernseher oder ein Bildtelefon sähen. Überdies wissen die meisten Menschen heute auch nicht, wie all diese Dinge funktionieren. Sie glauben es nur zu wissen, weil sie ständig damit umgehen. Wissen Sie, wie ein Telefon funktioniert? Ich meine, wissen Sie es wirklich?« Lohmann sah ihn nur eine Sekunde betroffen an, und Warstein fuhr mit einem Lächeln fort: »Sehen Sie? Wir sind gar nicht so weit von den Zauberern und Schamanen des Mittelalters entfernt, wie die meisten glauben. Computer, Fernseher, Autos, Mikrowellenherde, Taschenrechner ... es ist eine Art Zauberei.«

»Nur daß wir verstehen, wie sie funktioniert«, warf Angelika ein. »Ein paar von uns.«

»Irrtum«, antwortete Warstein. »Die meisten sogenannten Wissenschaftler wissen es auch nicht. Sie wissen, was passiert, wenn sie etwas Bestimmtes tun. Kausalität. Die Regeln von Ursache und Wirkung, das ist es, was sie bis zur Perfektion beherrschen. Aber wenn du wirklich hinter die Dinge schaust, dann wirst du feststellen, daß sie in den allermeisten Fällen auch nicht wissen, was sie tun.«

»Und das sagt ein Wissenschaftler?«

»Ein Ex-Wissenschaftler«, verbesserte Warstein sie. »Außerdem: nur ein Wissenschaftler hat das Recht, so über Wissenschaftler zu reden.«

Lohmann unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Stop«, sagte er. »Das Ganze wird mir langsam zu metaphysisch. Wir sollten allmählich auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und uns über Fakten unterhalten.«

»Sie wollten es wissen, oder?«

»Ja, aber vielleicht nicht ganz so ausführlich«, maulte Lohmann. Er sah ungeduldig auf. »Wo zum Teufel bleibt das Essen?«

Er wirkte regelrecht erschrocken, dachte Warstein, nicht einfach nur genervt, wie er tat. Warstein konnte ihn verstehen; das Gespräch begann sich in eine Richtung zu entwickeln, die ihm nicht behagte. Wie die meisten Menschen verstand er nicht wirklich, wovon Warstein sprach, aber er spürte instinktiv auch, daß es mehr war als leere Worte, mehr als bloße Spekulation über etwas, was sein konnte oder auch nicht. Das, worüber sie sprachen, hatte Substanz, wenn auch vielleicht von einer Art, die sich ihrem rationalen Begreifen entzog. Lohmann und wohl auch Angelika spürten es, und er selbst wußte es. Er fragte sich, was Lohmann wohl gesagt hätte, hätte er ihm von seinem zweiten Gespräch mit Saruter erzählt. Vielleicht sollte er es tun. Vermutlich hielt ihn Lohmann ohnehin für verrückt.

Was ihn davon abhielt, es wirklich zu tun, war die Ankunft ihres Essens. Nicht nur Warsteins Magen meldete sich mit Nachdruck zu Wort; sie alle drei hatten seit dem frühen Morgen nichts mehr zu sich genommen, und so konzentrierten sie sich die nächsten zehn Minuten auf nichts anderes als ihr Essen. Besonders Warstein genoß es in vollen Zügen, und es war längst nicht nur sein Hunger, den er stillte. Für Lohmann und Angelika mochte es ganz selbstverständlich sein, in einem Restaurant zu sitzen und ihre Mahlzeit zu verzehren, aber für ihn war es ein Teil eines Lebens, durch dessen Maschen er irgendwann vor drei Jahren gefallen war und das er schon für immer verloren geglaubt hatte. Es war wie eine Rückkehr in eine Welt, deren Türen hinter ihm zugefallen waren, Türen, die nur auf einer Seite Griffe besaßen; auf der, die ihm nicht zugänglich war.

»Das Essen ist gut«, lobte Angelika nach einer Weile. Das war es nicht einmal. Es war bestenfalls durchschnittlich, aber sie versuchte auch nur, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Anders als Warstein schien sie das Schweigen als unangenehm zu empfinden.

»Es ist erträglich, mehr aber auch nicht«, sagte Lohmann. Er trank wieder von seinem Bier; dem dritten, seit Warstein heruntergekommen war.

Und er glaubte von sich, daß er zuviel trank?

»Damit ist es immer noch besser als Sie«, sagte Warstein. Angelika sah überrascht von ihrem Teller auf, und auch Lohmann verwirrte dieser plötzliche Angriff sichtlich.

»Wie?«

»Sie gehen mir auf die Nerven, Lohmann«, sagte Warstein feindselig. »Ist das Ihre Masche, oder sind Sie tatsächlich so negativ?«