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Der Journalist sah ihn eine ganze Weile nur wortlos an, dann schüttelte er den Kopf, richtete sich ein wenig auf und winkte den Kellner herbei. »Bringen Sie noch zwei Bier«, sagte er.

»Für mich nicht.«

»Doch, für ihn auch.« Lohmann bedeutete dem Ober zu gehen und sprach erst weiter, als dieser außer Hörweite war. »Jetzt hören Sie mir mal zu«, sagte er, nicht einmal besonders laut, aber in einem Ton, den Warstein bisher noch nicht bei ihm erlebt hatte. »Ich weiß, daß Sie ... sagen wir, Ihre Probleme mit dem Alkohol haben. Sie haben heute noch keinen Tropfen angerührt, stimmt's?«

»Ich wüßte nicht, was Sie das angeht.«

»Eine Menge. Es ist Ihre Sache, wenn Sie saufen, und es ist auch Ihre Sache, wenn Sie sich entschließen, damit aufzuhören. Aber bitte nicht jetzt. Wenn wir wieder zu Hause sind, können Sie tun und lassen, was Sie wollen. Aber jetzt ist wirklich nicht der passende Moment, um mit einer Entziehungskur anzufangen. Wenn wir auch nur ein bißchen von dem finden, was ich glaube, dann kann ich verdammt noch mal kein Nervenbündel neben mir gebrauchen, das mir bei jedem schrägen Blick an die Kehle geht.«

»Ich glaube kaum, daß Sie das -«

»Bitte!« unterbrach sie Angelika. »Hört auf zu streiten. Davon hat doch niemand etwas.«

»Und warum nicht?« fragte Lohmann grinsend. »So ein kleiner Streit dann und wann ist doch etwas Feines.«

»Heben Sie es sich für Franke auf«, knurrte Warstein. Aber zugleich warf er Angelika einen beinahe dankbaren Blick zu. Sie hatte natürlich recht - sie brauchten ihre Energie wahrlich für andere Dinge. Und irgendwie hatte wohl auch Lohmann recht - auch wenn ihm das nicht behagte.

»Franke!« Lohmann machte ein abfälliges Geräusch. »Das wird allmählich zur Manie bei Ihnen, wie? Sie scheinen ja eine Heidenangst vor diesem Mann zu haben.«

»Ich begehe nur nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen«, erwiderte Warstein. »Immerhin hat er uns schon genug Ärger bereitet. Und ich glaube nicht, daß das schon alles war.«

»Da sind wir wohl ausnahmsweise einmal einer Meinung«, bestätigte Lohmann. »Aber ich bin auch nicht ganz wehrlos. Sobald die Redaktion morgen früh wieder besetzt ist, werde ich ein paar Telefongespräche führen, und dann wird sich Ihr Dr. Franke wundern.«

Warstein ersparte es sich, darauf zu antworten. Lohmann war, was er nun einmal war: ein überheblicher Narr. Das Schlimme war vielleicht nicht einmal, daß er Franke nach wie vor unterschätzte. Was ihm allmählich ernsthafte Sorgen zu bereiten begann, war, daß er das Ganze offensichtlich noch immer als eine Art großes Spiel betrachtete, bei dem es im Endeffekt um nicht mehr als eine Story für seine Zeitung ging.

Jemand trat an ihren Tisch. Warstein sah auf und erwartete, den Kellner zu sehen, der das bestellte Bier brachte. Aber es war nicht der Kellner. Vor ihnen stand ein grauhaariger Mann undefinierbaren Alters, der Lohmann und ihn abwechselnd ansah. Warstein mußte nur einen einzigen Blick in sein Gesicht werfen, um zu wissen, daß schon wieder etwas Unangenehmes auf sie zukam. »Herr Lohmann?« fragte er. Offenbar wußte er nicht genau, an wen von ihnen er sich überhaupt wenden sollte.

»Ja?«

»Bitte entschuldigen Sie. Mein Name ist Kerner. Ich bin der Geschäftsführer. Ich fürchte, es gibt da ein kleines Problem.«

»Was für ein Problem? Wir haben uns nicht über das Essen beschwert.« Kerner lächelte flüchtig, aber seine Augen blieben ernst. Er wirkte ... ja, dachte Warstein: verlegen.

»Es geht um Ihre Kreditkarte. Wie es aussieht, ist unserem Empfangschef bei der Anmeldung ein bedauerlicher Irrtum unterlaufen.«

»Was für ein Irrtum?« fragte Lohmann betont. »Ist irgend etwas mit meiner Karte nicht in Ordnung?«

»Ich fürchte«, bestätigte Kerner. »Sie ist nicht gedeckt.«

»Aber das ist doch lächerlich!« antwortete Lohmann. Er sprach so laut, daß einige der anderen Gäste an den Tischen ringsum die Köpfe hoben, was Kerner sichtbar peinlich war. »Natürlich ist sie gedeckt. Außerdem hat Ihr Mann sie vorhin geprüft. Was soll der Unsinn?«

»Ich sage ja, daß uns wohl ein Irrtum unterlaufen ist.« Kerner begann mit den Händen zu ringen. Er war sehr nervös. »Sie hatten uns gebeten, einen Mietwagen für Sie zu besorgen, und dazu mußten wir eine neuerliche Prüfung vornehmen. Bedauerlicherweise hat die Eurocard-Zentrale in Frankfurt uns die Deckung verweigert.« Er legte das kleine, goldfarbene Plastikkärtchen vor Lohmann auf den Tisch und trat hastig wieder zurück. »Es tut mir sehr leid, aber unter diesen Umständen werden Sie Verständnis haben, wenn ich Sie bitte, von einer Übernachtung in unserem Hotel abzusehen.«

»Wie bitte?« Lohmanns Gesicht verlor deutlich an Farbe. »Im Klartext, Sie werfen uns raus?«

»Ich bitte Sie!« Kerner machte eine nervöse Bewegung, leiser zu reden. »Selbstverständlich können Sie in Ruhe Ihr Essen beenden - das übrigens auf unsere Kosten geht. Wie gesagt: hätte unser Angestellter die Prüfung gleich ordnungsgemäß vorgenommen, wäre uns allen diese peinliche Situation erspart geblieben. Ich muß mich noch einmal dafür entschuldigen.«

»Sie glauben doch nicht, daß Sie damit durchkommen?« antwortete Lohmann drohend. »Die Karte ist in Ordnung, und das wissen Sie so gut wie ich.«

Er hatte in sehr scharfem Ton gesprochen, und beinahe noch lauter als bisher, aber Kerners Reaktion fiel ganz anders aus, als er vielleicht geglaubt hatte. Statt sich entsprechend eingeschüchtert zu zeigen, wirkte er plötzlich beinahe erleichtert. Von seiner Verlegenheit war mit einem Male keine Spur mehr zu bemerken.

Bisher war ihm die Situation äußerst unangenehm gewesen, doch indem Lohmann aggressiv wurde, hatte dieser ihm unabsichtlich einen Gefallen getan. Mit dieser Reaktion fertig zu werden, war sein Job.

»Wie gesagt, ich bedauere das Versehen und entschuldige mich dafür«, antwortete er, plötzlich in völlig verändertem Ton; kühl und auf eine Art, die die Worte zu einer Farce degradierten. »Überdies steht es Ihnen natürlich frei, selbst bei Ihrer Bank anzurufen und die Angelegenheit zu klären.« Er deutete auf die Kreditkarte, dann auf eine Tür am anderen Ende des Raumes. »Mein Büro und mein Telefon stehen zu Ihrer Verfügung. Aber ich muß darauf bestehen, daß Sie das Hotel verlassen, sobald Sie Ihre Mahlzeit beendet haben. Ich habe bereits veranlaßt, daß Ihr Gepäck heruntergebracht wird.«

Lohmann stand so hastig auf, daß sein Stuhl umgekippt wäre, hätte er ihn nicht festgehalten. »Ganz wie Sie wollen!« sagte er. »Ich werde anrufen, aber nicht nur in Frankfurt, darauf können Sie sich verlassen. Sie werden sich noch wünschen...«

»Hören Sie auf«, unterbrach ihn Warstein. Lohmann fuhr mit einer abrupten Bewegung herum, und der Zorn in seinem Blick drohte sich nun auf ihn zu entladen, aber Warstein wandte sich bereits an Kerner. »Es ist in Ordnung«, sagte er müde. »Wir gehen. Bitte entschuldigen Sie das Versehen.«

Kerner atmete sichtbar auf, aber er beging trotzdem nicht den Fehler, Lohmann Gelegenheit zu einer neuerlichen Attacke zu geben, sondern entfernte sich hastig.

»Es ist in Ordnung?« ächzte Lohmann. »Sind Sie wahnsinnig geworden? Der Kerl...«

»...kann nichts dafür«, fiel ihm Warstein ins Wort. »Begreifen Sie immer noch nicht, was hier gespielt wird?«

Lohmanns Gesichtsausdruck machte deutlich, daß er es sehr wohl begriff. Schließlich war er nicht dumm. Trotzdem sagte er: »Nein. Warum erklären Sie es mir nicht?«

»Sie können meinetwegen telefonieren, aber das ist reine Zeitverschwendung.« Warstein deutete auf die Kreditkarte. »Das Ding da ist garantiert nichts mehr wert.« Er seufzte tief. »Vielleicht verstehen Sie jetzt, was ich gemeint habe, als ich über Franke sprach. Ich würde sagen, es steht zwei zu null für ihn.«

»Langsam jetzt. Gaaaanz vorsichtig! Da sind höchstens noch zwanzig Zentimeter!«

Ralgert zog eine Grimasse. Er wußte mittlerweile wirklich nicht mehr, was ihn nervöser machte - die Millimeterarbeit, die er mit der schweren Baumaschine vollbringen mußte, oder die unqualifizierten Kommentare Herles, der neben ihm von einem Fuß auf den anderen hüpfte und insgeheim wahrscheinlich schon darauf wartete, daß er irgendwo aneckte.