Die Gefahr bestand durchaus - oder hätte bestanden, hätte ein anderer als Ralgert am Steuer des fünf Tonnen schweren Räumers gesessen. Er hatte verflucht wenig Platz. Aber er war auch verflucht gut. Ralgert bekam nicht umsonst Überstunden bezahlt, während seine Kollegen herumstanden und Däumchen drehten. Der Abschnitt, an dem sie seit einer Woche arbeiteten, war der schwierigste der ganzen Strecke - einen Meter zu weit nach rechts, und eine halbe Tonne Felsen und Geröll würden den Abhang hinunterpoltern und auf den nächsten fünfhundert Metern alles kurz und klein schlagen, was sich ihnen in den Weg stellte - inklusive der Fangzäune, die sie errichtet hatten. Niemand machte sich da etwas vor: die Stahlgitter hatten nur symbolischen Wert. Nichts auf der Welt konnte einen Felsbrocken von einer halben Tonne aufhalten, der einmal wirklich ins Rutschen kam. »Vorsicht jetzt. Du hast es gleich!«
Herle sprang rückwärts gehend um die Maschine herum und fuchtelte dabei mit beiden Armen. Offensichtlich hielt er sich für einen Lotsen, der ein Flugzeug einwinkte. Was Ralgert anging, so hielt er Herle einfach für einen Trottel, wenn auch einen, der aus den besten Absichten heraus handelte. Und übrigens auch nur, weil er es wußte, der Räumer war schwer genug, um schon bei der winzigsten Unachtsamkeit seines Fahrers enormen Schaden anzurichten. Außer dem Abhang auf der einen Seite gab es eine leicht abfallende Böschung auf der anderen, an deren Fuß eine Anzahl LKW und kleinerer Baumaschinen abgestellt war.
Aber Ralgert hatte nicht vor, eine Unachtsamkeit zu begehen. Er betätigte Kupplung, Bremse und Gas mit der Geschicklichkeit eines Virtuosen, der auf seinem Instrument spielt, so daß sich der tonnenschwere Stahlkoloß buchstäblich millimeterweise vorwärtsbewegte, während der Schuttberg vor der Schaufel allmählich größer wurde. Zugleich amüsierte er sich insgeheim über die Vorstellung, Herle mit den schweren Raupenketten über die Zehen zu fahren - dann hätte der Bursche wirklich Grund, herumzuhüpfen wie ein Indianer beim Regentanz. Er würde...
Der Motor ging aus. Der Räumer kam mit einem so plötzlichen Ruck zum Stehen, daß Ralgert in seinem Sitz nach vorne rutschte und sich hastig am Lenkrad festklammerte. Zugleich erloschen auch die Scheinwerfer des schweren Fahrzeuges.
»Was ist los?« rief Herle nervös. »Ist was passiert?«
Ralgert beachtete ihn gar nicht. Er starrte verblüfft auf seine Armaturen, auf denen tatsächlich etwas los war - nämlich der Teufel. Die verschiedenen Kontrollichter blinkten wie ein amerikanischer Weihnachtsbaum. Der Drehzahlmesser stand am Anschlag, und die Anzeige der Hydraulik hüpfte zwischen Null und Maximum hin und her, und obwohl der Motor nicht mehr lief, behauptete der Tachometer, daß das Fahrzeug mit Höchstgeschwindigkeit fuhr. Ein Scheinwerfer blieb tot, der andere gab sinnlose, immer schneller werdende Blinkzeichen.
»He, Ralgert - was ist denn?« rief Herle. Er klang noch nervöser als sonst.
»Ich hab keine Ahnung«, gestand Ralgert. »Die gesamte Elektronik spinnt.« Er blickte die Instrumente noch eine Sekunde hilflos an, dann beugte er sich rasch vor und zog den Zündschlüssel ab. Sicher war sicher. Der Räumer war eine zuverlässige, gutmütige Maschine, aber er besaß auch genug Kraft, um einen kleinen Berg einzuebnen. Ralgert sprang mit einem kraftvollen Satz von der Maschine und verdrehte die Augen, als ihm Herle, noch immer aufgeregt und mit beiden Armen fuchtelnd, entgegenkam.
»Was ist passiert? Ist irgendwas kaputt?«
»Bin ich Elektriker?« fragte Ralgert mißgelaunt. »Natürlich ist irgendwas kaputt, das siehst du doch selbst, oder?« Er deutete auf das hektisch blinkende Licht am vorderen Ende des Fahrzeuges und in der gleichen Bewegung auf Herles Funkgerät.
»Ruf den Boß an, damit er einen Monteur schickt. Für heute ist Feierabend.« Herle machte nur ein dummes Gesicht, und Ralgert mußte sich beherrschen, um seinen Ärger nicht zu deutlich werden zu lassen. Auch wenn es vielleicht nur eine Kleinigkeit war, so bedeutete das doch, daß die Maschine für den Rest der Schicht ausfiel, was wiederum zur Folge hatte, daß sie ihr Pensum heute nicht schafften. Und möglicherweise nicht nur heute, sondern für den Rest der Woche. Ade Prämie. Den Hunderter, den er schon so gut wie in der Tasche gehabt hatte, konnte er vergessen.
»Nun mach schon!« sagte er. »Ich hab keine Lust, die halbe Nacht hier herumzustehen.«
Herle griff beinahe hastig nach dem Walkie-talkie an seinem Gürtel und schaltete es ein. Nichts geschah. Das kleine Licht auf der Oberseite des Gerätes leuchtete zwar auf, aber das war auch alles. Ralgert und Herle hörten nicht einmal das statische Rauschen, das normalerweise jedes Gespräch begleitete. »Das verstehe ich nicht«, murmelte Herle. Er schüttelte das Gerät ein paarmal, schaltete es aus und befestigte es wieder an seinem Gürtel. Sein Blick ging zu dem Räumer. Der Scheinwerfer hatte aufgehört, Morsezeichen zu geben, dafür leuchteten die Bremslichter jetzt abwechselnd auf.
»Langsam wird mir die Sache unheimlich«, sagte er. »Los komm, wir verschwinden.«
Ralgert erhob keine Einwände. Unter normalen Umständen hätte er über eine solche Bemerkung allenfalls gelacht, aber Herle hatte recht: hier stimmte etwas nicht. Die Sache war unheimlich. Ralgert mußte plötzlich voller Unbehagen an die Geschichten denken, die man sich über den Tunnel erzählte, den sie auf der anderen Seite des Berges gegraben hatten. Mit einem Ruck drehte er sich um und ging los, und sie hatten gerade zwei Schritte gemacht, als der Motor des Räumers ansprang und eine gewaltige Rauchwolke ausstieß. Ralgert blieb stehen, hob die Hand und blickte vollkommen fassungslos auf den Zündschlüssel, den er noch immer darin hielt.
»Was...« Der Rest von Herles Worten ging in einem metallischen Kreischen unter. Hellblaue, gleißende Blitze hüllten für eine Sekunde das Fahrzeug in ein Gitternetz dünner, tausendfach verästelter Linien, und plötzlich stank die Luft so durchdringend nach verschmortem Gummi und brennendem Lack, daß Ralgert und Herle automatisch einige Schritte zurückwichen - was ihnen vermutlich das Leben rettete, denn in der nächsten Sekunde explodierte der Tank des Fahrzeuges mit einem ungeheuren Knall. Flammen und rotglühende Trümmerstücke flogen in alle Richtungen davon. Etwas streifte Ralgerts Arm, zerfetzte sein Hemd und hinterließ einen blutigen Kratzer auf seiner Haut, aber sie wurden beide wie durch ein Wunder nicht ernsthaft verletzt.
Ralgert preßte die Hand auf die Schulter und spürte warmes Blut zwischen den Fingern, aber irgendwie erreichte der Schmerz sein Bewußtsein nicht wirklich. Was er sah, das war einfach zu phantastisch, als daß er noch irgend etwas anderes hätte wahrnehmen können.
Der Tank des Räumers enthielt beinahe zweihundert Liter Dieselkraftstoff. Die Maschine hätte brennen müssen wie eine Fackel, und für eine oder zwei Sekunden tat sie das auch. Aber nicht länger. Plötzlich erloschen die Flammen - nein, verbesserte sich Ralgert in Gedanken. Sie erloschen nicht. Sie waren ganz einfach nicht mehr da, von einem Sekundenbruchteil auf den anderen, so als betrachte er einen Film mit einem unsauberen Schnitt. Die Flammen, die blauen Blitze, der Gestank, alles war fort, und die schwere Baumaschine stand da, als wäre nichts geschehen. Nur ihre geschwärzte Flanke und der zerfetzte Tankdeckel zeugten noch von der Katastrophe.
»Mein Gott, was war denn das?« Herle wollte auf den Räumer zutreten, aber Ralgert hielt ihn mit einer raschen Bewegung zurück. Irgend etwas Unheimliches ging hier vor, und es war längst noch nicht zu Ende.
In den Baracken und Wohnwagen einen halben Kilometer hinter ihnen gingen plötzlich überall Lichter an. Türen wurden aufgerissen, aufgeregte Stimmen wehten durch die Nacht zu ihnen. Die Explosion war gehört worden. Gestalten begannen in ihre Richtung zu rennen, und Ralgert hörte, wie ein Motor angelassen wurde.