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Ralgert sah nicht einmal hin. Es war ihm unmöglich, den Blick von dem Räumer zu lösen, mit dem eine unheimliche Veränderung vor sich ging. Das Fahrzeug schmolz. Zumindest war das Ralgerts allererster Eindruck, auch wenn er praktisch im gleichen Moment schon begriff, daß das nicht sein konnte. Sie standen allerhöchstem fünf Meter von der Maschine entfernt. Eine Hitze, die groß genug war, diesen Stahlkoloß zum Schmelzen zu bringen, hätte Herle und ihn auf der Stelle getötet. Trotzdem: der Räumer sank in sich zusammen wie ein Modell aus Wachs, das zu lange in der Sonne gestanden hatte. Der massive Stahl verformte sich, als wäre er nicht mehr in der Lage, sein eigenes Gewicht zu tragen. Die Ketten zerliefen. Das Chassis sank zuerst auf der rechten, dann auf der linken Seite zusammen, flüssiger Stahl tropfte zu Boden und bildete bizarre Formen, und selbst die tonnenschwere Schaufel begann zusammenzusacken wie ein Spielzeug aus aufgeweichtem Papier.

Als die ersten Männer bei Herle und Ralgert anlangten, war von dem Räumer nicht mehr übrig als ein Klumpen aus verformtem, gelbem Metall.

8

»Allmählich beginne ich mir albern vorzukommen.« Angelika nahm einen letzten Zug aus ihrer Zigarette und schnippte sie in eine Pfütze, in der bereits die aufgeweichten Filter dreier weiterer schwammen. Sie trug eine braune Steppjacke, deren hochgeschlagener Kragen ihr Gesicht fast vollkommen verbarg, und schwarze Lederhandschuhe. Trotzdem zitterte sie vor Kälte - ebenso wie Warstein, der nicht so vorausschauend wie sie gewesen war, warme Kleidung einzupacken, und den schneidenden Wind doppelt schmerzhaft spürte. Das Wetter stand nicht nur Kopf, es schien sich gegen sie verschworen zu haben, seit sie das Hotel verlassen und sich zu Fuß auf den Weg zur Autobahn gemacht hatten. Regen, Hagel und eisiger Wind wechselten einander ab, und mit der Dunkelheit war eine grimmige Kälte hereingebrochen, die dem Kalender um mindestens drei Monate voraus war.

»Autostopp! Großer Gott, ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal per Anhalter gefahren bin! Es muß mindestens fünfzehn Jahre her sein.« Sie zündete sich eine neue Zigarette an und inhalierte den Rauch so gierig, als hätte sie seit Tagen nicht mehr geraucht.

»Wenn du weiter diese Dinger rauchst, wirst du die nächsten fünfzehn Jahre nicht mehr erleben«, sagte Warstein.

Angelika zerknüllte die Packung zwischen den Fingern und warf sie in die gleiche Pfütze, in der schon die Korkfilter schwammen. »Ist sowieso meine letzte«, sagte sie achselzuckend. »Hast du hier irgendwo einen Automaten gesehen?«

»Zwei sogar«, antwortete Warstein.

»Aber du verrätst mir nicht, wo«, vermutete Angelika, während sie ihr Bestes tat, ihr Gesicht hinter einem Vorhang aus grauem Qualm zu verbergen. Mehr nicht. Warstein war ihr dankbar, daß das alles war. Er war wahrhaftig niemand, der das Recht hatte, den Moralapostel zu spielen.

»Lohmann muß vollkommen verrückt geworden sein.« Angelika wechselte wieder das Thema. »Wenn du mich fragst, dann stehen wir morgen früh noch hier. Niemand nimmt drei Anhalter auf einmal mit, noch dazu nachts und bei diesem Wetter.«

»So schlecht finde ich die Idee gar nicht«, erwiderte Warstein. Daß seine Stimme dabei vor Kälte zitterte, machte die Worte nicht unbedingt glaubhafter. Seine Zehen fühlten sich an wie Eisklumpen, die an seine Füße geklebt worden waren. Er war so wenig begeistert wie sie von der Idee, per Anhalter in das Tessin zu fahren, und trotzdem waren Lohmann und er in diesem Punkt ausnahmsweise einmal der gleichen Meinung: sie hatten vermutlich nur diese eine Chance, nach Ascona zu gelangen. So dumm konnte Franke gar nicht sein, nicht alle in Frage kommenden Bahnhöfe überwachen zu lassen.

»Vielleicht war die einzige wirklich schlechte Idee die, überhaupt hierher zu kommen«, sagte Angelika.

Warstein blickte sie fragend und überrascht zugleich an. »Wie meinst du das? Wegen Lohmann?«

»Nein«, antwortete Angelika. Sie schüttelte den Kopf und machte gleich darauf eine Bewegung, die auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit war. »Oder ja, auch.«

»Auch? Weshalb noch? Meinetwegen?«

»Nein!« Es hörte sich fast erschrocken an. »Ich ... ich weiß nicht. Zu Hause, nachdem Frank plötzlich verschwunden war, da ... da dachte ich, ich wäre es ihm schuldig.«

»Und jetzt denkst du das nicht mehr?«

»Ich weiß es einfach nicht«, gestand Angelika. Sie sprach so leise, daß er ihre Worte kaum noch verstand. »Ich glaube, es war einfach kindisch. Wir gehören zusammen. In guten und in schlechten Tagen.« Sie lachte, ein bitterer, harter Laut, der Warstein einen kalten Schauer über den Rücken jagte. »Was für ein Irrsinn. Ich benehme mich wie eine Figur aus einem Groschenroman. Mein Mann ist verschwunden, und ich ziehe ganz allein los, um ihn zu suchen. Wenn es sein muß, bis ans Ende der Welt. Und wenn es das letzte ist, was ich im Leben tue!«

Warstein war verwirrt. Er spürte, daß Angelikas Worte mehr bedeuteten als das, wonach sie im ersten Moment zu klingen schienen. Vielleicht, weil sie ihm mehr sagen wollte, als sie wagte.

»War es denn nicht so?« fragte er.

»Nein, zum Teufel, so war es nicht!« Der plötzliche Ausbruch erschreckte Warstein, aber sie hatte sich ebenso schnell wieder in der Gewalt, wie sie die Kontrolle über ihre Gefühle verloren hatte. »Ich weiß selbst nicht genau, warum ich hier bin«, gestand sie, äußerlich wieder ruhig, aber noch immer mit bebender Stimme, die ihre wahren Gefühle hundertmal deutlicher machte, als es die Worte taten. »Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn wirklich zurückhaben will.« Sie sog nervös an ihrer Zigarette. Der rote Widerschein der Glut beleuchtete ihr Gesicht und ließ den Schmerz darin deutlicher hervortreten. »Weißt du, als ich ... gestern morgen bei dir war, da hast du mich gefragt, ob ich so weit gehen würde, mit dir zu schlafen, nur damit du mich begleitest.«

»He, he, schon gut«, sagte Warstein. »Ich weiß, ich benehme mich manchmal wie ein Idiot. Es tut mir leid.«

»Aber du hattest recht«, sagte sie. »Ich glaube, ich hätte es getan. Aber jetzt bin ich froh, daß es nicht so weit gekommen ist.«

»Oh«, machte Warstein.

Angelika lächelte traurig. »Nicht deinetwegen. Oder doch. Aber nicht aus dem Grund, wie du denkst. Es hätte zu viel kaputtgemacht.«

Warstein wollte auf sie zugehen, aber er unterdrückte den Impuls im letzten Moment. Vielleicht hätte er damit etwas zerstört, was gerade im Entstehen begriffen war. Seltsam - er mochte sie, sehr sogar. Aber er war nicht einmal sicher, ob er wollte, daß mehr daraus wurde.

»Hast du ihn eigentlich jemals wirklich geliebt?« fragte er.

»Frank?« Sie zuckte mit den Schultern und warf ihre Zigarette zu Boden. »Und du deine Frau?«

»Vor langer Zeit einmal«, antwortete Warstein. »Wenigstens habe ich es geglaubt.«

»Ja, so ähnlich war es bei uns auch. Wir waren beide noch sehr jung. Vielleicht zu jung. Aber als wir es gemerkt haben, war es zu spät. Versteh mich nicht falsch. Er ist ein guter Mann. Er hat mich nie betrogen oder so etwas, oder mich schlecht behandelt. Er ist das, was man einen guten Freund nennt. Eine Zeitlang dachte ich, das wäre genug. Aber das ist es wohl nicht. Und du?«

Warstein zog eine Grimasse. »Ich glaube, das einzige, was meine Frau je an mir geliebt hat, waren meine Gehaltsschecks«, antwortete er. »Nachdem sie ausblieben, konnte sie mich gar nicht schnell genug loswerden. Aber ich höre immer noch regelmäßig von ihr - wenn sie jemanden schickt, der den ausstehenden Unterhalt eintreiben soll.«

Lohmann kam zurück. Er näherte sich bis auf drei Schritte, blieb abrupt stehen und sah sie beide abwechselnd und mit gerunzelter Stirn an. »Störe ich?« fragte er.

»Ja«, antwortete Warstein. »Hat Ihnen eigentlich schon einmal jemand gesagt, daß Sie ein unglaubliches Talent haben, immer im falschen Augenblick aufzutauchen?«