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»Oft«, antwortete Lohmann gelassen. »Davon lebe ich. Aber wenn ihr beiden Turteltauben damit fertig seid, euch gegenseitig leid zu tun, habe ich eine gute Nachricht.«

»Das wäre eine Abwechslung«, sagte Warstein. »Und welche?«

»Wir haben einen Wagen.« Lohmann machte eine Kopfbewegung zu der Tankstelle hinter sich. »Seht ihr den weißen Van? Der Fahrer nimmt uns mit. Und jetzt kommt das Beste überhaupt. Ratet mal, wohin er fährt.«

»Las Vegas?« schlug Warstein vor.

»Ascona«, antwortete Lohmann in fast triumphierendem Ton. »Nonstop. Ich habe dem Fahrer eine herzzerreißende Geschichte aufgetischt. Nur damit ihr euch nicht verquatscht: irgendwelche bösen Buben haben unseren Wagen gestohlen, mitsamt Papieren und all unserem Geld. Und jetzt müssen wir ganz dringend nach Ascona, weil wir dort Freunde haben, die uns helfen können.«

»Wie originell«, sagte Angelika.

Lohmann schürzte abfällig die Lippen. »Es kommt bei solchen Geschichten nicht darauf an, daß sie originell sind«, belehrte er sie. »Sie müssen überzeugend klingen. Je einfacher, desto besser. Wissen Sie, meine Liebe, die meisten Menschen verstehen das Sprichwort völlig falsch, wonach Lügen kurze Beine haben. Das müssen sie. Je kürzer, desto besser. Dann stolpern sie nicht so leicht.«

»An Ihnen ist ein richtiger Philosoph verlorengegangen.«

»Wer sagt, daß er verloren ist?« wollte Lohmann wissen.

Angelika erwiderte etwas darauf, aber Warstein hörte schon gar nicht mehr hin, sondern drehte sich herum und blickte aus zusammengekniffenen Augen zu der Tankstelle zurück. Er sah das, was Lohmann als »Van« bezeichnet hatte, sofort - einen weißen Lieferwagen, der etwas abseits der Tanksäulen geparkt war. Der Motor lief. Irgend etwas an dem Anblick gefiel ihm nicht, aber er konnte nicht sagen, was.

Wahrscheinlich war er einfach nur zu mißtrauisch, dachte er. Und wahrscheinlich auch einfach zu wütend, daß Lohmann recht behalten hatte, zur Tankstelle zurückzugehen und die Fahrer der Wagen dort anzusprechen, während Angelika und er sich an der Autobahnauffahrt postiert und den Daumen hochgehalten hatten.

Sie machten sich auf den Weg. Der Regen setzte wieder ein, so daß sie die letzten Meter bis unter das Dach der Tankstelle im Laufschritt zurücklegten; was im Grunde genommen sinnlos war - sie waren ohnehin alle drei bis auf die Haut durchnäßt.

Zum zweiten Mal an diesem Tag. Der Fahrer des Kleinbusses würde sich freuen, dachte Warstein, wenn sie ihm die Polster versauten.

Lohmann eilte um den Wagen herum und klopfte an die Beifahrertür, aber niemand öffnete. Als Warstein und Angelika ihm folgten, sahen sie, daß der Wagen leer war. Der Motor lief, und der Schlüssel steckte im Schloß, aber beide Türen waren verriegelt.

»Seltsam«, sagte Lohmann. »Gerade war er noch - ah, da kommt er ja!« Er deutete auf einen dunkelhaarigen, stämmig gewachsenen Burschen in einem Jeansanzug, der mit schnellen Schritten auf sie zukam. Als der Mann sie erblickte, zögerte er einen ganz kurzen Moment. Sein Blick glitt rasch und taxierend über Warsteins und Angelikas Gesicht, ehe er weiterging.

»Hallo«, sagte er, an Lohmann gewandt. »Sind das Ihre Freunde?«

Lohmann nickte und deutete auf den Wagen. »Ich dachte schon, Sie hätten es sich anders überlegt.«

Der Mann griff in die Tasche und zog einen einzelnen Schlüssel hervor, mit dem er die Tür öffnete. »Bestimmt nicht. Ich bin froh, ein bißchen Gesellschaft zu haben. Es ist eine verdammt weite Strecke bis Ascona. Und nach allem, was das Radio sagt, sind die Straßen völlig verstopft.« Er öffnete die Tür, stieg aber nicht ein, sondern machte eine einladende Geste mit der Linken. »Ich mußte nur noch mal schnell telefonieren, aber ich habe den Motor laufen lassen, damit es warm wird. Ihr drei seid ja völlig durchnäßt.«

Sie stiegen ein, und Warstein erlebte eine Überraschung. Was von außen wie ein ganz normaler Lieferwagen aussah, das entpuppte sich als komplett ausgebautes Wohnmobil; klein, aber mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet, bis hin zum Farbfernseher. Ein Schwall angenehm warmer Luft schlug ihnen entgegen, während sie in den hinteren Teil des Wagens kletterten. Er verstand jetzt, warum Lohmann den Wagen als Van bezeichnet hatte: Es war einer.

Mit einem erleichterten Aufatmen und einer Spur von schlechtem Gewissen, wenn er an seine nassen Kleider dachte, ließ er sich auf einen der gemütlichen Sitze sinken und schloß die Augen. Jetzt, wo er im Warmen war, fror er beinahe noch mehr als zuvor, und trotzdem tat die Wärme ungemein gut. Vielleicht war es auch mehr das Gefühl, endlich wieder von der Stelle zu kommen. Er hatte nichts davon gesagt, aber insgeheim hatte er die Hoffnung schon fast aufgegeben, Ascona jemals zu erreichen. Sie kämpften nicht gegen Windmühlenflügel, sondern gegen eine Armee gepanzerter Riesen.

»Macht es euch bequem«, sagte ihr Fahrer, während er nacheinander das Licht, die Scheibenwischer und abschließend das Radio einschaltete. »Am besten zieht ihr die nassen Klamotten aus, ehe ihr euch den Tod holt. Hinten im Schrank sind Handtücher - und ein Bademantel für die Dame.« Er fuhr los und konzentrierte sich für die nächsten dreißig oder vierzig Sekunden ganz darauf, den Wagen in den Autobahnverkehr einzufädeln. Es war beinahe elf, trotzdem herrschte auf der dreispurig ausgebauten Strecke noch reger Verkehr. Der Ausfall der westlichen Eisenbahnverbindung nach Italien stellte das Schweizer Verkehrsnetz auf eine harte Belastungsprobe.

Angelika begann sich aus ihrer Jacke zu schälen. Ihre Finger waren blaugefroren und so klamm, daß sie Mühe hatte, das Kleidungsstück herunterzubekommen, und Warstein sah, daß auch der Pullover, den sie darunter trug, vollkommen durchnäßt war. Trotz des warmen Luftstromes, den die Heizung in den Wagen blies, zitterte sie vor Kälte.

»Es ist sehr nett, daß Sie uns mitnehmen«, sagte sie. »Ich weiß gar nicht, wie ich mich bedanken soll. Wir sind -«

»Geschenkt«, unterbrach sie ihr Fahrer. »Ihr Freund hat mir erzählt, was Ihnen passiert ist. So was nennt man wirklich Pech. Es ist doch selbstverständlich, daß ich Ihnen helfe. Außerdem, wie gesagt: ich bin froh, ein bißchen Gesellschaft zu haben.«

»Wenn Sie wollen, löse ich Sie später am Steuer ab«, erbot sich Lohmann.

»Ja, vielleicht später. Jetzt ruht euch erst mal richtig aus. Ihr müßt ja hundemüde sein.«

»Woher wissen Sie das?« fragte Warstein.

»Weil ihr so ausseht«, antwortete der andere lachend. »Wann haben Sie das letzte Mal in den Spiegel gesehen?«

Warstein antwortete nicht darauf, aber er entschuldigte sich in Gedanken für sein Mißtrauen. Natürlich sah man ihnen die Strapazen des Tages an; ihm wahrscheinlich am allermeisten. Seine Hände zitterten längst nicht mehr nur, weil ihm so kalt war.

»Solange wir fahren, kann ich euch nichts Heißes zu trinken anbieten«, fuhr ihr Wohltäter fort, »aber im Kühlschrank ist Cola und Bier. Bedient euch.« Er öffnete das Handschuhfach, nahm eine Zigarettenschachtel heraus und bot Lohmann und Angelika Zigaretten an. Sie bedienten sich, während Warstein mit klammen Fingern den Kühlschrank öffnete. Die eiskalte Luft, die ihm entgegenschlug, ließ ihn schon wieder frösteln. Er nahm eine Dose Pepsi heraus, zögerte einen Moment, stellte sie zurück und griff sich statt dessen ein Bier. Seine Finger zitterten, als er den Verschluß aufriß. Lohmann hatte recht - dies war nicht der Moment, mit einer Entziehungskur zu beginnen.

Es schmeckte so, wie er erwartet hatte - scheußlich -, aber die beruhigende Wirkung setzte fast augenblicklich ein. Das wahnsinnigmachende Kribbeln, das sich in seinen Gliedern eingenistet hatte, verebbte, nachdem er die Dose zur Gänze geleert hatte.

»Tut gut, nicht?«

Warstein sah auf und begegnete dem spöttischen Blick ihres Chauffeurs im Spiegel. Widerwillig nickte er.