»Nehmen Sie sich ruhig noch eins. Es ist genug da.«
Tatsächlich war er in Versuchung, abermals zum Kühlschrank zu greifen. Aber dann schüttelte er den Kopf. »Danke. Vielleicht später.«
»Nur keine Hemmungen. Ich muß das Zeug nicht bezahlen. Die Kiste ist ein Dienstwagen. Alles, was damit zu tun hat, geht auf Spesen.«
»Sie fahren die Strecke beruflich?« erkundigte sich Lohmann.
»Zweimal die Woche«, antwortete der Mann. »Aber seit sie diesen Scheißtunnel in die Luft gesprengt haben, macht es keinen Spaß mehr.« Er seufzte tief. »Ich verstehe das nicht. Anscheinend hat sich plötzlich die ganze Welt dazu entschlossen, nach Ascona zu pilgern.«
Lohmann antwortete irgend etwas darauf, aber Warstein hörte es schon gar nicht mehr. Die Wärme, der Alkohol und das sanfte Schaukeln des Wagens taten ihre Wirkung. Er schlief ein.
Rogler trank den vierten Kaffee innerhalb der letzten Stunde. Das Zeug schmeckte so, wie Automatenkaffee überall auf der Welt schmeckte, nämlich furchtbar, aber es war wenigstens heiß, und es hielt ihn wach. Nicht etwa, daß das nötig gewesen wäre. Er war nicht sicher, ob er jemals wieder würde schlafen können; nicht nach dem, was er gerade in dem Zimmer auf der anderen Seite des Flures gesehen hatte.
Der Zeiger der Wanduhr rückte um eine weitere Minute vor. Rogler warf den leeren Plastikbecher in den Papierkorb und kramte in seiner Jackentasche. Er hatte kein Kleingeld mehr; auch gut. Sein Magen würde es ihm danken. Rogler stand auf und begann unruhig auf dem Flur auf und ab zu gehen. Es war sehr still, viel zu still für ein Krankenhaus, das in weitem Umkreis die einzige Klinik mit einer halbwegs modernen Einrichtung war und normalerweise ständig unter chronischer Überbelegung litt. Franke hatte kurzerhand diese gesamte Abteilung räumen lassen - mit dem Ergebnis, das nun mindestens ein Dutzend Patienten auf den Fluren lag oder sich zusätzlich in ohnehin überbelegten Zimmern drängte. Niemand hatte protestiert. Und das war von allem vielleicht die größte Überraschung für Rogler gewesen - er wußte, was es hieß, sich mit einem Arzt anzulegen, der die Interessen seiner Patienten vertrat.
Rogler hielt in seinem ruhelosen Auf und Ab inne und betrachtete nachdenklich die beiden Türen auf der anderen Gangseite. Franke war vor einer halben Stunde hinter einer davon verschwunden. Er hatte Rogler nicht eingeladen, ihm zu folgen, aber er hatte auch nicht gesagt, daß er es nicht tun sollte. Und wenn er noch lange hier auf dem Korridor herumstand und den Uhrzeiger hypnotisierte, würde er wahrscheinlich noch den Verstand verlieren.
Die Tür wurde von innen geöffnet, gerade als Rogler sich überwunden und die Hand nach der Klinke ausgestreckt hatte. Franke trat heraus. Sein Gesicht wirkte eingefallen und grau, und unter seinen Augen lagen tiefe, dunkle Ringe. Zum ersten Mal, seit Rogler ihn kennengelernt hatte, sah er wirklich müde aus. Aber vielleicht war das, was er für Müdigkeit hielt, in Wahrheit auch ein Ausdruck tief eingegrabenen Schreckens. Er lächelte matt, als er Rogler erkannte. »Nun?« fragte Rogler.
Franke schüttelte den Kopf und zog leise die Tür hinter sich zu. »Nichts«, sagte er. »Er sagt kein Wort. Immer nur den Namen seiner Frau.« Er schloß für eine Sekunde die Augen und atmete tief und erschöpft ein und aus. »Ist das Fax gekommen, auf das ich warte?«
Rogler griff wortlos in die Jackentasche und reichte Franke einen verschlossenen DIN-A4-Umschlag. Eine Krankenschwester hatte ihn vor zwanzig Minuten gebracht. Franke riß ihn auf, überflog den Inhalt kurz und las das, was auf den drei Blättern stand, anschließend noch einmal und genauer. Außerdem enthielt der Umschlag mehrere Schwarzweißfotografien, von denen Rogler allerdings nur die Rückseiten erkennen konnte.
»Sie ist es«, sagte Franke müde.
»Wer?«
Franke wedelte mit seinen Papieren. »Das ist die Antwort auf meine Anfrage nach Rom. Fingerabdrücke, Zähne, Netzhautvergleich, genetischer Fingerprint ... das volle Programm. Es gibt überhaupt keinen Zweifel.« Er machte eine Kopfbewegung auf die Tür hinter sich. »Die Tote ist seine Frau.«
»Aber das ist doch nicht möglich!« protestierte Rogler. Es klang beinahe empört. »Die Frau ist keinen Tag älter als -«
»Ich weiß, wie alt sie ist«, unterbrach ihn Franke scharf. Leiser und in irgendwie resignierendem Ton fügte er hinzu: »Oder jedenfalls, wie alt sie war, ehe sie auf den See hinausgefahren sind. Der Arzt sagt, er hätte nie zuvor einen so alten Menschen gesehen. Hundertdreißig Jahre, mindestens.«
»Er war eben nicht mit im Tunnel«, sagte Rogler.
Franke starrte ihn an. Für einen ganz kurzen Moment war Rogler fast sicher, daß er zornig werden würde, aber dann seufzte er nur und schüttelte ein paarmal den Kopf. »Sie geben nicht auf, wie?«
»Sollte ich das denn?« fragte er.
»Ich bin nicht ganz sicher«, antwortete Franke nach kurzem Überlegen. »Ich glaube fast, nein. Aber ich kann Ihnen nichts sagen. Noch nicht.«
»Können Sie oder wollen Sie nicht?« fragte Rogler geradeheraus.
Frankes Antwort war genauso ehrlich. »Ich will nicht«, sagte er. »Aber nicht, weil ich glaube, daß es Sie nichts angeht. Sondern weil ich nicht sicher bin, daß es die Wahrheit wäre.«
»Es hat etwas mit dem Tunnel zu tun«, sagte Rogler, während sie die Abteilung verließen und zum Aufzug gingen. »Der Zug. Was dieser Frau passiert ist, ist auch dem Zug zugestoßen.« Obwohl er sich dagegen wehrte, stieg für einen Moment das Gesicht der Frau vor seinem geistigen Auge auf. Hundertdreißig Jahre? Ihm war es vorgekommen wie das Gesicht einer Tausendjährigen. Und das Schlimmste war: sie hatte noch gelebt, als ihr Mann sie aus dem Wasser gezogen hatte, und war erst auf dem Weg zum Ufer an den Folgen des Schocks und der Unterkühlung gestorben. Seit er das gehört hatte, plagte Rogler eine entsetzliche Vision: er fragte sich, ob für sie wirklich hundert Jahre vergangen waren - und ob sie vielleicht diese ganze Zeit bei vollem Bewußtsein erlebt und darauf gewartet hatte, daß die Welt rings um sie herum sich wieder bewegte. Natürlich konnte das nicht sein. Allein der bloße Gedanke war so entsetzlich, daß er sich einfach weigerte, ihn in Betracht zu ziehen. Wenn es so etwas wie die Hölle gab, dann war es das.
Franke trat hinter ihm in den Lift und wartete, bis sich die Türen geschlossen hatten, ehe er antwortete: »Ich denke ja.«
»Sie denken? Sie und Ihre Leute nehmen diesen Berg seit einer Woche Stück für Stück auseinander, Franke. Verkaufen Sie mich nicht für blöd! Sie müssen etwas herausgefunden haben!«
»Das haben wir«, bestätigte Franke. »Und mit jeder Entdeckung, die wir machen, verstehe ich weniger, was geschieht. Wahrscheinlich verstehen Sie das nicht, aber es ist die Wahrheit.«
Rogler schwieg. Abgesehen davon, daß ihn Frankes anmaßende Bemerkung ärgerte, verstand er sehr wohl, was der Wissenschaftler meinte. Seine und Frankes Arbeit unterschieden sich gar nicht so sehr. Sie beide begannen mit einer Frage und trugen geduldig Teil für Teil der Antwort zusammen, bis das Puzzle ein Bild ergab. Manchmal war dieses Bild falsch, und manchmal weigerten sich die Teile einfach, sich in der richtigen Reihenfolge zu ordnen. »Ich verspreche Ihnen, daß Sie der erste sind, der es erfährt, wenn ich die Antwort gefunden habe«, sagte Franke. »Solange muß ich Sie bitten, sich zu gedulden - und Ihre Terroristen zu jagen.«
»Sie wissen so gut wie ich, daß es keine Terroristen gibt«, sagte Rogler verärgert. Franke legte den Finger auf eine offene Wunde. Rogler hatte ihm immer noch nicht verziehen, daß er ihn zu dieser Farce gezwungen hatte.
»Und diese drei Palästinenser, die Ihre Leute vorgestern festgenommen haben?«
»Also gut«, räumte Rogler widerwillig ein. »Es gibt sie. Mittlerweile gibt es sie. Weil wir sie angelockt haben.«
»Sehen Sie?« sagte Franke in beinahe fröhlichem Ton. »Und Sie behaupten, Ihre Arbeit wäre sinnlos. Sie erweisen der ganzen Welt einen Dienst, indem Sie diese Verbrecher aus dem Verkehr ziehen.«