Für einen ganz kurzen Moment wäre Franke ihm beinahe sympathisch geworden, aber jetzt verspürte Rogler den fast unwiderstehlichen Drang, ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen.
»Das, wozu Sie mich zwingen, ist schlimm genug, Doktor Franke«, sagte er mühsam beherrscht. »Lassen Sie es dabei. Es ist nicht nötig, mich auch noch zu verhöhnen.«
»Das wollte ich nicht.« Franke wirkte ehrlich betroffen. »Ich habe das ernst gemeint. Sie erweisen Ihrem Land einen großen Dienst mit dem, was Sie tun. Und wenn in diesem Berg wirklich das ist, was ich vermute, vielleicht nicht nur Ihrem Land.«
»Nein?« antwortete Rogler bissig. »Ich nehme an, Ihrem ebenfalls.«
»Ja«, sagte Franke mit großem Ernst. »Und der gesamten übrigen Menschheit auch.«
Der Winter war ungewöhnlich hart gewesen, aber auch ungewöhnlich kurz, und zum Ausgleich kam der Sommer im darauffolgenden Jahr früh und mit hohen Temperaturen, so daß sie binnen weniger als zwei Monaten die gefütterten Winterjacken gegen T-Shirts und Sonnenbrille eintauschen konnten. Die Situation auf der Baustelle hatte sich wieder normalisiert - zumindest äußerlich. Die Arbeiten liefen besser denn je, und selbst der Zwist zwischen Warstein und Franke war eingeschlafen; was nicht hieß, daß er vergessen wäre. Franke trug ihm sein unwissenschaftliches Benehmen noch immer nach, wie gelegentliche spitze Bemerkungen verrieten, und Warstein auf der anderen Seite hatte den Vertrauensbruch noch längst nicht überwunden, den Franke seiner Meinung nach begangen hatte. Der Konflikt war nie offen zum Ausbruch gekommen, aber er brodelte unter der Oberfläche scheinbarer Normalität weiter, und früher oder später würden sie die Angelegenheit klären. Wie es im Moment aussah, allerdings eher später, und das war Warstein nur recht. Er war nicht so naiv, sich nicht ausrechnen zu können, wer als Sieger aus dieser Auseinandersetzung hervorgehen würde. Er war in Sicherheit, solange Franke ihn brauchte.
Das Telefon summte. Der Laut riß Warstein aus seinen mehr oder weniger düsteren Zukunftsbetrachtungen zurück in eine Wirklichkeit, die sehr viel angenehmer war als seine Phantasien. Er kam mit seiner Arbeit besser voran denn je. Zu Frankes heimlichem Ärger funktionierte sogar sein Laser wieder einwandfrei.
Er hob ab, als sich das Telefon zum dritten Mal bemerkbar machte, und meldete sich. »Warstein?«
»Hartmann hier. Bitte entschuldigen Sie die Störung, Herr Warstein. Hätten Sie einen Moment Zeit?« Hartmann klang ein bißchen nervös, fand Warstein, vielleicht aber auch nur gestreßt. Obwohl sich die Situation im letzten halben Jahr nahezu wieder normalisiert hatte, hatte Franke die Sicherheitsbestimmungen im Lager nicht gelockert. Mittlerweile ging unter den Arbeitern die Legende, daß er insgeheim nur auf einen Zwischenfall wie den im Berg gewartet hatte, um die Baustelle endlich in ein Gefangenenlager verwandeln zu können. Warstein selbst ging nicht so weit wie mancher der Arbeiter zu behaupten, daß an Franke ein KZ-Kommandant verlorengegangen wäre. Aber mit Sicherheit ein guter Wächter.
»Selbstverständlich«, sagte er. »Worum geht es denn?«
»Sie müßten herkommen, fürchte ich«, antwortete Hartmann. »Ich bin am Eisenbahntor.«
Das klang ziemlich geheimnisvoll, fand Warstein. Vor allem, wenn er den nervösen Ton in Hartmanns Stimme bedachte. Aber er ersparte es sich, nach Einzelheiten zu fragen. Wenn Hartmann am Telefon darüber hätte reden wollen, hätte er es getan. »Ich komme«, sagte er. »Drei Minuten.« Er hängte ein, ohne sich zu verabschieden, und verließ das Büro. Auf dem Weg nach draußen kam ihm Franke entgegen. Er blickte fragend, sagte aber nichts, und Warstein beließ es bei einem angedeuteten Gruß und ging so schnell an ihm vorbei, daß Franke gar keine Gelegenheit fand, ihn anzusprechen. Es war nicht einmal vier, und Franke war äußerst kleinlich, was die Einhaltung der Arbeitszeit anging - jedenfalls in einer Richtung.
Warstein verließ die Baracke und trat in den hellen Sonnenschein hinaus. Ein sanfter Wind strich vom Tal her über die Baustelle, aber die Kühle, die er mit sich brachte, reichte nicht aus, die stickige Luft wirklich zu verbessern. So sehr sie alle den Sommer herbeigesehnt hatten, als das Lager im Winter unter Schnee und Eis nahezu erstickt war, so sehr wünschten sie sich jetzt ein wenig Linderung. Die Tunneleinfahrt lag in einem schmalen, aber an allen Seiten von hohen Bergen umgebenen Tal, in dem sich Luft und Hitze stauten. Die LKW und Baumaschinen taten ein übriges, um die Luftqualität zu verschlechtern. An Tagen wie heute, dachte Warstein, hätten sie von Rechts wegen wahrscheinlich Smogalarm auslösen müssen. Von klarer Bergluft jedenfalls gab es hier keine Spur.
Er blinzelte in das helle Licht, setzte dann seine Sonnenbrille auf und machte sich auf den Weg zum Tor. Die drei Minuten, von denen er gesprochen hatte, waren keine realistische Zahl gewesen; er mußte das Lager nahezu ganz durchqueren, um die Stelle zu erreichen, an der die Schienen durch den doppelten Maschendrahtzaun führten.
Hartmann erwartete ihn bereits ungeduldig. Und als Warstein die weißhaarige Gestalt sah, die ein Stück abseits zwischen zwei von Hartmanns Sicherheitsleuten stand, begriff er schlagartig den Grund für dessen Nervosität. Es war Saruter. Er trug Jeans, Turnschuhe und eine modische Lederjacke, aber trotz dieser so wenig zu einem Einsiedler passenden Kleidung hätte Warstein ihn unter Tausenden wiedererkannt.
»Wir haben ihn erwischt, als er versucht hat, sich ins Lager zu schleichen.« Hartmann sah ziemlich unglücklich aus. »Er besteht darauf, mit Franke zu reden. Aber ich hielt es für besser, erst einmal mit Ihnen zu sprechen.«
»Das war richtig«, antwortete Warstein. »Gut gemacht. Vielen Dank, Hartmann.«
Er trat auf Saruter zu und gab den beiden Männern, die ihn flankierten, einen Wink. »Es ist in Ordnung«, sagte er. »Ihr könnt ihn loslassen.«
Die beiden gehorchten, allerdings erst, nachdem sie einen fragenden Blick mit Hartmann getauscht hatten und dieser mit einem Nicken sein Einverständnis signalisiert hatte. Warstein wartete, bis sie außer Hörweite waren. Er sah auch Hartmann wortlos an, bis dieser verstand und sich ebenfalls trollte. Es gefiel ihm nicht, Warstein mit dem Alten allein zu lassen, das sah man ihm an. Keiner von ihnen glaubte im Ernst, daß der alte Mann irgendeine Gefahr darstellte; aber er war Hartmann unheimlich. »Haben sie Ihnen weh getan?« fragte Warstein, nachdem sie endlich allein waren.
Saruter massierte seine Arme, wo die Männer ihn gepackt hatten. »Sie tun ihre Arbeit. Es sind gute Männer.«
»Aber nicht gut genug für Sie.« Warstein seufzte. »Sie hätten nicht hierherkommen sollen.« Er warf einen Blick über die Schulter zu Hartmann und seinen Leuten zurück. Die beiden Männer waren gegangen, aber Hartmann selbst war in einiger Entfernung stehengeblieben und sah zu Saruter und ihm hin. Hartmann hatte nie ein Wort über ihren Besuch bei dem Alten verloren, aber Warstein wußte auch so, daß Saruter ihm nicht geheuer war. Vielleicht hatte er auch Angst vor ihm. Warstein jedenfalls hatte sie, tief in sich drinnen. Oder nein, das stimmte nicht. Er fürchtete ihn, aber das war ein Unterschied. »Was wollen Sie?« fragte er.
»Ich muß den Mann sprechen, der hier den Befehl hat.«
»Franke?« Warstein schüttelte beinahe erschrocken den Kopf. »Das ist keine gute Idee.«
»Ich muß mit ihm reden«, beharrte Saruter.
»Ich glaube nicht, daß er mit Ihnen reden möchte«, sagte Warstein. »Glauben Sie mir, Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie darauf bestehen. Er ist ... kein sehr angenehmer Mensch.«
»Bring mich zu ihm«, beharrte Saruter. »Er wird mir zuhören. Und wenn er kein kompletter Narr ist, wird er verstehen, was ich ihm zu sagen habe.«
Warstein suchte verzweifelt nach Argumenten, um Saruter von seinem Entschluß abzubringen, mit Franke zu sprechen. In einem Punkt hatte er die Unwahrheit gesagt, und das ganz bewußt: Franke wollte keineswegs nicht mit Saruter sprechen. Ganz im Gegenteil brannte er geradezu darauf. Aber auf eine gänzlich andere Art, als Saruter ahnen mochte.