»Ich werde Sie nicht zu ihm bringen«, sagte er entschlossen.
»Oh doch, das wirst du.« Saruter machte eine Handbewegung, die keinen weiteren Widerspruch zuließ. »Und er wird mir zuhören.«
Warstein resignierte. Er wußte, daß nichts und niemand auf der Welt Saruter davon würde abbringen können, mit Franke zu reden. Aber er wußte auch, wie dieses Gespräch enden mußte. Vielleicht war es sogar besser, wenn es jetzt geschah. Möglicherweise konnte er das Schlimmste verhüten, wenn er dabei war.
»Also gut«, sagte er, »dann kommen Sie mit.« Er drehte sich herum und deutete auf das halbe Dutzend weißgestrichener Baracken am anderen Ende des umzäunten Plateaus. »Aber bitte denken Sie daran: Franke ist nicht so wie Hartmann, oder ich. Er ist -«
»Ich weiß, wie er ist«, unterbrach ihn Saruter. Er setzte sich in Bewegung, und plötzlich war es Warstein, der sich sputen mußte, ihm zu folgen, nicht umgekehrt.
»Sie kennen ihn?«
»Das ist nicht nötig, um zu wissen, was für ein Mensch er ist«, antwortete Saruter. »Du hältst ihn für schlecht, aber das ist er nicht. Er ist blind. Er sieht die Dinge, aber er will nicht erkennen, was er sieht.«
»Ich glaube nicht, daß er sehr begeistert ist, wenn Sie ihm das sagen«, murmelte Warstein; aber er tat es so leise, daß der alte Mann die Worte gar nicht verstand. Mit zwei schnellen Schritten schloß er zu Saruter auf, und er versuchte jetzt nicht mehr, ihn zum Umkehren zu bewegen. Doch er wußte schon jetzt, daß es ein Fehler war. Aus seinem unguten Gefühl wurde nahezu Gewißheit, als sie sich der Verwaltungsbaracke näherten.
Franke hatte sie bereits gesehen. Er stand unter der offenen Tür und blickte Saruter und ihm entgegen. Warstein versuchte aus der Entfernung vergeblich, den Ausdruck auf seinem Gesicht zu deuten, aber was ihm seine Züge nicht verrieten, das tat seine Haltung. Er stand auf jene aufgesetzt lockere Art da, die große Anspannung und ein längst nicht so großes Maß an Selbstbeherrschung verriet: die Arme vor der Brust verschränkt und scheinbar lässig gegen den Türrahmen gelehnt. Es war gewiß kein Zufall, daß er sich genau in dem Moment herumdrehte und ins Haus zurückging, in dem Warstein nahe genug heran war, etwas zu sagen.
»Ist er das?« fragte Saruter.
»Doktor Franke, ja.« Warstein nickte. »Hören Sie - Sie sagen am besten gar nichts und überlassen mir das Reden.«
Saruter lächelte nur, und plötzlich kam sich Warstein ziemlich albern vor. Mit Grund. Er benahm sich wie ein Schüler, der einen Freund nach Hause brachte, von dem er wußte, daß er etwas ausgefressen hatte, so daß ihn ein gehöriges Donnerwetter erwartete. Außerdem wußte er nicht einmal, was er sagen sollte. Wie sich zeigte, war das auch gar nicht notwendig. Zumindest für den ersten Teil ihres Gespräches übernahm Franke das Reden.
Er erwartete sie in seinem Büro, und eigentlich hätte er außer Atem sein müssen, denn er mußte hierhergerannt sein, um die Szene so perfekt zu stellen: sein Schreibtisch war tadellos aufgeräumt. Das Telefon, das Computerterminal und die Bücher darauf perfekt arrangiert. Vor ihm lag eine aufgeschlagene Mappe, auf deren erster Seite ein großformatiges Farbfoto glänzte. Warstein fragte sich, wen er eigentlich damit beeindrucken wollte. Zumal er sich im Moment ihres Eintretens vollends zum Narren machte, indem er so tat, als hätte er konzentriert in seiner Mappe gelesen und mit gespielter Überraschung von seiner Lektüre aufsah.
»Oh, Warstein. Was gibt es denn?« Er klappte den Hefter zu und sah Saruter an. »Besuch?« Das letzte Wort klang schon weniger freundlich.
»Wir müssen mit Ihnen reden«, antwortete Warstein. Er deutete auf seinen Begleiter. »Das ist -«
»Ich denke, ich weiß, wer das ist«, unterbrach ihn Franke. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete den Alten einige Sekunden lang, stumm und mit undeutbarem Ausdruck. »Also?« sagte er schließlich.
Warstein wollte antworten - obwohl er immer noch nicht wirklich wußte, was -, aber Saruter kam ihm zuvor. »Sie müssen aufhören«, sagte er.
Franke und Warstein blickten ihn gleichermaßen überrascht an. Der alte Mann hatte eine ziemlich direkte Art, zum Thema zu kommen.
»Aha«, sagte Franke nach einer Weile. »Und ... womit, wenn ich fragen darf?«
»Ihr müßt gehen«, antwortete Saruter. »Sofort. Ihr habt den Berg geweckt, und er zürnt. Er wird euch vernichten, wenn ihr bleibt. Ich bin gekommen, um euch zu warnen.«
Für eine Sekunde sah Franke ehrlich verblüfft aus, während Warstein den heftigen Wunsch verspürte, im Boden zu versinken. Er hatte geahnt, daß Saruter irgend etwas in dieser Art vorbringen würde, aber er hätte ihm eine Spur mehr diplomatischen Feingefühls zugetraut.
Franke seufzte. »Sie sind also der Mann, der uns alle verflucht hat, weil wir seinen Berg entweiht haben«, sagte er. »Ich gestehe, daß ich neugierig war, Sie kennenzulernen. Sie entsprechen genau meinen Erwartungen, wissen Sie das?« Er drehte sich zu Warstein herum. »Darf ich fragen, wie Ihr ... Freund hierherkommt?«
»Hartmanns Leute haben ihn am Zaun aufgegriffen«, antwortete Warstein. »Er wollte zu Ihnen, und -«
Franke unterbrach ihn mit einer unwilligen Geste, griff zum Telefon und tippte eine dreistellige Nummer ein. Er hatte den Lautsprecher nicht eingeschaltet, aber er polterte ganz offensichtlich los, ohne seinem Gesprächspartner auch nur die Gelegenheit zu geben, sich zu melden. »Hartmann? Franke hier. Bitte kommen Sie in mein Büro.«
»Es war nicht seine Schuld«, sagte Warstein. »Ich habe -«
Wieder schnitt ihm Franke mit einer herrischen Geste das Wort ab. »Und nun zu Ihnen«, sagte er, an Saruter gewandt. Seine Stimme war plötzlich kalt, schneidend. »Sie glauben also allen Ernstes, wir würden jetzt einfach so unsere Zelte abbrechen und gehen. Die Maschinen abschalten und verschwinden. Warum sollten wir das tun?«
Saruter setzte zu einer Antwort an, aber Franke hatte offensichtlich gar nicht vorgehabt, ihn zu Wort kommen zu lassen.
Mit einer ruckartigen Bewegung stand er auf und trat an die großformatige Landkarte, die die Wand hinter seinem Schreibtisch zierte.
»Glauben Sie nicht, daß ich Sie nicht verstehe«, fuhr er fort - allerdings noch immer in einem Ton, der kein bißchen zu seinen Worten paßte. »Diese Landschaft hier, diese Berge, dieses Stück der Welt ist ... einmalig. Auch ich liebe dieses Land - das ist der Grund, aus dem ich hier bin. Wir werden ihm nichts antun, das verspreche ich Ihnen. Im Moment sieht es hier schlimm aus, aber Sie haben mein Wort, daß wir dieses Tal und Ihren Berg so verlassen werden, wie wir ihn vorgefunden haben.«
»Darum geht es nicht«, sagte Saruter, aber Franke redete einfach weiter, ohne seinen Einwurf auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Warstein begann allmählich zu begreifen, daß er wohl so etwas wie eine gut vorbereitete Rede zum besten gab, die er sich eigens für diesen Zweck zurechtgelegt hatte.
»Sie glauben wahrscheinlich, daß wir diesem Land weh tun. Aber das stimmt nicht. Wir bauen einen Tunnel durch einen Berg, das ist alles. Die Eisenbahnverbindung wird ein Segen für dieses Land werden. Die Hälfte der Automobile, die sich jetzt über die Paßstraße quälen und mit ihren Abgasen die Luft verpesten, wird...«
»Hören Sie auf, Unsinn zu reden«, sagte Saruter. »Und behandeln Sie mich nicht wie einen Narren. Das bin ich nicht. So wenig wie Sie.«
Franke blinzelte. Was immer er von Saruter erwartet hatte - das nicht. »Wie?« sagte er verstört.
»Ich bin kein dummes Kind, und ich schätze es nicht, wenn man mich so behandelt«, fuhr Saruter verärgert fort. »Ich weiß den Nutzen dieser Eisenbahnlinie ebenso zu schätzen wie Sie, Herr Doktor Franke. Menschen haben zu allen Zeiten Straßen gebaut und Tunnel gegraben. Ich glaube nicht, daß es die Berge stört. Irgendwann werden eure Straßen und Brücken verschwunden sein, aber sie sind dann immer noch da.«