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»Aber wenn es das nicht ist, was Sie stört, was...«

»Ich bin hier, um euch zu warnen«, sagte Saruter.

»Und wovor?« fragte Franke lauernd. Er setzte sich wieder.

»Vor dem Zorn des Berges«, antwortete Saruter mit großem Ernst. »Ihr habt an Dinge gerührt, die seit Urzeiten geschlafen haben. Nun sind sie erwacht.«

»Oh, ich verstehe«, sagte Franke spöttisch. »Sie meinen so etwas wie den Geist des Berges, richtig? Er ist zornig, weil wir sein Haus kaputtgemacht haben, und jetzt kommt er herunter und wird uns alle vernichten.«

»Sie sind ein Dummkopf«, sagte Saruter ruhig. Er deutete auf Warstein. »Er hat Sie gewarnt, oder? Er hat Ihnen gesagt, was geschehen ist, aber Sie wollten es nicht hören.«

Warstein fuhr sichtbar zusammen, und Franke starrte ihn eine Sekunde lang auf eine Art und Weise an, die deutlich machte, daß das Thema damit noch lange nicht beendet war.

»Wenn Sie damit all diesen Unsinn meinen...«

»Es ist kein Unsinn«, unterbrach ihn der Alte. »Und Sie wissen es.«

»Quatsch!« sagte Franke. Aber es klang nicht ganz überzeugt.

»Sie wissen, daß es die Wahrheit ist«, sagte Saruter noch einmal. »Jedes einzelne Wort. Sie haben es immer gewußt.«

»Jetzt reicht es!« sagte Franke zornig. »Ich habe versucht, ruhig mit Ihnen zu reden. Ich hätte Sie verhaften lassen können - schon vergangenes Jahr. Ich wollte es nicht, aus Rücksicht auf Sie und aus Rücksicht auf ihn...« Er deutete auf Warstein. »...aber allmählich beginne ich mich zu fragen, ob das nicht ein Fehler war. Was zum Teufel wollen Sie überhaupt? Mir drohen?«

Warstein folgte dem Streit mit immer größerer Verwirrung. Auch er stellte sich die gleiche Frage wie Franke - nämlich die, warum Saruter überhaupt gekommen war. Aber das war nicht alles - längst nicht. »Was hat er damit gemeint - Sie wissen, daß ich recht habe?« fragte er.

»Halten Sie die Klappe, Warstein«, fuhr ihn Franke an. »Wir unterhalten uns später. Und Ihnen...« er drehte sich wieder zu Saruter herum, »...gebe ich noch genau eine Minute, mir zu sagen, was Sie von mir wollen.«

»Nicht mehr, als daß Sie tun, was Sie im Grunde längst wissen«, antwortete Saruter. »Sie sind der Verantwortliche hier. All diese Männer, die für Sie arbeiten, haben Ihnen ihr Wohlergehen anvertraut. Wollen Sie wirklich ihr Leben riskieren?«

»Wovon zum Teufel sprechen Sie?« Franke schrie jetzt fast.

»Von dem, was in diesem Berg ist«, antwortete Saruter. »Ihr habt es geweckt, und es wird stärker, mit jedem Tag. Etwas wird geschehen. Ich weiß nicht was, aber ich spüre eine große Gefahr. Sie müssen gehen. Verlassen Sie diesen Ort, oder viele Menschen werden sterben.«

»Endlich kommen Sie zur Sache.« Franke schüttelte den Kopf. »Sie haben es wirklich spannend gemacht, guter Mann, aber Sie verschwenden Ihre Zeit - und übrigens auch meine. Ich reagiere nicht auf Drohungen.«

»Ich glaube nicht, daß das eine Drohung sein soll«, begann Warstein vorsichtig, brach aber sofort wieder ab, als ihn ein eisiger Blick Frankes traf.

»Warum verstellen Sie sich?« fuhr Saruter fort. »Sie spüren es doch auch, so deutlich wie alle hier.«

»Was?« fragte Franke.

»Ihr habt das Siegel gebrochen«, antwortete Saruter. »Das Tor öffnet sich. Noch ist es nur ein Spalt, aber es wird weiter aufgehen. Was ihr bisher gespürt habt, war nur ein Hauch, aber er wird zum Sturm werden, der euch alle verschlingen kann.«

»Tor? Siegel?« Franke lachte. »Fällt Ihnen eigentlich nicht sogar selbst auf, wie lächerlich das klingt?«

Saruter schnaubte. Bisher war er trotz allem ruhig geblieben, aber nun geriet er von einer Sekunde auf die andere in Zorn. »Fällt Ihnen nicht selbst auf, wie dumm Sie sich anhören?« fragte er. »Und überheblich, das ist vielleicht noch schlimmer. Sie wissen längst, daß Sie auf etwas gestoßen sind, was Sie nicht verstehen, aber Sie weigern sich, es zuzugeben. Kommen Sie!« Er trat ans Fenster und machte eine herrische Bewegung, und obwohl sich Frankes Gesicht vor Zorn verdüstert hatte, stand er auf und trat neben ihn.

»Ich werde Ihnen die Geschichte dieses Berges erzählen«, fuhr Saruter fort. Er deutete nach draußen, auf den steinernen Riesen, der das Lager überragte und schweigend auf sie herabblickte. »Solange es Menschen gibt, gab es stets viele, die ahnungslos waren, und wenige, die wußten. Und manchmal solche, die wußten, aber die Augen vor der Wahrheit verschlossen, wie Sie.«

»Genug«, sagte Franke. Seine Stimme zitterte. Er war kalkweiß im Gesicht geworden. Was ihn erschreckt hatte, waren kaum Saruters wenige Worte gewesen. Es war etwas, das mit ihnen in den Raum gekommen war, etwas Düsteres, Uraltes, das vom Berg ausging und den Worten des alten Mannes Wahrhaftigkeit verlieh. »Ich will nichts mehr von diesem Unsinn hören. Wir sind hier nicht im Kindergarten.«

»Macht es Ihnen angst?« fragte Saruter.

»Unsinn«, antwortete Franke. Feiner Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er versuchte, seinen Blick vom Berg zu lösen, aber es gelang ihm ebensowenig wie Warstein.

»Aber das sollte es«, sagte Saruter. »Niemand weiß, was es ist, aber es ist da, seit es Menschen auf dieser Welt gibt, und es wird noch da sein, wenn es sie nicht mehr gibt. Ihr habt es geweckt. Es ist nicht eure Schuld. Ihr wußtet es nicht besser, und hätte ich euch gewarnt, hättet ihr mich nicht verstanden. Jetzt aber wißt ihr. Ihr müßt aufhören. Ihr habt das Tor aufgestoßen. Vielleicht wird es sich wieder schließen, aber nur, wenn ihr damit aufhört, es weiter zu öffnen.«

»Was für ein Tor?« fragte Warstein. »Was liegt dahinter? Wohin führt es?«

»Die Wirklichkeit«, antwortete Saruter. »Die letzte Wahrheit.«

Die Tür wurde geöffnet, und die unwirkliche Atmosphäre zerplatzte im gleichen Moment, in dem Hartmann eintrat. Der Berg war plötzlich wieder nur ein Berg, mehr nicht, und die Welt der Legenden und Mythen hörte auf, die Wirklichkeit zu verdrängen.

»Sie haben mich gerufen?« sagte er.

Franke starrte ihn an, als wüßte er im ersten Moment nichts mit ihm anzufangen. Gleichzeitig wirkte er aber auch erleichtert. »Ja, das ist richtig.« Er ging zurück zu seinem Sessel und ließ sich hineinfallen, wodurch er seinen Schreibtisch wie ein Bollwerk aus Normalität und klaren Linien zwischen sich und das brachte, was mit Saruter hereingekommen war. Seine rechte Hand strich mit kleinen, nervösen Bewegungen über das kühle Metall, während er mit der anderen auf Saruter deutete.

»Sie wissen, wer dieser Mann ist, Herr Hartmann?« Hartmann nickte. Seine Haltung versteifte sich. »Und ich nehme an, Sie erinnern sich auch an meine eindeutige Anweisung, was den Aufenthalt von Fremden auf dem Betriebsgelände angeht?«

»Wir haben ihn aufgegriffen, bevor er das Gelände betreten hat«, verteidigte sich Hartmann.

»Nun, jetzt steht er vor mir, oder?«

»Es ist nicht seine Schuld«, mischte sich Warstein ein. »Er sagt die Wahrheit. Seine Männer haben ihn aufgehalten, als er durch das Eisenbahntor kommen wollte. Ich habe gesagt, daß sie ihn durchlassen sollen.«

Franke maß ihn mit einem kurzen, kühlen Blick und wandte sich dann wieder an Hartmann. »War meine Anweisung nicht deutlich genug?«

»Doch«, sagte Hartmann.

»Sind Sie dann vielleicht der Meinung, daß Herr Warstein mehr zu sagen hat als ich? Ich kann Ihnen versichern, daß dem nicht so ist.«

»Hören Sie auf, Franke!« sagte Warstein. »Er kann nichts dafür. Es war meine Schuld.«

Franke ignorierte ihn einfach. »Sie können gehen, Hartmann«, sagte er. »Für diesmal werde ich die Sache vergessen. Aber sollten Sie Ihre Pflichten noch einmal so vernachlässigen wie heute, sehe ich mich gezwungen, Ihnen zu kündigen. Haben wir uns verstanden?«

»Klar und deutlich«, antwortete Hartmann mit steinernem Gesicht.

»Gut.« Franke deutete auf Saruter. »Und nun begleiten Sie unseren Gast zum Tor. Wir wollen doch nicht, daß er am Ende noch zu Schaden kommt.« Er wedelte ungeduldig mit der Hand. »Sie können gehen.«