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Hartmann wandte sich zur Tür und streckte die Hand aus, um Saruter am Arm zu ergreifen. Saruter sah ihn nur schweigend an, und er senkte die Hand wieder. »Sie sind ein Narr«, sagte Saruter, ganz ruhig und an Franke gewandt. »Was immer jetzt geschehen mag, ist Ihre Schuld.«

»Ich denke, ich kann damit leben«, versicherte Franke lächelnd. »Gehen Sie. Und sollte ich Sie noch einmal auf dem Betriebsgelände antreffen, lasse ich Sie verhaften.«

Saruter sagte nichts mehr dazu, sondern verließ zusammen mit Hartmann den Raum. Warstein wollte ihnen folgen, aber Franke rief ihn zurück.

»Sie haben mich sehr enttäuscht, Warstein«, sagte er. »Ich dachte, Sie hätten die Geschichte vom letzten Jahr endlich überwunden und wieder Vernunft angenommen, aber das scheint nicht so zu sein. Ich werde mir überlegen müssen, ob ein Mitarbeiter wie Sie noch länger tragbar ist.«

Warstein beherrschte sich nur noch mit Mühe. Seine Gedanken kreisten immer noch um das, was Saruter gesagt hatte. »Schmeißen Sie mich raus, wenn es Ihnen Spaß macht«, sagte er. »Aber vorher erklären Sie mir, was er gemeint hat, als er sagte, Sie wüßten es.«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte Franke. »Das dumme Gerede eines verrückten alten Mannes.«

»Sie lügen!« behauptete Warstein. »Sie haben sich meine Aufzeichnungen sehr genau angesehen, nicht wahr? Sie wissen, daß in diesem Berg etwas ist.«

»Ein Zaubertor, sicher«, antwortete Franke spöttisch.

»Nennen Sie es, wie Sie wollen!« sagte Warstein erregt. »Irgend etwas geht hier vor. Irgend etwas ist in diesem Berg, das wir nicht verstehen. Und Sie -«

»Das reicht jetzt endgültig!« unterbrach ihn Franke. »Ich will nichts mehr davon hören. Kein Wort, weder jetzt noch irgendwann. Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit.«

»Aber...«

»Sofort!«

Warstein starrte ihn noch eine Sekunde lang zornig an, ehe er sich mit einem Ruck herumdrehte und aus dem Zimmer stürmte. Sein Puls raste. Er hatte es gewußt. Tief in sich hatte er die ganze Zeit über gewußt, daß Franke ihn belog. Er verstand nur nicht, warum.

Er ging nicht zurück an seine Arbeit, wie Franke ihm befohlen hatte, sondern verließ im Sturmschritt das Gebäude. Hartmann und Saruter hatten bereits den halben Weg zum Tor zurückgelegt, als er ins Freie trat. Warstein wollte nicht nach ihnen rufen, so daß er beinahe gezwungen war zu rennen, um sie einzuholen. Trotzdem hatten sie das Tor erreicht, ehe er bei ihnen ankam. Hartmann sah ihn mit einer Mischung aus Trauer und einem ganz leisen Vorwurf an. Er sagte nichts.

»Es ... es tut mir leid«, begann Warstein. »Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, Hartmann. Franke ist ein Idiot.«

»Er hat recht«, sagte Hartmann achselzuckend. »Seine Anweisung war klar. Ich habe meine Pflichten vernachlässigt.«

»Er ist ein Idiot«, wiederholte Warstein. »Sie wissen genau, daß das im Grunde mir galt. Machen Sie sich keine Sorgen - ich bringe die Sache in Ordnung.« Er drehte sich zu Saruter um. »Ich begleite Sie noch ein Stück.«

Saruter nickte, aber Hartmann sah plötzlich noch unglücklicher aus als bisher. »Keine Sorge.« Warstein deutete auf die Straße auf der anderen Seite des Maschendrahtzaunes. »Dort drüben endet Dschingis-Frankes Macht. Ich überzeuge mich nur davon, daß er auch wirklich geht.«

Hartmann wirkte nicht sehr überzeugt, aber er drehte sich schließlich doch herum und ging.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Warstein leise. »Aber ich habe Sie gewarnt. Man kann mit Franke nicht reden. Sie haben ja gesehen, wie er ist.«

»Er ist, wie er ist«, antwortete Saruter. »Niemand kann aus seiner Haut.«

Warstein deutete auf das Tor. »Kommen Sie, gehen wir noch ein paar Schritte.« Sie verließen das Gelände und begannen die leicht abschüssige Straße hinunterzugehen. »Das Tor«, sagte Warstein nach einer Weile. Er hatte gehofft, daß der alte Mann das Gespräch von sich aus eröffnen würde, aber das geschah nicht. »Was wird geschehen, wenn es sich weiter öffnet?«

»Das weiß niemand«, antwortete Saruter. »Die Welt wird sich hindurchbewegen, doch keiner weiß, was jetzt auf der anderen Seite liegt.«

»Wird sie ... untergehen?« fragte Warstein zögernd.

Saruter lächelte. »Nein«, antwortete er. »Ich glaube nicht. Aber sie wird ... anders sein. Vielleicht nur eine Winzigkeit, vielleicht so fremd, daß wir nicht mehr in ihr leben können. Es ist schon geschehen. Mehr als einmal.«

Warstein blieb mitten in der Bewegung stehen und sah den Alten zweifelnd an. »Aber davon müßte doch jemand wissen.«

»Und wer sagt dir, daß es nicht so ist?« Saruters Stimme hörte sich zugleich ernst und leicht belustigt an. »Die Menschen erinnern sich an vieles, wovon sie nichts zu wissen glauben - oder wissen wollen.«

»Und es gibt keine Möglichkeit, es aufzuhalten?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Saruter erneut. »Seit es Menschen gibt, gibt es welche, die um das Tor wissen und darüber wachen. Auf der anderen Seite des Berges, an einem Ort, den die Menschen heute Monte Veritas nennen, liegt ein uraltes keltisches Heiligtum, wußtest du das?«

Warstein nickte. Er war schon dort gewesen, aber es hatte sich als Enttäuschung herausgestellt - ein Haufen moosbedeckter Steine, mehr nicht.

»Früher war es die Aufgabe der Druiden, darüber zu wachen und dafür zu sorgen, daß es nicht zur Unzeit geöffnet wird. Aber dieses Wissen ist uralt und zum allergrößten Teil verlorengegangen. Es gibt keine Druiden mehr.«

»Bis auf einen«, vermutete Warstein.

Saruter lächelte.

9

Als er erwachte, lag sein Kopf an Angelikas Schulter. Das Motorengeräusch war zu einem kaum hörbaren, monotonen Rauschen herabgesunken, in das sich dann und wann Gesprächsfetzen oder ein halblautes Lachen mischten. Lohmann war nach vorne geklettert und unterhielt sich mit dem Fahrer. Manchmal erschütterte ein leichter Stoß den Wagen, wenn sie durch ein Schlagloch oder über eine unsauber ausgebesserte Stelle fuhren. Die Autobahn schien sich in keinem besonders guten Zustand zu befinden. Aber das war es nicht, was ihn geweckt hatte. Es war Angelika. Sie summte eine Melodie, die ihm zugleich fremd wie auf sonderbare Weise vertraut vorkam, zugleich melodisch wie atonal. Es war etwas ungemein Verwirrendes an diesem Lied, und das war es, was in seinen Traum gedrungen war und ihn schließlich geweckt hatte. Erst nachdem er einige Sekunden lang auf ihr Summen gelauscht und über diese sonderbare Melodie nachgedacht hatte, fiel ihm auf, daß er noch immer an ihrer Schulter lehnte. Mit einer fast erschrockenen Bewegung fuhr er hoch. Lohmann unterbrach für eine Sekunde sein Gespräch mit dem Fahrer und sah zu ihm zurück. Angelika lächelte; auf eine Weise, die es überflüssig machte, sich für die unerlaubte Vertrautheit der Berührung zu entschuldigen.

»Habe ich ... lange geschlafen?« fragte er. Aus einem Grund, den er selbst nicht genau kannte, war es ihm fast peinlich.

»Eine Viertelstunde«, antwortete Angelika. »Vielleicht zwanzig Minuten.« Sie richtete sich auf und rutschte ein Stück von ihm weg, aber es war nichts Abweisendes an dieser Bewegung. Sie saß so einfach nur bequemer. »Warum schläfst du nicht weiter?«

»So müde bin ich nicht«, antwortete er. Es war glatt gelogen. Er mußte aufpassen, daß ihm nicht die Augen zufielen. »Dieses Lied, das du gerade gesungen hast... Was war das? Es war sehr schön.«

»Das war es nicht«, antwortete sie. »Ich kann nicht singen. Ich weiß nicht, was es ist. Irgendeine Melodie. Sie geht mir schon eine Weile nicht aus dem Kopf.« Sie nahm eine Schachtel Zigaretten vom Tisch und ließ ihr Feuerzeug aufschnappen. Es dauerte nur eine Sekunde, bis Warstein auffiel, was an dem Anblick nicht stimmte.