Выбрать главу

»Ich dachte, du hast keine mehr?« fragte er.

»Hatte ich auch nicht.« Angelika nahm einen tiefen Zug, und nun war es Warstein, der ein Stück von ihr wegrückte. Er hatte Zigarettenrauch noch nie vertragen. Ihm wurde übel davon.

Angelika deutete auf den Fahrer. »Sie sind von ihm. Er ist ein richtiger Menschenfreund, nicht?«

Sie hatte sehr leise gesprochen, aber mit einer Betonung, die Warstein aufhorchen ließ. »Das klingt, als ob dich etwas daran stört«, sagte er, ebenso leise wie sie und mit einem raschen, verstohlenen Blick auf den Fahrer. Er redete weiter mit Lohmann und schien von ihrer Unterhaltung nichts mitbekommen zu haben.

»Ich weiß nicht«, sagte Angelika mit einem Achselzucken. »Vielleicht bin ich ja allmählich auch schon paranoid. Aber irgendwie...« Sie hob die Schultern. »Schau mal.«

Warsteins Blick folgte der Richtung, die die rotglühende Spitze ihrer Zigarette bedeutete. Er sah gleich, was sie meinte: am Armaturenbrett des Wagens hing ein flaches Kästchen mit einer Tastatur und einem grünleuchtenden Display. »Ein Autotelefon«, sagte er. »Und?«

»Vorhin an der Tankstelle«, erinnerte Angelika. »Er hat gesagt, daß er noch einmal kurz telefonieren war. Ich frage mich, wieso, wenn er ein Telefon im Wagen hat. Außerdem hat er Lohmann und mir Zigaretten angeboten. Dir nicht.«

»Wozu auch?« antwortete Warstein. »Ich rauche nicht.«

»Und woher weiß er das?«

Warstein war einige Sekunden lang sehr still. Angelika hatte natürlich recht - sie liefen Gefahr, sich selbst in eine ausgewachsene Paranoia hineinzusteigern. Andererseits : es konnte Zufall sein. Aber es mußte nicht.

Dann fiel ihm noch etwas auf: sie fuhren sehr langsam, nicht einmal achtzig. In Anbetracht der Strecke, die noch vor ihnen lag, eigentlich seltsam.

Das Telefon summte. Der Fahrer hob ab und lauschte einige Sekunden, ohne sich gemeldet zu haben. Er sagte kein Wort, sondern hängte nach kaum einer Minute wieder ein. Lohmann blickte fragend, aber natürlich sagte er nichts. Es ging ihn nichts an. Wenigstens hoffte Warstein das. Er tauschte einen kurzen Blick mit Angelika, dann drehte er sich herum und sah so unauffällig wie möglich aus dem hinteren Fenster. Eine Anzahl Wagen folgte ihnen, aber keiner davon benahm sich irgendwie auffällig. Sobald es der Verkehr auf der Überholspur zuließ, beschleunigten sie und scherten aus. Aber das bedeutete rein gar nichts. Im Zeitalter der Elektronik war es kaum mehr nötig, einen Wagen direkt zu beschatten.

Als er sich herumdrehte, begegnete er dem Blick des Fahrers im Innenspiegel. Er lächelte nicht mehr, sondern sah im Gegenteil ein bißchen erschrocken aus. Der Wagen wurde langsamer, und am Fahrbahnrand tauchten Hinweisschilder auf einen Parkplatz auf.

»Schon müde?« fragte Warstein.

»Nein«, antwortete der Mann. »Ich ... verspüre ein dringendes menschliches Bedürfnis.« Er grinste verlegen. »Eigentlich sagt man die schwache Blase ja nur jungen Mädchen nach. Ich hab wohl zuviel Kaffee getrunken.« Er setzte den Blinker, lenkte den Wagen auf die Standspur und trat behutsam auf die Bremse, während sie auf den Parkplatz hinausrollten. Er war leer. Warstein sah wieder nach hinten. Keiner der anderen Wagen scherte aus, um ihnen zu folgen.

»Ich bin gleich wieder da.« Der Fahrer zog den Schlüssel ab und öffnete die Tür. »Ich schlage mich nur rasch in die Büsche. Bin sofort zurück.«

Warstein blickte ihm wortlos nach, während er mit schnellen Schritten um den Wagen herumging und in der Dunkelheit verschwand.

Aber er war kaum außer Sichtweite, da stand er auf, ging nach vorne und klappte das Handschuhfach auf.

»Sind Sie verrückt geworden?« fragte Lohmann. »Was tun Sie da?«

»Paß auf, ob er zurückkommt«, sagte Warstein zu Angelika gewandt. Er begann mit schnellen Bewegungen das Handschuhfach zu durchsuchen. Es enthielt den üblichen Krimskrams: ein paar Karten, den Mitgliedsausweis eines Automobilclubs, einige Münzen ... nichts.

»Was zum Teufel soll das?« fragte Lohmann. Es klang regelrecht empört.

»Ich traue dem Kerl nicht«, antwortete Warstein. »Irgendwas ist hier faul.« Er sah sich mit wachsender Nervosität um. Irgendwo mußte es doch einen Hinweis auf die Identität ihres Fahrers geben. Alles sah ganz normal aus. Und doch...

»Sie sind ja verrückt!« empörte sich Lohmann. »Hören Sie sofort damit auf! Wenn er zurückkommt und sieht, was Sie da tun, können wir den Rest der Strecke laufen!«

Warstein drehte sich einmal im Kreis, während sein Blick immer nervöser über das Innere des Vans strich. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Er beugte sich mit einer plötzlichen Bewegung vor, nahm den Telefonhörer aus seiner Halterung und betrachtete das Gerät nachdenklich.

»Lassen Sie das bleiben«, sagte Lohmann erschrocken.

Warstein schaltete den Lautsprecher ein, zögerte noch eine Sekunde und drückte dann die Wahlwiederholungstaste. Im Display leuchtete eine neunstellige Ziffernkombination auf, und sie konnten hören, wie die Nummer gewählt wurde.

»Was zum Teufel tun Sie da?!« jammerte Lohmann. »Sind Sie vollkommen wahnsinnig geworden?«

Das Freizeichen erscholl; einmal, zweimal. Dann wurde abgehoben, und eine Stimme sagte: »Ja?«

Warstein erstarrte. Er konnte hören, wie Angelika hinter ihm scharf die Luft einsog.

»Wer ist denn da?« fragte die Stimme aus dem Telefon. Sie klang ungeduldig und hörbar gereizt. »Zum Teufel, melden Sie sich.«

Warstein drückte die Taste, die die Verbindung unterbrach, und hängte das Telefon wieder ein. Er sah Angelika an, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht machte jede Erklärung überflüssig. Sie hatte die Stimme so deutlich erkannt wie er.

»Was ist los?« fragte Lohmann unsicher. »Was habt ihr denn plötzlich?«

»Sie haben die Stimme nicht erkannt?« fragte Warstein.

»Natürlich nicht«, sagte Lohmann. »Wieso sollte...«

»Franke«, sagte Angelika leise. »Das war Franke.«

Eine Sekunde lang wirkte Lohmann bestürzt. Dann zwang er sich zu etwas, das er allerhöchstens selbst für ein Lachen halten mochte. »Unsinn«, sagte er. »Wie soll seine Nummer in dieses Telefon kommen?«

»Weil es die letzte Nummer ist, die von diesem Apparat aus angerufen wurde«, antwortete Warstein. »Begreifen Sie es immer noch nicht? Ihr neuer Freund gehört zu ihm. Wahrscheinlich haben sie uns die ganze Zeit über beobachtet.« Er gestikulierte heftig nach draußen. »Und er ist auch nicht nach draußen, um zu pinkeln, sondern um auf die anderen zu warten, mit denen er sich hier verabredet hat!«

»Das glaube ich nicht«, sagte Lohmann.

»Aber es ist die Wahrheit.«

Warstein fuhr erschrocken herum und blickte ins Gesicht des Fahrers. Er hatte nicht einmal gehört, daß er die Tür geöffnet hatte, und doch stand er offenbar schon lange genug da, um zumindest einen Teil ihres Gespräches belauscht zu haben. Jetzt öffnete er die Tür ganz, stieg in den Wagen und ließ sich wieder hinter das Steuer sinken. Kopfschüttelnd betrachtete er das Telefon, während er den Zündschlüssel wieder ins Schloß steckte. »Es ist wirklich so: man kann noch so vorsichtig sein, irgendein dummer Fehler passiert am Ende meistens doch. Und wenn es nur eine Kleinigkeit ist.«

»Was haben Sie jetzt mit uns vor?« fragte Angelika.

»Vor? Nichts. Keine Sorge, meine Liebe, Ihnen wird nichts geschehen. Wir warten, das ist alles. In ein paar Minuten wird jemand hier sein, der sich um Sie und Ihre Freunde kümmert.« Er sah auf die Uhr im Armaturenbrett. »Sie müßten längst hier sein. Ich verstehe das gar nicht.«

»Dann hat Warstein recht?« Lohmann klang noch immer so, als könne er einfach nicht glauben, was er hörte. »Sie ... Sie arbeiten für Franke?«

»Sie hätten auf das hören sollen, was man Ihnen gesagt hat, und wieder nach Hause fahren. Das hätte Ihnen eine Menge Ärger erspart. Ich fürchte, jetzt ist es zu spät. Aber keine Sorge - Ihnen wird nichts passieren. Vielleicht wird man Sie ein paar Tage festhalten, aber das ist auch alles. Wir sind keine Verbrecher.«