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»Und Sie glauben, wir warten in aller Seelenruhe ab, bis Ihre Komplicen hier sind?« fragte Angelika.

»Ich denke schon.«

»Und wenn nicht?« Angelika deutete auf die Beifahrertür. »Was wollen Sie machen? Sie können uns nicht alle drei festhalten.«

Warstein war nicht einmal sicher, daß er das nicht gekonnt hätte. Der Bursche war ein wenig kleiner als Lohmann, aber viel kräftiger, und er machte einen durchtrainierten Eindruck. Wahrscheinlich war er in der Lage, mit ihnen allen fertig zu werden, ohne sich besonders anzustrengen.

Aber er zog eine andere Taktik vor. Ohne besondere Hast griff er unter seine Jacke, zog eine Pistole hervor und richtete sie auf Angelika, nachdem er sie entsichert hatte. »Ich würde es äußerst ungern tun«, sagte er, »aber wenn Sie mich dazu zwingen...«

»Was?« fragte Angelika herausfordernd. Sie war beim Anblick der Waffe bleich geworden, aber sie kämpfte ihre Furcht tapfer nieder. »Werden Sie mich dann erschießen?«

»Das kann man damit nicht«, antwortete der Mann. »Ich habe Hartgummigeschosse geladen - Ihre Polizei benutzt sie auch, glaube ich. Man kann niemanden damit umbringen. Aber sehr weh tun. Lassen Sie es nicht darauf ankommen.«

»Und wenn doch?« fragte Angelika herausfordernd.

»Laß es!« sagte Warstein rasch. »Er schießt.«

Angelika sah ihn unsicher an, aber der Fahrer nickte anerkennend. »Gut, daß wenigstens Sie vernünftig sind«, sagte er.

»Wer sagt, daß ich das bin?« fragte Warstein und schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Es war kein sehr geschickter Schlag, ohne große Kraft und aus dem falschen Winkel heraus geführt, und er tat Warstein selbst vermutlich sehr viel mehr weh als dem Mann, den er traf. Aber er kam vollkommen ohne Warnung, und was ihm an Wirkung fehlte, das machte er durch die Überraschung wieder wett. Der Bursche schrie auf, prallte im Sitz zurück und versuchte seine Waffe auf Warstein zu richten.

Angelika fiel ihm in den Arm. Ihre Kraft reichte nicht, um die Hand wirklich herunterzuschlagen, aber im gleichen Moment warf sich auch Lohmann auf den Mann, und obwohl sie sich mehr gegenseitig behinderten, als sich zu helfen, gelang es ihnen, dem Burschen die Waffe zu entringen und ihn halb aus dem Sitz zu zerren. Auch Warstein griff mit beiden Händen zu und versuchte den anderen Arm ihres Gegners zu packen und festzuhalten. Für einen Moment entstand ein unbeschreibliches Gerangel und Geschiebe, und für einen noch kürzeren Moment schöpfte er wirklich Hoffnung, daß es ihnen zu dritt gelingen könnte, den Burschen zu überwältigen.

Dann traf ihn ein fürchterlicher Schlag gegen die Brust und schleuderte ihn quer durch den Wagen.

Der Schmerz war so schlimm, daß er nicht einmal schreien konnte. Haltlos taumelte er zurück und prallte gegen den Kühlschrank. Irgend etwas zerbrach darin, und der Türgriff bohrte sich mit grausamer Wucht in seine Nieren. Ein neuerlicher, noch schlimmerer Schmerz explodierte in seinem Rücken und zwang ihn auf die Knie herab. Warstein keuchte. Vor seinen Augen drehten sich rotierende Feuerräder, und sein Mund schmeckte plötzlich nach Blut. Er bekam keine Luft mehr, und die Geräusche des Kampfes hörten sich plötzlich an, als wären sie weit, weit fort. Er sank nach vorne, fing seinen Sturz im letzten Moment mit den Händen ab und spürte, wie alle Kraft aus seinem Körper wich. Er begann ohnmächtig zu werden. Aber das durfte er nicht. Wenn er jetzt das Bewußtsein verlor, war alles vorbei.

Irgendwie gelang es ihm, die Ohnmacht zurückzudrängen und sich wieder aufzurichten - gerade im richtigen Moment, um mit anzusehen, wie Lohmann von einem wütenden Schwinger des Burschen von seinem Sitz gefegt wurde und gegen die Tür krachte. Angelika hing noch immer an seinem rechten Arm und versuchte ihn festzuhalten. Er schüttelte sie mit einer zornigen Bewegung ab, sprang auf seinem Sitz hoch und bückte sich nach seiner Waffe, und im gleichen Moment sprang Warstein ihn an.

Es war wenig mehr als ein Versuch. Warstein hatte keinerlei Erfahrung in solchen Dingen. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie geschlagen, nicht einmal als Kind in der Schule, und er wußte, daß er keine Chance hatte. Statt den anderen niederzureißen, rannte er direkt in dessen Knie, das seinen Magen mit der Wucht eines Hammerschlages traf. Pfeifend entwich die Luft aus seinen Lungen. Übelkeit und Schmerz explodierten in seinem Leib. Er brach abermals in die Knie, aber er klammerte sich mit beiden Armen an die Beine des Mannes und versuchte ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Es gelang ihm nicht. Ein Faustschlag traf seine Schulter, und obwohl er nicht einmal besonders weh tat, war sein rechter Arm plötzlich wie gelähmt. Sein Griff lockerte sich, und der andere befreite sich mit einer zornigen Bewegung vollends und schleuderte ihn zu Boden.

»Verdammt, hört endlich auf!« schrie er. »Seid ihr verrückt geworden?!« Angelika sprang ihn von hinten an und umklammerte seinen Hals mit beiden Armen. Er schüttelte sie ab, und sie fiel mit einem Schmerzensschrei zwischen die vorderen Sitze, doch auch Lohmann hatte sich inzwischen wieder hochgerappelt. Mit wild rudernden Armen drang er auf den Burschen ein, und einer seiner fast ungezielten Schläge traf tatsächlich. Der Mann wankte zurück, stolperte über den Fahrersitz und fiel rücklings gegen die Tür, als Warstein nach seinem Fuß griff und daran zerrte. Es gab einen dumpfen, knirschenden Laut, als sein Schädel mit dem harten Metall kollidierte.

Der Mann verdrehte stöhnend die Augen. Er verlor nicht das Bewußtsein, aber er war für einen Moment benommen, und Warstein nutzte die Chance, die Tür aufzustoßen und ihn mit der anderen Hand an der Schulter zu packen, um ihn aus dem Wagen zu werfen. Sie hatten ihren Gegner angeschlagen, aber das war pures Glück gewesen und dem Umstand zu verdanken, daß er sich seiner Überlegenheit ein wenig zu sicher gewesen war. Ein zweites Mal würde er diesen Fehler nicht mehr begehen. Wenn er erst einmal wieder ganz bei sich war, würde er dem Kampf ganz schnell ein Ende bereiten.

Der andere begriff, was er vorhatte, und klammerte sich instinktiv am Türrahmen fest, aber er war noch immer ein wenig benommen.

Warstein versetzte ihm einen Faustschlag auf die Hand, und im gleichen Moment ergriff Lohmann von hinten seine Beine und riß sie in die Höhe. Dieser doppelte Angriff war zuviel. Der Mann stürzte rücklings aus dem Wagen und schlug schwer auf dem nassen Asphalt draußen auf.

Warstein war mit einem einzigen Satz hinter dem Steuer und drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang sofort an, aber er war so nervös, daß er den Wagen abwürgte, als er loszufahren versuchte. Fluchend griff er nach dem Schlüssel und drehte ihn herum. Der Anlasser arbeitete jaulend, aber der Motor sprang nicht an.

»Kein Gas!« sagte Lohmann. »Geben Sie nicht so viel Gas, er säuft Ihnen ab!« Warstein nahm den Fuß vom Gaspedal und versuchte es erneut. Wieder wimmerte der Anlasser, aber eine Sekunde, zwei, drei, dann sprang der Motor an - der Wagen machte einen Satz nach vorne und ging abermals aus. Er hatte vergessen, den Gang herauszunehmen.

Lohmann begann ihn mit einer Flut von Beschimpfungen zu überschütten, während Warstein nervös zum dritten Mal versuchte, den Wagen zu starten. Diesmal gelang es ihm fast auf Anhieb - aber als er die Kupplung treten und den Gang einlegen wollte, wurde die Tür neben ihm aufgerissen. Eine Hand klammerte sich an den Türrahmen, die andere krallte sich mit solcher Kraft in seine Schulter, daß er vor Schmerz aufschrie und halb aus dem Wagen gezerrt wurde. Lohmann griff blitzschnell zu und hielt ihn fest, und irgendwie gelang es ihm, den Schalthebel nach vorne zu drücken. Ein häßliches Knirschen erscholl, das an Metallspäne und zerbrechende Zahnräder erinnerte, aber der Wagen rollte los.

Warstein schlug blindlings mit dem Ellbogen aus. Er traf etwas, und ein zorniger Schrei erklang, aber die Hand, die an seiner Schulter zerrte, ließ trotzdem nicht los. Warstein rutschte unerbittlich weiter vom Sitz und drohte, aus dem Wagen zu stürzen. Das Gesicht des Burschen neben ihm war jetzt blutüberströmt, denn Warsteins Ellbogen hatte seine Lippe getroffen und sie aufplatzen lassen. Der Ausdruck in seinen Augen war pure Mordlust. Wenn es ihm gelang, in den Wagen hineinzukommen, war es vorbei.