Warstein angelte verzweifelt mit dem Fuß nach dem Gaspedal. Es gelang ihm, es niederzudrücken. Nicht viel, aber der Wagen wurde schneller. Der Mann neben ihm begann groteske Hüpfer und Sprünge zu vollführen, um mit der Geschwindigkeit mitzuhalten, aber er dachte noch immer nicht daran, aufzugeben. Ganz im Gegenteil machte er Anstalten, sich in den Wagen hineinzuziehen, und da er sich dabei noch immer an Warsteins Schulter festhielt, zerrte er ihn immer weiter vom Sitz.
Angelika erschien hinter ihm. Zwei, drei Sekunden lang versuchte sie vergeblich, die Finger zurückzubiegen, die sich in seine Schulter gegraben hatten, dann wechselte sie ihre Taktik und fuhr dem Angreifer mit den Nägeln beider Hände durch das Gesicht. Der Bursche schrie auf, ließ endlich Warsteins Schulter los und verschwand mit einem halben Salto rückwärts aus der Tür. Um ein Haar wäre Warstein ihm gefolgt. Das plötzliche Fehlen der Kraft, die an seiner Schulter zerrte, brachte ihn endgültig aus dem Gleichgewicht. Er kippte zur Seite, hielt sich instinktiv am Lenkrad fest und brachte den Wagen dadurch zum Schlingern. Hätten Lohmann und Angelika ihn nicht mit vereinten Kräften festgehalten und wieder ins Wageninnere zurückgezerrt, wäre er Frankes Mann nach draußen gefolgt, und...
Irgendwie gelang es ihm sogar, die Gewalt über den Wagen zurückzuerlangen und ihn zum Stehen zu bringen, ehe sie gegen einen Baum krachten oder die Böschung hinabstürzten. Mit einem erschöpften Seufzen sank er über dem Steuer zusammen. Sein Herz schlug so schnell, daß es weh tat, und er zitterte am ganzen Leib. Er gönnte sich selbst fünf, sechs Sekunden, um mit dem Allerschlimmsten fertig zu werden, dann richtete er sich auf und sah nach den beiden anderen.
»Alles in Ordnung?« fragte er.
Schon während er die Worte aussprach, wurde ihm klar, daß er damit gute Aussichten auf den Preis für die dümmste Frage der Woche hatte. Angelika war kreidebleich und zitterte am ganzen Leib. Sie hatte sich mehrere Fingernägel abgebrochen, auf die unschöne, schmerzhafte Art, denn ihre Linke war voller Blut, und Lohmanns Gesicht begann schon jetzt sichtbar anzuschwellen. Trotzdem nickten beide.
Warstein drehte sich zur anderen Seite und angelte nach dem Griff, um die Tür zuzuziehen. Dabei fiel sein Blick auf ihren Fahrer, der sich jetzt gute zwanzig Meter hinter ihnen befand. Es war beinahe unglaublich - aber er richtete sich bereits wieder auf. Der Kerl war zäh.
»Fahren Sie los«, sagte Lohmann. »Ehe seine Freunde hier sind.«
»Zu spät«, sagte Angelika. »Da sind sie schon.«
Warstein sah erschrocken auf. Hinter ihnen war ein Scheinwerferpaar aufgetaucht, das sich rasch näherte. Sie konnten den dazugehörigen Wagen nicht erkennen, aber die wilden Gesten, die der Fahrer in ihre Richtung machte, machten es auch vollkommen überflüssig. Warstein hämmerte fluchend den Gang hinein und gab Gas.
Der Motor heulte auf, aber der Wagen setzte sich ebenso schwerfällig in Bewegung, wie ihr Verfolger schnell näher kam. Die Räder schienen am Boden festzukleben, während das jetzt voll aufgeblendete Scheinwerferpaar mit rasendem Tempo herankam. Nach ein paar Sekunden bereits war der andere Wagen heran und fast neben ihnen, und jetzt erkannte ihn Warstein. Es war ein blauer Fiat.
»Festhalten!« schrie er.
Beinahe im gleichen Moment riß er das Steuer herum. Ein knirschender, dumpfer Laut erscholl. Metall zerbarst. Glas splitterte. Lohmann wurde gegen das Armaturenbrett geschleudert, und auch Angelika stürzte wieder zu Boden, während der Wagen nach rechts ausbrach und für eine halbe Sekunde umzukippen drohte. Der Fiat schleuderte davon, drehte sich mehrmals um seine Achse und prallte mit einem zweiten, noch lauteren Krachen gegen ein Hindernis, das irgendwo in der Dunkelheit verborgen gewesen war.
Warstein kurbelte wild am Lenkrad, um die Gewalt über den Van zurückzuerlangen. Der Wagen schlingerte, aber sein großes Gewicht, daß ihnen gerade noch beinahe zum Verhängnis geworden wäre, erwies sich nun als Vorteil. Der Van fand beinahe von selbst in die Spur zurück. Als sie den Parkplatz verließen, gehorchte das Lenkrad Warsteins Befehlen wieder.
Lohmann richtete sich stöhnend auf und hob die Hände ans Gesicht. Seine Nase blutete. Aber er ersparte sich zu Warsteins Überraschung jeden Vorwurf. »Haben wir sie abgehängt?«
»Ich denke schon.« Warstein sah in den Rückspiegel. Der Parkplatz war bereits außer Sicht gekommen. Der Fiat verfolgte sie nicht. Und wenn er an den entsetzlichen Knall zurückdachte, mit dem die Scheinwerfer hinter ihnen in der Nacht erloschen waren, würde er es wahrscheinlich auch nie wieder tun. »Hoffentlich haben wir sie nicht umgebracht«, murmelte er.
»Ihre Sorgen möchte ich haben«, maulte Lohmann. Er betupfte sich seine Nase und sah anschließend auf das Blut auf seinen Händen herunter. Der Anblick erinnerte ihn wohl daran, daß er etwas vergessen hatte. »Wo zum Teufel haben Sie Autofahren gelernt, Warstein? Auf der Geisterbahn?«
Warstein ersparte es sich, überhaupt darauf zu antworten. Er gab mehr Gas, um den Wagen in den schnell fließenden Verkehr auf der Autobahn einzufädeln, und sah zugleich nach rechts, zu Angelika. »Alles okay?«
Sie zog eine Grimasse. »Allmählich begreife ich, warum man sich in einem fahrenden Wagen anschnallen soll«, sagte sie. »Hast du noch mehr solcher Kunststücke auf Lager? Ich frage nur, weil ich dann gleich liegenbleibe.« Anders als bei Lohmann verletzte ihn ihr Spott nicht. Ganz im Gegenteil lachte er leise und konzentrierte sich dann wieder auf den Verkehr. Er hatte eine Lücke erspäht, die ihm groß genug erschien, den schwerfälligen Van hineinzubringen. Der Motor klang nicht gut. Irgend etwas schleifte, und einer ihrer Scheinwerfer war zu Bruch gegangen. Sehr weit würden sie mit diesem Wagen nicht mehr kommen.
Lohmann schien das wohl genauso zu sehen, denn er sagte: »Fahren Sie an der nächsten Ausfahrt raus. Ich will nach dem Wagen sehen.«
»Verstehen Sie denn etwas davon?«
»Ein bißchen«, antwortete Lohmann. Plötzlich lachte er. »Wir sollten Ihren Freund Franke noch einmal anrufen, finde ich.«
»Wozu?«
»Um uns zu bedanken. Immerhin haben wir jetzt einen Wagen.«
»Was glauben Sie, wie weit wir damit kommen?« fragte Angelika.
»Wahrscheinlich kennt jetzt schon jeder Schweizer Polizist unser Nummernschild.«
Das war übertrieben, aber im Prinzip stimmte Warstein ihr zu. Die kurze Euphorie, die sich nach ihrer geglückten Flucht in ihm breitgemacht hatte, war schon wieder verflogen. Mit ein bißchen Pech - und Warstein zweifelte nicht daran, daß es ihnen treu blieb - würde sich ihre Flucht als Pyrrhussieg herausstellen. Sie hatten Franke genau den Vorwand geliefert, den er bis jetzt vielleicht noch nicht gehabt hatte, um auch offiziell zum großen Halali auf sie zu blasen. Innerhalb der letzten fünf Minuten hatten sie sich der Körperverletzung, des Autodiebstahls und der Unfallflucht schuldig gemacht, und vermutlich noch einer ganzen Reihe anderer Delikte, die ihm jetzt noch nicht einfielen. Nein, dachte er düster, sie mußten Franke nicht anrufen. Wahrscheinlich würde er es tun, um sich bei ihnen zu bedanken.
»Ich verstehe ja Ihren Ärger«, sagte Marzin, wobei er sich bemühte, gleichzeitig beruhigend wie angemessen zu klingen, damit sein Gegenüber nicht etwa glaubte, seine Beschwerde wäre ihm im Grunde egal, »aber ich fürchte, ich kann wenig tun.«
»So, fürchten Sie?« Der grauhaarige Mann, dem Marzins Worte gegolten hatten, richtete sich kampflustig auf und begann auf den Absätzen zu wippen. Immerhin ging er Marzin dadurch fast bis zum Kinn - was nicht etwa daran lag, daß der Hotelmanager so groß gewesen wäre. Aber was dem Touristen an körperlicher Größe fehlte, um hinlänglich beeindruckend zu wirken, das machte er an Zorn dreimal wett. »Na, dann fürchte ich, werde ich Ihre Rechnung nicht in voller Höhe begleichen können, wenn ich morgen abreise. Und ich fürchte, Sie können dagegen auch wenig tun.«