»Ich bitte Sie!« sagte Marzin. Es fiel ihm immer schwerer, Ruhe zu bewahren. »Wir werden sicherlich eine Lösung finden. Das Hotel kann nun wahrlich nichts dafür, wenn -«
»Papperlapapp!« unterbrach ihn der Gast - übrigens der fünfte an diesem Abend, der Marzin sinngemäß den gleichen Vortrag hielt. »Es interessiert mich nicht, wer irgend etwas wofür kann und wer nicht! Ich habe drei Wochen Badeurlaub in Ihrem famosen Hotel gebucht, zu einem Preis, der an Wucher grenzt. Ich habe mich nicht beschwert, daß in Ihrer angeblich ach so ruhigen Stadt plötzlich ein Gedränge herrscht wie auf dem Ku'damm beim Sommerschlußverkauf. Ich habe kein Wort darüber verloren, daß man mittlerweile eine halbe Stunde braucht, um die Straße zu überqueren! Ich habe nicht einmal etwas gesagt, als ich feststellen mußte, daß Ihr nobles Städtchen offenbar zu einem Treffpunkt international gesuchter Terroristen und Verbrecher geworden ist. Aber jetzt reicht es. Verraten Sie mir, wie ich meinen Badeurlaub genießen soll, wenn ich nicht mehr ans Wasser komme, weil das Ufer von einer Armee von Verrückten belagert wird?«
»Wie gesagt, ich verstehe Ihren Ärger«, sagte Marzin, »aber ich kann da gar nichts tun. Es ist nicht unsere Schuld, wenn...«
»...vierundzwanzig Dutzend Folkloregruppen aus aller Welt den See belagern?« wurde er unterbrochen. »Das werden wir sehen. In Ihrem Prospekt stand nichts dergleichen. Ich wollte heute abend mit meiner Frau an den See. Nicht einmal zum Schwimmen, sondern nur so. Wissen Sie, was passiert ist? Wir sind einem Dutzend ausgewachsener Indianer in die Hände gefallen, die angemalt waren, als befänden sie sich auf dem Kriegspfad! Meine Frau hat Todesängste ausgestanden! Wenn Sie das komisch finden - ich jedenfalls nicht. Wir reisen morgen ab. Und wenn Sie der Meinung sind, mehr als die Hälfte der Rechnung haben zu wollen, dann können Sie sich mit meinem Anwalt darüber unterhalten!«
Er funkelte Marzin herausfordernd an, aber der Manager war klug genug, nicht zu antworten. Wahrscheinlich würde er sich bis zum nächsten Morgen wieder beruhigt haben, und ebenso wahrscheinlich war, daß er nicht abreiste und es auch nicht darauf ankommen ließ, sich mit einem Polizeibeamten über die Begleichung der Rechnung zu unterhalten. Er hatte seinen Auftritt gehabt, und das Gefühl, als Sieger daraus hervorgegangen zu sein, würde ihm den Rest des Abends ein wenig versüßen.
Das Schlimme war, daß Marzin ihn gut verstehen konnte. Er wartete, bis der Gast sein Büro verlassen hatte (selbstverständlich nicht, ohne die Tür hinter sich zuzuknallen), dann griff er zum Telefon und wählte eine gespeicherte Nummer. Das erste Freizeichen war noch nicht zu Ende, als auch schon abgehoben wurde. »Lesser?«
»Guten Abend, Frau Stadtrat«, sagte Marzin. »Bitte verzeihen Sie die späte Störung, aber wäre es möglich, Ihren Gatten zu sprechen? Ich weiß, wie spät es ist, aber...«
»Oh, das macht nichts. Sie sind ungefähr der zehnte, der anruft. Aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Mein Mann ist in einer Sitzung im Bürgermeisteramt.«
Marzin sah auf die Uhr, die an der Wand neben der Tür hing. Es war fast elf. »Um diese Zeit?« entfuhr es ihm. Am liebsten hätte er sich dafür auf die Zunge gebissen. Schließlich war er es, der mitten in der Nacht anrief.
»Ja, und es wird auch noch eine Weile dauern, fürchte ich.« Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang nun schon merklich kühler. »Sie können gerne selbst im Rathaus anrufen.« Wenn Sie mir nicht glauben, fügte sie zwar nicht laut hinzu, aber Marzin hörte es trotzdem.
»Das ist nicht nötig«, sagte er hastig. »Ich melde mich dann morgen wieder. Gute Nacht.« Er hängte ein und starrte das Telefon beinahe feindselig an. Für einen Moment war er nahe daran, tatsächlich im Rathaus anzurufen - aber wozu? Es brachte nichts, sich mit einem Anrufbeantworter zu unterhalten. Marzin stand auf, trat ans Fenster und öffnete die Jalousien. Tagsüber reichte der Blick aus seinem Fenster weit auf den Lago Maggiore hinaus, der jetzt nicht mehr als ein schwarzer Schatten vor einem nicht ganz so schwarzen Hintergrund war. Trotzdem konnte er seine Umrisse deutlich erkennen. Das Ufer wurde von Dutzenden winziger roter Funken gesäumt; Feuer, die dort brannten und um die sich das scharte, was der erboste Gast gerade als vierundzwanzig Dutzend Folkloregruppen bezeichnet hatte. Sie waren es nicht. Marzin war schon am Nachmittag selbst unten am See gewesen, und was er dort gesehen hatte, das hätte ihn in Angst und Schrecken versetzt, hätte er zugelassen, daß diese Gefühle Gewalt über ihn erlangten. Was um alles in der Welt ging in dieser Stadt vor?
Sie hatten die Autobahn verlassen, und Warstein war nach ein paar Kilometern auch von der Hauptstraße abgebogen und hatte den Wagen in einen schmalen Waldweg hineingelenkt, bis sie eine Stelle gefunden hatten, die ihnen geeignet schien, die Nacht dort zu verbringen: eine winzige Lichtung, die mit Mühe und Not Platz zum Wenden bot und an drei Seiten von dichtem Gestrüpp umgeben war. Lohmann hatte den Wagen verlassen und sich eine Zeitlang an der beschädigten Seite zu schaffen gemacht. Als er zurückkam, waren seine Hände ölverschmiert, aber er wirkte trotzdem zufrieden. Wie er erklärte, war der Schaden nicht besonders groß: mit Ausnahme des zerbrochenen Scheinwerfers war der Wagen voll funktionstüchtig.
Fünf Minuten später klingelte das Telefon.
Warstein nahm ab, während sich Angelika und Lohmann noch überrascht ansahen. »Guten Abend, Herr Doktor Franke«, sagte er, noch ehe sich der Gesprächsteilnehmer melden konnte.
»Ein ziemlich billiger Effekt, finden Sie nicht?« Es war Franke, und er klang sehr zornig.
»Ich habe sogar eher mit Ihnen gerechnet«, antwortete Warstein. »Wieso hat es so lange gedauert? Hatten Ihre Schläger kein Kleingeld zum Telefonieren?«
»Ich rede von dem kleinen Kunststück, daß Sie sich gerade geleistet haben«, antwortete Franke ärgerlich. »Zwei der Männer sind schwer verletzt. Sind Sie zufrieden? Oder muß es erst ein paar Tote geben, ehe Sie Vernunft annehmen?«
»Und was tun?« gab Warstein zurück. Der scharfe Ton in seiner Stimme überraschte ihn fast selbst. Frankes Worte hatten ihn stärker getroffen, als er zugab. Er hatte gehofft, daß es bei einem demolierten Wagen geblieben wäre.
»Also gut.« Franke wechselte die Taktik und versuchte, einen versöhnlichen Ton in seine Stimme zu legen. Sehr überzeugend klang es nicht. »Was muß ich tun, um mit Ihnen reden zu können?«
»Sie sind doch schon dabei, oder?«
»Verdammt, hören Sie mit diesem Quatsch auf!« fauchte Franke. »Den James-Bond-Verschnitt nimmt Ihnen niemand ab!«
Warstein schwieg ein paar Sekunden. Er hatte den Lautsprecher eingeschaltet, so daß Lohmann und Angelika mithören konnten, aber sie wirkten so hilflos wie er. Franke hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, auch wenn er es vielleicht selbst nicht wußte: die Ereignisse der letzten Stunde hatten etwas von einem Agentenkrimi gehabt. Aber es war ein verdammter Unterschied, ihn im Kino zu sehen oder ihn selbst zu erleben. Warstein hätte eine Menge dafür gegeben, einfach aufzustehen und nach Hause gehen zu können, auch wenn die Vorstellung noch nicht vorbei war.
»Was wollen Sie?« fragte er müde.
»Ich appelliere an Ihre Vernunft, Warstein«, antwortete Franke. »Ich glaube, Sie wissen nicht, was Sie tun. Sie sind dabei, sich in eine Situation hineinzumanövrieren, aus der Sie nicht wieder herauskommen, ist Ihnen das klar?«
»Und was soll ich dagegen tun?«
»Sagen Sie mir, wo Sie sind«, antwortete Franke. »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihnen nichts geschieht. Wir vergessen, was gerade passiert ist. Sie und Ihre Freunde steigen morgen früh in die erste Maschine nach München, und das ist alles.«