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»Oh, wie beruhigend«, sagte Warstein. »Sie meinen, wir hätten uns all das sparen können. Und wenn uns Ihr Vorschlag nun nicht gefällt?«

»Seien Sie kein Narr, Warstein«, antwortete Franke gereizt. »Sie wissen ganz genau, was dann passiert. Es kostet mich einen Anruf, und die gesamte Polizei dieses Landes macht Jagd auf Sie. Was glauben Sie, wie weit Sie kommen?«

»Vermutlich nicht sehr weit«, sagte Warstein ehrlich. »Aber beantworten Sie mir eine Frage, Franke. Warum geben Sie sich solche Mühe, mich vom Berg fernzuhalten? Ich nehme an, Sie haben gefunden, wonach Sie die letzten drei Jahre gesucht haben. Was ist es?«

Franke schwieg eine Sekunde. Er beantwortete Warsteins Frage nicht. »Geben Sie mir Frau Berger«, sagte er dann. »Sie ist doch noch bei Ihnen?«

»Sie hört mit«, antwortete Warstein. »Die Presse übrigens auch. Nur, falls es Sie interessiert, daß alles, was wir besprechen, vielleicht schon morgen in der Zeitung steht.«

»Kaum«, antwortete Franke gelassen. »Frau Berger?«

»Ich höre«, sagte Angelika laut. Sie wirkte unsicher. Nervös.

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen«, sagte Franke. »Sie sind hierhergekommen, weil Sie Ihren Mann suchen. Ich weiß, wo er ist. Ich bringe Sie zu ihm, wenn sie wollen.«

»Einfach so?« fragte Angelika überrascht. »Ohne Bedingungen? Ohne Wenn und Aber? Heute morgen haben Sie noch behauptet, nicht zu wissen, wo er ist.«

»Das war nicht die Wahrheit«, sagte Franke. »Ein Fehler. Ich bedaure ihn.«

»Ich glaube Ihnen nicht«, sagte Angelika.

»Das kann ich verstehen«, antwortete Franke. »Also gut, hören Sie mir zu - und Sie auch, Warstein. Ich könnte Ihnen eine ganze Armee auf den Hals hetzen, wenn ich wollte, aber ich werde es nicht tun. Noch nicht. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen früh, sich zu entscheiden. Mein Angebot gilt. Sagen Sie mir, wo Sie sind, und ich lasse Sie abholen und zu Ihrem Mann bringen. Und für Sie, Warstein, gilt dasselbe. Geben Sie auf, und ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Vielleicht kann ich Sie sogar rehabilitieren. Ich verspreche Ihnen nichts, aber ich werde es versuchen. Ich rufe Sie morgen früh noch einmal an.« Die Verbindung wurde unterbrochen.

»Was ... war denn das?« fragte Lohmann überrascht. »War das derselbe Kerl, der uns bisher solchen Ärger bereitet hat?« Er lachte unsicher. »Entweder, er hat mehr Respekt vor Ihnen, als ich bisher geglaubt habe...«

»...oder er hat sehr viel mehr zu verlieren, als wir dachten«, führte Angelika den Satz zu Ende. »Anscheinend sind wir ihm ziemlich auf die Pelle gerückt.«

Warstein schwieg. Sie hatten beide unrecht, aber es wäre müßig, diese Diskussion zu führen. Er kannte Franke gut genug, um den Unterton von Panik nicht zu überhören, der in seiner Stimme gewesen war. Langsam hob er den Kopf und sah Angelika an.

»Du solltest dir sein Angebot überlegen«, sagte er. »Ich glaube, es war ehrlich gemeint.«

»Das ist nicht dein Ernst!« Sie klang ebenso erstaunt wie empört über diesen Vorschlag. »Du glaubst doch nicht, daß ich euch jetzt im Stich lasse und mit fliegenden Fahnen die Seiten wechsle!«

»Das hier ist kein Spiel«, antwortete Warstein ruhig. »Jetzt nicht mehr. Du bist hier, weil du deinen Mann suchst, nicht, um mit uns Räuber und Gendarm zu spielen. Franke weiß, wo er ist, und ich bin sicher, daß er dich zu ihm bringen kann, wie er es versprochen hat. Denk darüber nach.«

»Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich?« fragte Lohmann mißtrauisch. »Ich glaube diesem Kerl kein Wort.«

»Ich schon«, erwiderte Warstein. »Ich glaube ihm zum Beispiel, daß er uns quer durch dieses Land hetzen kann, wenn er wirklich will. Seien Sie realistisch, Lohmann - wir kommen nicht einmal auf hundert Kilometer an den Berg heran, wenn Franke es nicht will. Ich weiß, daß Sie hier sind, um eine Story für Ihre Zeitung zu schreiben, aber ich bin hier, weil Angelika mich gebeten hat, ihr zu helfen. Und das tue ich nicht, wenn ich sie überrede, diese Chance auszuschlagen.«

»Deshalb sind Sie nicht hier«, antwortete Lohmann böse. »Sie behaupten es, aber es ist nicht die Wahrheit. Vielleicht glauben Sie es ja sogar selbst, aber der wirkliche Grund, aus dem Sie hier sind...« er deutete auf das Telefon, »...ist Franke. Der Mann hat Sie fertiggemacht, nach allen Regeln der Kunst, und Sie sind hier, um es ihm heimzuzahlen. Aus keinem anderen Grund.«

»Das ist nicht wahr«, antwortete Warstein. Es klang nicht einmal in seinen eigenen Ohren überzeugend, und Lohmann machte sich nicht die Mühe zu widersprechen. Natürlich hatte er recht. Vielleicht waren Warsteins Beweggründe nicht ganz so einfach, wie er behauptete, aber im Kern der Sache hatte er recht. Jeder von ihnen war aus seinem ganz persönlichen Grund hier, und die anderen waren dabei wenig mehr als Staffage. Er fragte sich, ob sie ihm ebenfalls geraten hätte aufzugeben, wäre es umgekehrt gewesen, und vielleicht stellte er sich diese Frage im Grunde nur, weil er Angst vor der anderen Frage hatte, die er sonst vielleicht an sich selbst gerichtet hätte: nämlich wie er reagiert hätte, hätte Franke ihm angeboten, ihm zu geben, weshalb er gekommen war.

»Und Sie?« fragte er böse. Lohmann sah ihn irritiert an, und Warstein fuhr in herausforderndem Ton fort: »Sie würden uns doch auf der Stelle verkaufen, wenn Sie Ihre Story dafür bekämen, oder?«

Lohmann wurde bleich, eine Sekunde später lief sein Gesicht rot an. »Das ist...«

»Hört auf!« sagte Angelika scharf. »Verdammt, begreift ihr eigentlich nicht, daß ihr ganz genau das tut, was er wollte? Hört sofort auf zu streiten.«

»Warum?« fragte Lohmann giftig. »Es beginnt doch gerade erst Spaß zu machen.«

»Ja, das glaube ich Ihnen sogar«, sagte Warstein. »Ein weiterer Absatz für Ihre Geschichte, nicht wahr?«

Lohmann verzog das Gesicht. »Sie sind ein Idiot, Warstein, wissen Sie das eigentlich?« Er deutete auf Angelika. »Sie hat recht. Ein einziger Anruf reicht, und Sie gehen wie ein tollwütiger Hund auf alles los, was sich bewegt. Dieser Franke hat Sie ganz gut programmiert, nicht wahr? Er braucht nur auf den richtigen Knopf zu drücken, und schon tun Sie alles, was er will.« Er lachte, auf eine Art und Weise, für die Warstein ihm am liebsten die Zähne eingeschlagen hätte. »Sind Sie so dumm, oder tun Sie nur so? Glauben Sie wirklich, daß er sein Wort hält? Ich kenne diesen Franke nicht persönlich, aber ich kenne Typen wie ihn zur Genüge. Und Typen wie Sie auch.«

»Seien Sie doch endlich still!« sagte Angelika. »Verdammt, warum gehen Sie nicht raus und basteln ein bißchen am Wagen herum oder erschrecken meinetwegen ein paar Kaninchen.«

Lohmann starrte sie wutentbrannt an, aber der Ausbruch, auf den Warstein wartete, kam nicht. Statt dessen stand er plötzlich mit einem Ruck auf und verließ tatsächlich den Wagen. Der Knall, mit dem er die Tür hinter sich zuwarf, mußte kilometerweit zu hören sein.

»Danke«, sagte Warstein. »Ich weiß nicht, was -«

»Behalt deinen Dank für dich«, unterbrach ihn Angelika, keinen Deut weniger zornig als gerade, da sie mit Lohmann gesprochen hatte. »Ich weiß wirklich nicht, wer der größere Dummkopf ist - du oder er. In einem hat er recht, weißt du? Franke braucht nur auf einen Knopf zu drücken, und schon springst du.« Sie verschwand mit zornigen Schritten im hinteren Teil des Wagens. Warstein wollte ihr nachgehen, aber das wäre wahrscheinlich nicht so klug gewesen. Er war noch immer wütend, und er spürte erst jetzt, daß sein Zorn eigentlich nicht Lohmann galt, auch nicht Franke - sondern niemand anderem als sich selbst. Lohmann hatte recht, und Angelika auch: wenn Franke diesen Vorschlag nur gemacht hatte, damit sie sich in die Haare gerieten, dann hatte er sein Ziel erreicht; zumindest bei ihm.

»Es tut mir leid«, sagte er. »Wirklich.«

Angelika antwortete nicht, aber sie fuhr ihn zumindest nicht erneut an, obwohl er spürte, daß auch sie innerlich vor Zorn brodelte. Sie begann sich lautstark in der kleinen Küche zu schaffen zu machen, und Warstein war klug genug, dieses Verhalten als das zu verstehen, was es war, und ihr auch jetzt nicht zu folgen. Statt dessen lehnte er sich im Sitz zurück, schloß die Augen und versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen. Erstaunlicherweise gelang es ihm sogar, auch wenn er spürte, daß es eine trügerische Ruhe war, die vielleicht nicht lange halten mochte. Und die ihm zugleich fast unerträglich war.