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Er brauchte irgend etwas, um seine Hände zu beschäftigen. Ziellos kramte er im Handschuhfach, fand einen kleinen Block und einen Stift und begann sinnlose Wellenmuster und Linien darauf zu malen, anfangs mit harten, hektischen Strichen, die das Papier fast zerfetzten, dann, nachdem er das erste Blatt abgerissen und zerknüllt auf den Boden geworfen hatte, etwas ruhiger. Seine Finger zitterten noch immer heftig, aber jetzt war es wirklich nur noch die Anstrengung des Tages, der hinter ihnen lag.

»Hast du das gerade ernst gemeint?« fragte Angelika plötzlich.

Warstein sah zu ihr zurück, aber sie hatte sich nicht zu ihm umgewandt, sondern drehte ihm weiter den Rücken zu und war mit der Kaffeemaschine beschäftigt. »Was?«

»Daß ich Frankes Vorschlag annehmen soll.«

»Du solltest zumindest darüber nachdenken«, antwortete er.

»Ich würde euch verraten.« Sie sah ihn immer noch nicht an, aber ihr Ton verriet, daß sie schon längst damit begonnen hatte, über Frankes Worte nachzudenken. Vielleicht war sie sogar schon zu einem Ergebnis gekommen.

»Quatsch.« Er bemühte sich, so überzeugend wie möglich zu klingen, aber es mißlang - nein, er wollte nicht, daß sie auf Franke hörte. Er wollte nicht, daß sie ihn verließ, das war die Wahrheit. Aber es gab Situationen, in denen man das Gegenteil dessen tun mußte, was man wirklich wollte, so sprach er gegen seine Überzeugung weiter. »Wir sind hier nicht in einem Kriminalfilm, Angelika. Weißt du, es gibt niemanden, der uns ein Happy-End garantiert.«

»Du meinst, wir schaffen es nicht?«

»Ich meine, daß die ganze Situation uns längst über den Kopf gewachsen ist«, antwortete er ernsthaft. »Was muß denn noch passieren, damit Lohmann und du begreift, wie ernst es Franke ist? Ich glaube mittlerweile, daß er vor nichts mehr zurückschreckt, um uns aufzuhalten. Ich will nicht, daß dir etwas zustößt.« Sie antwortete nicht mehr, und nach einer Weile drehte sich Warstein wieder herum und zeichnete weiter. Lohmann schien tatsächlich zu tun, was Angelika ihm geraten hatte, denn nach einer Weile begannen von draußen dumpfe Schläge und ein metallisches Knirschen hereinzudringen. Der Wagen begann unter ihnen zu schaukeln. Er würde sich bei ihm entschuldigen, sobald er wieder hereinkam. Sein Angriff war unfair gewesen. Auch wenn er der Wahrheit vielleicht ziemlich nahe gekommen war, er hatte kein Recht gehabt, ihn derart zu attackieren, nicht in diesem Moment und nicht auf diese Weise.

Nach ein paar Minuten begann der verlockende Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee den Wagen zu durchziehen. Angelika klapperte mit Tassen und Geschirr und trat dann hinter ihn. »Das ist sehr schön«, sagte sie. »Was ist es? Der Berg?« Im allerersten Moment begriff Warstein nicht einmal, was sie meinte. Dann sah er auf das Blatt herab, das auf seinen Knien lag, und erschrak.

Er hatte es selbst nicht gemerkt - aber er hatte aufgehört, sinnlose Kreise und Linien auf den Block zu kritzeln. Statt dessen hatte er ein Bild des Gridone gemalt.

Im schwachen Licht der Taschenlampe sah der Raum größer aus, als Andy ihn in Erinnerung hatte, und er schien sich auch noch auf andere Weise verändert zu haben. Er konnte nicht sagen, wie, aber es war keine Veränderung, die ihm gefiel. Die Dinge, die der asymmetrische Lichtkreis aus der Dunkelheit hob, erschienen ihm größer, und ihre Umrisse irgendwie härter, die Schatten dunkler, als sie sein sollten, als wäre etwas darin, was nicht hineingehörte.

Natürlich war das alles ausgemachter Unsinn, und er kannte auch den Grund, warum sich seine Sinne mit seinem Nervenkostüm verbündet hatten, um ihm einen Streich zu spielen. Er war nervös, und er hatte verdammt noch mal allen Grund dazu.

»Was tust du da?« Travis Stimme drang aus der Dunkelheit jenseits der Tür, die der Schein seiner Lampe nicht erreichte. Er sprach leise, kaum, daß er flüsterte. Trotzdem fuhr Andy so erschrocken zusammen, daß er um ein Haar die Lampe fallen gelassen hätte.

»Nichts«, sagte er hastig. »Es ist alles in Ordnung.« Es klang nicht sehr überzeugend. Er war vielleicht ein guter Dieb und Einbrecher, aber kein sehr talentierter Lügner.

»Paß auf«, antwortete Travi. »Und bleib vom Fenster weg.«

Das ganze Unternehmen ist der helle Wahnsinn, dachte Andy nervös. Alles hatte so einfach geklungen, vor drei Tagen, als sie zusammengesessen und den Plan noch einmal durchgesprochen hatten. Travi war ein erfahrener Mann, ein Profi von fast fünfzig Jahren, der trotz der gut und gerne zweihundert Brüche, die er auf dem Kerbholz hatte, noch nie erwischt worden war. Er war sehr überzeugend gewesen, und alles, was er gesagt hatte, hatte gut geklungen - und vor allem einfach. Aber jetzt, als er hier stand, in dem dunklen, schatten-erfüllten Hinterzimmer des Juwelengeschäftes, dessen Safe Travi gerade zu knacken versuchte, wünschte er sich weit weg.

»Komm her und hilf mir«, verlangte Travi.

Andy beeilte sich, der Aufforderung zu folgen. Er war ein wenig erstaunt über Travis gereizten Ton. Auch sein Komplice war nervös, und das war wirklich ungewöhnlich, denn Travi gehörte normalerweise zu den Menschen, die immer ruhiger zu werden schienen, je haariger die Situation wurde.

Andy fand ihn vor dem altmodischen Safe im hinteren Teil des Büros am Boden kniend. Er hatte eine winzige Taschenlampe mit Klebestreifen über seinem rechten Ohr befestigt, so daß der kaum münzgroße Lichtfleck jeder Kopfbewegung folgte. Seine Finger, die aussahen, als bereite es ihnen keine Schwierigkeiten, Walnüsse zu zermalmen, und doch die Geschicklichkeit eines Chirurgen besaßen, ruhten auf dem grün gestrichenen Stahl der Safetür. Er wedelte unwillig mit der Hand, als Andy hinter ihn trat und den Strahl seiner Lampe auf den Geldschrank fallen ließ. Andy schaltete sie hastig aus, und der helle Bereich schmolz wieder auf eine daumennagelgroße Insel in einem Meer von absoluter Schwärze zusammen.

»Wie steht's?« fragte er.

»Kein Problem«, antwortete Travi. Seine Stimme verriet große Konzentration. Andy sah, wie seine Finger das Zahlenrad um den Bruchteil eines Millimeters weiter nach links drehten, und obwohl er selbst gespannt lauschte und nichts hörte, schien Travi sehr zufrieden zu sein. Er lachte.

»Das Ding ist nicht viel mehr als eine Blechbüchse«, sagte er kopfschüttelnd. »Es ist immer dasselbe - da geben sie ein Vermögen für eine Alarmanlage aus, aber der Geldschrank kann gar nicht alt und billig genug sein. Das Ding stammt noch aus dem vergangenen Jahrhundert. In fünf Minuten bin ich soweit.« Seine Finger glitten weiter über den Safe und taten Dinge, die Andy nicht begriff und die ihm wie Zauberei vorkamen. Auf eine gewisse Weise war es das wohl auch. Travi war ein Genie auf seinem Gebiet. Manchmal hatte Andy das Gefühl, daß er einen Tresor nur anzusehen brauchte, um ihm all seine Geheimnisse zu entlocken. Das war einer der Gründe - wenn nicht der entscheidende überhaupt -, warum sich Andy vor einiger Zeit mit Travi zusammengetan hatte. Er hatte gehofft, im Laufe der Zeit einiges von Travis Fertigkeiten kennenzulernen. Bisher war das nicht geschehen. Sie waren ein gutes Team, doch was sein Können anging, war Travi verschlossen wie eine Auster. Aber er war zuverlässig, er war ein guter Kumpel, und was das Wichtigste war: er ging nicht das geringste Risiko ein. Bevor sie sich diesen Laden vorgenommen hatten, hatte er wochenlang die Runden von Polizei und Wach- und Schließgesellschaft beobachtet und jede noch so kleine Abweichung peinlich genau notiert und analysiert. Bei ihm zu Hause stand ein komplettes Duplikat der Alarmanlage, die das Juweliergeschäft schützte. Er hatte sie mindestens ein halbes dutzendmal außer Betrieb gesetzt, ohne Alarm auszulösen. Andy hatte er erst im letzten Moment ins Vertrauen gezogen.