Allerdings begann er sich allmählich zu fragen, warum überhaupt. Bisher hatte er nicht das geringste getan. So, wie die Sache aussah, war es ein Einmannjob. Etwas klickte, und Travi lehnte sich mit einem hörbaren Aufatmen zurück. »Das wär's«, sagte er.
Andy sah ihn zweifelnd an. »Du meinst...«
Travi machte eine einladende Handbewegung. »Bedien dich«, sagte er grinsend. »Schönheit vor Alter, heißt es doch.«
Einen Moment lang war Andy noch unentschlossen. Das Ganze erschien ihm fast zu leicht. Dann streckte er die Hand aus und berührte den Griff. Ein saugendes Geräusch, und die Safetür schwang nach außen. Sie war schwer, aber längst nicht so schwer, wie er angesichts des zehn Zentimeter dicken Stahls erwartet hatte.
Andy riß erstaunt die Augen auf, als er das Innere des Geldschrankes sah. Auf dem obersten Bord stapelten sich Akten und ledergebundene Geschäftsbücher, aber auf den drei Fächern darunter funkelte und blitzte es nur so. Auf schwarzen Samtkissen lagen gleich Dutzende von Colliers, Armbändern, Ringen, Ketten, Ohrringen und anderen Preziosen, eine schöner und kostbarer als die andere. Der Anblick verschlug ihm fast die Sprache. Und bei dem bloßen Gedanken daran, was das Zeug wert war, wurde ihm schwindelig.
Sie rührten nichts davon an. Andy empfand ein tiefes Bedauern bei dem Gedanken an das Vermögen, das vor ihnen lag, aber sie hatten ausgiebig darüber gesprochen. Er vertraute auch in diesem Punkt auf Travis Erfahrung. Schmuck war schwer abzusetzen, und nur mit einem enormen Risiko. Aber der Safe enthielt noch etwas, nämlich ungeschliffene Rohdiamanten im Wert von gut hunderttausend Franken, die in keiner Bilanz und keinem Geschäftsbuch aufgeführt waren - ein kleines Extra, das der Juwelier an der Steuer vorbeigemogelt hatte. Er würde sich hüten, der Polizei den Diebstahl zu melden. Das war das Schöne an Travis Arbeitsweise - und vermutlich auch der Grund, warum er nie erwischt worden war.
Sicherlich ein kluges Prinzip und ein erfolgreiches, wie Travis bisherige Karriere als Berufsverbrecher bewies. Aber das änderte nichts daran, daß Andy beim Anblick all der Kostbarkeiten, die sie liegen lassen mußten, fast die Tränen in die Augen stiegen.
»Es ist eine Schande«, sagte er. »Das Zeug ist mindestens eine halbe Million wert.«
»Das Zeug ist gut und gerne fünf Jahre wert«, korrigierte ihn Travi. Seiner Stimme war keine Spur von Ungeduld anzuhören.
Vielleicht, dachte Andy, gingen ihm ja die gleichen Gedanken durch den Kopf, und er mußte das laut sagen, auch um sich selbst zu beruhigen.
»Außerdem zahlt uns der Hehler höchstens zwanzig Prozent.« Er machte eine Handbewegung, die zugleich Erklärung wie auch Aufforderung an Andy war weiterzumachen. »Hunderttausend mit einer guten Chance, erwischt zu werden, oder fast die gleiche Summe ohne das geringste Risiko. Such es dir aus.« Der letzte Satz war bloße Rhetorik, das wußte Andy. Travi würde nicht zulassen, daß er irgend etwas von den Sachen mitnahm. Und er hatte ja vollkommen recht: für die Rohdiamanten würden sie in Amsterdam gut und gerne achtzig Prozent des Marktpreises erzielen, ohne daß jemand dumme Fragen stellte.
Als er die beiden schwarzen Samtbeutel mit den Steinen an sich nahm, fiel sein Blick auf einen Stapel Banknoten: Franken, D-Mark und Dollar, säuberlich gebündelt. Fragend sah er Travi an.
Der andere überlegte einen Moment, aber dann schüttelte er den Kopf. »Zu viel«, sagte er. »Wenn das verschwindet, ruft er die Polizei.« Plötzlich grinste er. »Aber nimm dir ruhig zwei- oder dreitausend. Das wird seine Buchführung ganz schön durcheinanderwirbeln. Und er wird es bestimmt nicht wagen, den Verlust anzuzeigen. Jemand könnte ihn fragen, warum wir dreitausend Franken mitgenommen und den ganzen Rest liegengelassen haben.«
Andy lachte leise, zählte dreitausend Franken ab und stopfte sie achtlos in die Jackentasche. Travi lächelte noch immer über seinen Einfall. Er war oft auffallend guter Laune, während ein Bruch lief. Andy glaubte den Grund dafür zu kennen. Travi hielt sich für eine Art moderner Robin Hood, wenn auch mit einer Einschränkung. Er bestahl nur die, die andere bestahlen, aber die einzigen Bedürftigen, an die er seine Beute verteilte, waren natürlich Andy und er selbst. »Okay, machen wir zu.« Travi gab ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, daß sein Teil der Arbeit beendet war und er zurücktreten sollte. Aber Andy zögerte. Es war nicht der erste Safe, den er zusammen mit Travi leerräumte, aber sie hatten noch nie eine so reiche Beute verschmäht wie jetzt. Der Gegenwert dessen, was da im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nahe vor ihnen lag, reichte möglicherweise für ein ganzes Leben.
»Tut weh, nicht?« sagte Travi. Andy sah ihn verstört an, bis er überhaupt begriff, was er meinte. »Mir geht es ganz genauso«, fuhr Travi fort. »Jedes Mal. Aber es ist besser so, glaub mir.« Er machte eine auffordernde Geste. »Faß es ruhig an. Aber leg es zurück.«
Andy zögerte. Er war nicht sicher, ob Travi im Ernst sprach oder sich über ihn lustig machte. Aber dann sah er den sonderbaren Ausdruck in den Augen seines Partners und begriff, daß Travi nur zu gut verstand, was in ihm vorging. »Ich habe einmal mehr als zwei Millionen liegengelassen«, sagte Travi. »Ich rede mir bis heute ein, daß es richtig war. Und ich bin bis heute nicht sicher.« Andy griff in den Safe und entnahm ihm ein platingefaßtes Collier, dessen Wert er nicht einmal zu schätzen wagte. Es fühlte sich seltsam an, kühl und glatt und schwer, auf eine Weise, die Andy schaudern ließ. Erst nach einer Weile begriff er, was es wirklich war, das er fühlte. Es war die Verlockung. Die Aussicht auf ein Leben ohne Angst, auf ein Leben in Luxus und Wohlbefinden, ohne Furcht vor dem nächsten Tag, ohne erschrockenes Zusammenfahren bei jeder Sirene, ohne ein schlechtes Gewissen beim Anblick jeder Uniform, ohne die beständig nagende Furcht, eines Tages vielleicht den Falschen zu bestehlen oder durch irgendeinen dummen Zufall erwischt zu werden.
»Es wäre genug, um Schluß zu machen«, sagte er. »Für dich. Ich will nichts davon.« Seine Worte waren ehrlich gemeint, und er sah, daß sie Travi wie Pfeile trafen. Es dauerte lange, endlos lange, bis er antwortete.
»Leg es zurück.«
Andy verspürte ein vages Gefühl von Enttäuschung, obwohl er nichts anderes erwartet hatte. Und trotzdem, das spürte er, hatten die letzten Sekunden ihre Beziehung entscheidend verändert. Von jetzt an waren sie Freunde, nicht nur Männer, die sich zufällig kennengelernt hatten und zufällig der gleichen, verbotenen Beschäftigung nachgingen.
Als er das Collier zurücklegte, erschien das Licht. Andy fuhr so erschrocken zusammen, daß er das Schmuckstück um ein Haar fallen gelassen hätte, und auch Travi richtete sich kerzengerade auf. »Verdammt!« keuchte Andy. »Der Alarm! Ich muß den Alarm ausgelöst haben!«
Er wollte aufspringen, aber Travi hielt ihn mit einer raschen Bewegung zurück. »Warte!« sagte er. »Das ist nicht die Alarmanlage!« Seine Stimme klang flach.
»Was denn sonst?« fragte Andy, obwohl er wußte, daß Travi recht hatte. Das Licht, das hinter ihnen angegangen war, gehörte nicht zur Alarmanlage des Gebäudes. Die hatte Travi zuverlässig ausgeschaltet. Im Grunde hatte Andy ein Licht wie dieses überhaupt noch nie gesehen.
Es begann mit einer Farbe, ein sehr helles Weiß, in das sich etwas zwischen Blau und einem undefinierbaren Grün gemischt hatte. Das Licht kam aus keiner bestimmbaren Quelle, sondern war einfach da, ohne klare Grenze in der Dunkelheit. Es war unvorstellbar hell, und es wurde immer noch heller, ohne die beiden Männer auch nur im geringsten zu blenden. Winzige rote, blaue und orangefarbene Sterne schwammen darin, tauchten auf und erloschen oder umtanzten einander wie spielende Elfen. Es war, als blicke er auf ein komplettes, fremdes Universum herab, erfüllt von nichts anderem als Licht und Fröhlichkeit und spielerischer Bewegung.