Выбрать главу

Dann hörten sie das Geräusch, einen sphärischen, unwirklichen Klang von berauschender Schönheit, und im gleichen Augenblick begriffen sie, daß sie einen Blick in den Himmel warfen. Das Licht durchdrang die beiden, füllte sie aus bis in die letzte Faser ihrer Körper und ihrer Gedanken und tauchte sie in ein Gefühl des Friedens und der Geborgenheit, wie sie es nie zuvor im Leben kennengelernt hatten. Obwohl sehr mild, war dieses Licht zugleich doch auch Feuer, das etwas in ihnen ergriff und verzehrte. Aber es war ein reinigendes, läuterndes Feuer, eine Katharsis, die nur das Schlechte, den Schmerz und den Zorn aus ihnen herausbrannte und sie gereinigt und gestärkt zurückließ.

Keiner von ihnen konnte hinterher sagen, wie lange es gedauert hatte: Minuten oder Ewigkeiten. Es spielte auch keine Rolle. Das war nicht mehr die Art von Fragen, die irgendeine Bedeutung für sie hatten. Irgendwann verblaßte das Licht und erlosch dann ganz, aber die Dunkelheit erschreckte Andy nicht mehr, denn nun war in ihm ein Licht, das ihn erhellte und ihm Kraft gab und ihn zugleich unangreifbar für jede Angst und jede Versuchung machte.

Wortlos griff er in seine Jacke, nahm sowohl das gestohlene Geld als auch die beiden Beutel mit den Rohdiamanten heraus und legte beides zurück. Travi half ihm, alles so zu arrangieren, daß niemandem auffallen würde, daß der Safe geöffnet worden war. Dann schloß er sorgsam die Tür, verstellte die Kombination und stand auf.

Sie sprachen kein Wort, während Andy Travi dabei half, sein Werkzeug einzusammeln und die Kontaktdrähte zu entfernen, mit denen sie die Alarmanlage außer Gefecht gesetzt hatten. Es war auch nicht notwendig. Sie wußten beide, was der andere fühlte und dachte, denn sie waren beide durch das gleiche, reinigende Feuer gegangen, dessen Kraft sie von nun an für den Rest ihres Lebens erfüllen sollte. Bevor sie das Geschäft verließen, stellte Travi die Tasche mit seinem Werkzeug in eine Ecke, wo sie am nächsten Morgen gefunden werden würde, wie etwas, das jemand dort versehentlich vergessen hatte. Er brauchte sie nicht mehr.

Andy zog die Tür achtlos hinter sich zu. Sie rastete mit einem hörbaren Laut ein, und ein zweiter, unhörbarer Laut löste im gleichen Moment auf der Polizeiwache zwei Kilometer entfernt den Alarm aus, denn Travi hatte sich nicht mehr die Mühe gemacht, den entsprechenden Kontakt zu überbrücken. Auch das spielte keine Rolle mehr. Langsam und ohne Hast wandten sie sich nach links, dem hell erleuchteten Herzen der Stadt zu. Noch bevor sie die nächste Kreuzung erreicht hatten, wurde hinter ihnen Sirenenalarm laut.

Der Streifenwagen holte sie ein, kaum daß sie fünfhundert Meter von dem Juwelierladen entfernt waren. Das samtene Dunkel der Nacht wich dem hektischen Flackern des Blaulichtes. Die Bremsen des Fahrzeuges kreischten, als es mit heulender Sirene an ihnen vorüberjagte und sich dann quer stellte. Die Türen wurden aufgerissen, zwei Polizeibeamte sprangen heraus und legten ihre Waffen auf Andy und Travi an.

»Keine Bewegung! Stehenbleiben und die Hände hoch! Beide!«

Tatsächlich verhielt Andy im Schritt. Aber nur für einen Moment. Dann lächelte er und ging weiter. »Mutter Erde liebt dich, Bruder«, sagte er. »Es ist nicht nötig, daß du mich fürchtest.«

»Stehenbleiben!« rief der Polizist noch einmal. Etwas wie Panik durchdrang seine Stimme. »Noch einen Schritt, und ich schieße!«

»Bruder, ich bitte dich«, antwortete Andy sanft. »Richte nie die Waffe gegen deinen Nächsten.«

Der Polizeibeamte feuerte insgesamt dreimal auf ihn, ehe Andy zu Boden ging. Wie hätte er auch wissen sollen, daß Andy, der mit ausgebreiteten Armen auf ihn zukam, einzig und allein vorhatte, ihn zu umarmen?

10

Zwei grundsätzlich verschiedene Dinge weckten Warstein: eine Frauenstimme, die eine atonale und trotzdem sonderbar wohlklingende Melodie summte, und ein ungleichmäßiges Schaukeln und Rütteln des Wagens. Noch bevor er die Augen öffnete, kam ein dritter Sinneseindruck hinzu: der intensive Geruch nach Kaffee.

Er identifizierte die Stimme als die Angelikas und die Melodie als die gleiche, die er sie schon einmal hatte summen hören. Etwas an dieser Erkenntnis war wichtig, aber er war noch zu träge, um sich der Anstrengung zu unterziehen, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, und so beließ er es dabei, endlich die Augen zu öffnen und sich blinzelnd umzusehen.

Gelbes Zwielicht. Es war noch vor Sonnenaufgang, aber das mußte nicht bedeuten, daß es früh war. Auf dem kleinen Tischchen war ein einfaches Frühstück aufgetragen worden, und Angelika schenkte gerade Kaffee ein. Als sie registrierte, daß er wach war, hielt sie einen Moment inne und lächelte. »Gut«, sagte sie. »Das erspart mir die Mühe, dich zu wecken.«

»Das hast du bereits«, antwortete er. Auf ihren fragenden Blick hin fügte er hinzu: »Dein Lied.«

»Oh«, machte Angelika. »War es so schlimm?«

»Ganz im Gegenteil«, versicherte Warstein hastig. Er unterdrückte ein Gähnen, dann blickte er demonstrativ zum Fenster. Der Wagen schaukelte und bebte noch immer sacht. »Lohmann?« fragte er. Angelika nickte. Sie zog eine Grimasse. »Was tut er da?«

»Das siehst du dir am besten selbst an«, antwortete Angelika ausweichend. Sie seufzte. »Allmählich wird der Bursche mir unheimlich«, sagte sie. »Ich beginne mich zu fragen, ob er ein Genie ist - oder einfach nur bescheuert.«

»Vielleicht genial bescheuert?« schlug Warstein vor. Er lachte kurz. »Im Ernst - was treibt er da draußen?«

»Er frisiert unseren Wagen«, antwortete Angelika mit säuerlichem Gesichtsausdruck. »Wirklich, geh selbst hinaus und sieh es dir an. Und bei der Gelegenheit kannst du ihn gleich zum Frühstück rufen.«

Warstein wurde allmählich wirklich neugierig, aber Angelika wich seinem Blick nun so demonstrativ aus, daß er es vorzog, aufzustehen und zur Tür zu gehen, statt ihr noch eine Frage zu stellen, auf die er keine Antwort bekommen würde. Ein Schwall eiskalter Luft schlug ihm entgegen, als er das Fahrzeug verließ. Warstein blieb stehen, zog schaudernd die Schultern zusammen und atmete ein paarmal tief ein und aus, ehe er weiterging. Er spürte erst jetzt, wie verbraucht die Luft drinnen im Wagen gewesen war, verpestet von Zigarettenrauch und den Ausdünstungen dreier Körper, die die ganze Nacht hindurch darin eingepfercht gewesen waren. Allerdings auch warm. Er fror so heftig, daß er mit den Zähnen klapperte. »Lohmann?« rief er.

»Ich bin hier!« Lohmanns Stimme drang von der anderen Seite des Wagens an sein Ohr. Warstein machte sich frierend auf den Weg dorthin. Etwas stimmte nicht mit dem Wagen, aber er registrierte den Unterschied nur peripher, und er drang nicht wirklich in sein Bewußtsein.

»Na, endlich ausgeschlafen, Sie Murmeltier?« Lohmanns Stimme klang angesichts der frühen Stunde geradezu unverschämt fröhlich, fand Warstein. Er hantierte irgendwo vor ihm in der grauen Dämmerung herum und trug trotz der Kälte nur Jeans und Pullover.

»Nein, ich habe nicht ausgeschlafen«, knurrte Warstein. »Was zum Teufel tun -?«

Er brach ab. Seine Augen wurden groß, als sein Blick zum ersten Mal bewußt auf den Wagen fiel.

»Zufrieden?« Lohmann drehte sich zu ihm herum. Sein Gesicht und seine Hände waren voller schwarzer Sprenkel, und der Rest dieser Farbe befand sich auf dem Wagen.

»Was ... was wird denn das?« ächzte Warstein.

Der Van, der gestern abend noch weiß gewesen war, war jetzt fast schwarz. Lohmann hatte ihn angemalt.

»Jetzt sagen Sie bloß noch, daß es Ihnen nicht gefällt.« Lohmann gab sich alle Mühe, beleidigt zu klingen. »Ich habe mich wirklich angestrengt. Ein kleines Lob wäre gar nicht schlecht.«

Warstein starrte noch immer fassungslos den Wagen an. Er wußte nicht, ob er an seinem oder Lohmanns Verstand zweifeln sollte. »Das ... das ist...«

»Großartig, nicht?« grinste Lohmann.

»...vollkommen bescheuert!« beendete Warstein den Satz. »Sie bilden sich doch nicht wirklich ein, daß Sie damit durchkommen?«