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»Den Preis für die schönste Lackierung werde ich nicht kriegen, ich weiß«, seufzte Lohmann. »Auf der linken Seite habe ich ein bißchen gekleckert, und an der hinteren Stoßstange sind ein paar Rotznasen. Aber sonst...« Lohmann zuckte, noch immer grinsend, die Schultern und wurde dann plötzlich ernst. »Ich weiß, daß es kein Kunstwerk ist, aber ich bin zufrieden.«

»Womit?«

»Mit meiner Idee«, antwortete Lohmann. »Immerhin habe ich etwas getan, während Sie und Ihre Freundin sich in Selbstmitleid geübt haben.«

»Darauf fällt doch nicht einmal ein Blinder herein!« protestierte Warstein. Seine Überraschung begann sich in Ärger umzuwandeln.

»Und warum nicht? Sie suchen einen weißen Ford mit Schweizer Kennzeichen, nicht wahr? Aber wir haben jetzt einen schwarzen Wagen mit italienischen Nummernschildern. Okay, näher als zwanzig Meter sollte man ihm nicht kommen, und ich bete zum Himmel, daß es innerhalb der nächsten beiden Stunden nicht regnet. Aber immerhin erkennen sie uns nicht schon auf ein paar Kilometer oder aus der Luft.«

»Woher stammen die Nummernschilder?« fragte Warstein mißtrauisch.

»Geklaut«, antwortete Lohmann fröhlich. »Genau wie die Farbe. Ich war vorhin unten im Dorf, zwei Kilometer von hier. Ein kleiner Spaziergang am frühen Morgen ist sehr gesund. Sollten Sie auch einmal probieren.«

»Und Sie denken, der Diebstahl fällt nicht auf?«

»Die Farbe bestimmt nicht«, behauptete Lohmann. »Franke wird kaum erfahren, daß jemand in eine Scheune eingebrochen ist - falls es überhaupt jemand merkt.«

»Er ist doch nicht blöd!« antwortete Warstein aufgebracht. »Wenn der Fahrer des Wagens merkt, daß seine Schilder weg sind, und es der Polizei meldet, dann zählen sie ganz schnell zwei und zwei zusammen.«

»Er merkt es aber nicht«, behauptete Lohmann fröhlich. »Wissen Sie, im Dorf standen zwei italienische Wagen. Ich habe ein bißchen Bäumchen-wechsle-dich mit den Nummernschildern gespielt.« Er deutete auf die Stoßstange des Van. »Der Fahrer dieses Wagens hat seine Nummernschilder noch. Oder zumindest die, die sein Landsmann jetzt vermißt.«

»Und Sie glauben, das merkt er nicht?«

»Sehen Sie sich jedesmal Ihre Nummernschilder an, ehe Sie losfahren? Außerdem gehört ein kleines bißchen Risiko dazu, wenn die Sache Spaß machen soll.« Er schürzte die Lippen. »Sie sind ein Miesmacher, Warstein, wissen Sie das? Ich verlange ja nicht, daß Sie mir die Füße küssen, aber ein wenig Anerkennung wird man doch wohl erwarten dürfen.«

»Was haben Sie mit der restlichen Farbe vor?« fragte Warstein. »Ich meine, vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Angelika und ich uns auch schwarz anmalen würden. Nach einem Weißen und zwei Negern suchen sie ganz bestimmt nicht.«

»Miesmacher«, antwortete Lohmann. Er klang noch immer geradezu unverschämt fröhlich, und der Umstand, daß es ihm ganz offensichtlich nicht gelang, ihn aus der Ruhe zu bringen, ärgerte Warstein noch mehr. Außerdem mußte er insgeheim zugeben, daß Lohmanns Vorhaben vielleicht doch nicht so verrückt war, wie es im ersten Moment den Anschein hatte. Sicher, der Wagen würde nicht einmal einem flüchtigen Blick aus der Nähe standhalten, geschweige denn einem kritischen. Aber er war nicht mehr das, wonach Frankes Leute Ausschau hielten.

»Das Frühstück ist fertig«, knurrte er. »Ich bin eigentlich nur gekommen, um Ihnen das mitzuteilen.«

»Fünf Minuten, okay?« Lohmann schwang schon wieder seinen Pinsel. »Ich mache das hier fertig. Die Farbe muß eine Stunde trocknen, ehe wir weiterfahren können. Laßt mir eine Tasse Kaffee übrig. Und beten Sie, daß es nicht zu regnen anfängt.«

Warstein hatte es plötzlich eilig, in den Wagen zurückzukommen - und nicht nur, weil er erbärmlich fror. Auch wenn es ihm nicht gelungen war, Lohmanns gute Laune zu erschüttern, so hatte er sich doch wie ein kompletter Idiot benommen. Aber darin, dachte er, hatte er ja hinlänglich Übung.

Angelika blickte ihm fragend entgegen, als er in den Wagen zurückkam und fröstelnd die Hände unter den Achselhöhlen verbarg. »Nun?«

»Kalt«, antwortete Warstein einsilbig.

»Das meine ich nicht. Lohmann. Was sagst du dazu?«

Warstein druckste einen Moment herum. Schließlich zuckte er die Achseln und setzte sich. »Keine Ahnung«, sagte er. »Die Idee ist so abgedreht, daß sie tatsächlich funktionieren könnte.«

»Wahrscheinlich helfen uns sowieso nur noch völlig verrückte Ideen weiter«, pflichtete ihm Angelika bei. Warstein konnte ihr nicht einmal widersprechen. Sie hatte recht. Franke würde jeden auch nur einigermaßen intelligenten Schachzug vorhersehen und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten. Wenn sie überhaupt eine Chance haben wollten, ihn zu übertölpeln, dann vermutlich nur mit etwas vollkommen Widersinnigem.

»Ich verstehe das alles nicht«, sagte Angelika plötzlich.

»Was?«

»Franke«, antwortete Angelika. »Wieso kann er das?«

»Er weiß mehr, als er zugibt«, vermutete Warstein. »Wahrscheinlich weiß er mittlerweile mehr über den Berg als ich.«

»Das meine ich nicht. Ich verstehe nicht, wieso er plötzlich über solchen Einfluß verfügt. Der Mann ist Wissenschaftler, und hier in der Schweiz noch dazu Ausländer! Du weißt, wie pingelig die Schweizer Behörden normalerweise sind, wenn es um ihre Belange geht. Und er schaltet und waltet plötzlich, als ... als gehöre ihm dieses Land! Er scheint über nahezu unbegrenzten Einfluß zu verfügen.«

Warstein schwieg. Natürlich hatte er sich diese Frage auch schon gestellt, und wenn er auch noch keine wirklich befriedigende Antwort gefunden hatte, so doch ein paar, die der Wahrheit zumindest nahekommen mochten. Das Problem war nur: keine davon gefiel ihm. Außerdem hatte er einfach keine Lust mehr, über Mutmaßungen zu diskutieren. Also sagte er gar nichts.

Leider gab Angelika nicht so schnell auf. Sie schenkte ihm einen Kaffee ein, entzündete eine Zigarette und begann den Rauch in kleinen rhythmischen Stößen durch die Nase auszuatmen. Warstein hustete demonstrativ - was Angelika ebenso demonstrativ überhörte - und überlegte einen Moment, sich auf die andere Seite des Tisches zu setzen. Aber er tat es nicht. Der Rauch wäre dann nur in die andere Richtung gezogen, das wußte er aus leidvoller Erfahrung.

»Trotzdem benimmt er sich wie der Hauptdarsteller in einem schlechten Agentenfilm.« Angelika spann den Faden weiter, während ihr Blick auf einen Punkt irgendwo über dem Armaturenbrett fixiert war. »Wenn er also ganz offenbar über solche Macht verfügt, dann kann das nur eines bedeuten - er hat Hilfe. Unterstützung von höchster Seite, wie man so schön sagt. Und das wiederum kann nur bedeuten, daß er in diesem Berg etwas ganz außergewöhnlich Wichtiges gefunden hat.«

»Oder Gefährliches«, sagte Lohmann von der Tür aus. Warstein spürte den eisigen Luftzug, den er mit hereinbrachte, noch ehe er aufsah und Lohmann erblickte. Gesicht und Hände des Journalisten waren gerötet, aber pieksauber. Außer der Kälte brachte er einen derart intensiven Geruch nach Nitroverdünnung mit, daß Warstein instinktiv die Luft anhielt und der Zigarette in Angelikas Hand einen erschrockenen Blick zuwarf, als er näherkam und sich zu ihnen an den Tisch setzte. Aber sie hatten noch einmal Glück. Lohmann fing nicht Feuer und sprengte sie alle in die Luft.

»Ich tippe eher darauf, daß das, was sich in diesem Berg verbirgt, ganz besonders gefährlich ist - oder Franke zumindest so tut, als wäre es das.« Lohmann schnüffelte hörbar, und Angelika beugte sich vor und stellte ihm wortlos eine Tasse hin. Er leerte sie in einem einzigen Zug, fuhr sich genießerisch mit der Zunge über die Lippen und warf der Kanne einen sehnsüchtigen Blick zu, den Angelika aber diesmal ignorierte, so daß er sich schließlich selbst bediente.

»Fertig?« fragte Warstein.

Lohmann trank sehr viel langsamer an seinem zweiten Kaffee und nickte. »Ja. Mit ein bißchen Glück können wir in einer Stunde weiterfahren. Sie müssen mir gleich noch helfen, draußen alle Spuren zu beseitigen.«