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»Muß ich?« fragte Warstein. Der Ton, in dem er diese Frage stellte, fiel ihm selbst auf. Warum war er noch immer so feindselig Lohmann gegenüber? Doch es schien an diesem Morgen nichts zu geben, was die gute Laune des Journalisten beeinträchtigen konnte. Er grinste nur, angelte sich eine Zigarette aus Angelikas Packung und tat sein Bestes, um Warstein nun auch von der anderen Seite her einzunebeln. Er sah auf die Uhr und dann mit sichtlicher Ungeduld zu dem Telefon am Armaturenbrett.

»Er hat noch nicht angerufen«, sagte Warstein. Lohmann blickte ihn fragend an, so daß er nach einer Sekunde hinzufügte: »Franke.«

»Ach, das.« Irgendwie brachte Lohmann das Kunststück fertig, tatsächlich so zu tun, als wüßte er gar nicht, worüber Warstein sprach. »Nein, ich warte nicht darauf, daß unser Gönner und Beschützer anruft. Ich werde ein paar Telefonate erledigen. Und danach wird sich Ihr Freund wundern, wer sich plötzlich alles für ihn und seine Machenschaften interessiert.«

Warstein verzichtete darauf zu antworten. Möglicherweise unterschätzte er ja die Macht der Presse tatsächlich. Aber zum einen war Lohmann nicht die Presse, sondern allenfalls ein zweitklassiger Sensationsjournalist, und zum anderen unterschätzte Lohmann ganz offensichtlich den Einfluß, den Franke mittlerweile gewonnen hatte. Warstein bezweifelte insgeheim nicht einmal mehr, daß es auch in Frankes Macht stand, sie töten zu lassen, wenn er es für nötig erachtete. »Wie sieht es mit dem Benzin aus?« fragte er, im Grunde nur, um das Thema zu wechseln.

»Noch genug für ungefähr hundert Kilometer«, antwortete Lohmann. »Kein Problem. Selbst wenn wir einen Umweg machen und erst viel später wieder auf die Autobahn fahren. Unser Chauffeur war freundlich genug, uns auch einen kompletten Kartensatz dazulassen. Wir kommen an einem Dutzend Ortschaften vorbei, die groß genug für eine Tankstelle sind.«

»Sie kennen die Schweiz nicht«, seufzte Warstein. »Außerdem braucht man Geld, um zu tanken. Haben Sie welches - oder wollen Sie es bei passender Gelegenheit stehlen?«

Lohmann überging die Spitze. »Wir haben mehr als genug«, antwortete er. »Angelika und ich haben Kassensturz gemacht, während Sie geschlafen haben.« Er kramte seine Brieftasche hervor. »Meine Kreditkarte ist zwar gesperrt, aber ich habe noch vier Euroschecks - und Angelika hat sogar sechs. Sobald wir an einem Postamt oder einer Bank vorbeikommen, sind wir wieder flüssig.«

Er klappte seine Brieftasche auf, aber nicht, um Warstein die Schecks zu präsentieren, sondern ein einzelnes Blatt hervorzunehmen. Es war die Zeichnung, die Warstein am vergangenen Abend angefertigt hatte. Aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht wußte, war ihm der Anblick so unangenehm, daß er Lohmann das Blatt am liebsten weggenommen und es zerknüllt hätte.

»Das ist sehr hübsch«, sagte Lohmann, auf eine Art, die sich ehrlich anhörte. »Ich wußte gar nicht, daß Sie so gut zeichnen können.«

»Es gibt eine Menge über mich, was sie nicht wissen«, knurrte Warstein.

»Warum haben Sie es gezeichnet?«

»Warum nicht?« Warstein war plötzlich nervös. Der Anblick der Zeichnung beunruhigte ihn. Er zuckte unwillig mit den Schultern. »Es gibt keinen Grund. Nur so.«

»Nur so ist keine Antwort«, sagte Lohmann. Aber er beließ es dabei und packte das Blatt wieder weg. Erneut sah er auf die Uhr. »Wir haben noch eine gute halbe Stunde. Wie wäre es, wenn wir sie uns damit vertreiben, daß Sie uns auch den Rest der Geschichte erzählen?«

»Sie kennen ihn«, erwiderte Warstein. Er sah nicht hin, aber er spürte, daß auch Angelika sich umgewandt hatte und ihn anstarrte. Plötzlich hatte er das Gefühl, Objekt einer kleinen Verschwörung zu sein. Offensichtlich hatten die beiden mehr als nur Kassensturz gemacht, während er geschlafen hatte.

»Die offizielle Version, ja«, nickte Lohmann. »Aber mich interessiert, was wirklich passiert ist. Es war kein Unfall, nicht wahr?«

»Nein«, antwortete Warstein widerwillig. »Aber es ist...« Er druckste einen Moment herum. »Sie werden mich für verrückt halten, wenn ich es erzähle.«

»Das tue ich sowieso«, antwortete Lohmann grinsend. Aber es war kein echtes Lächeln. In seinem Blick war etwas Lauerndes, von dem Warstein das Gefühl hatte, daß es gar nicht ihm galt. »Die Frage ist nur, ob ich mich auch für verrückt halte, mit euch beiden hier zu sein, oder nicht. Also?«

Er sprach es nicht aus, aber Warstein hörte ganz deutlich das, was er in Gedanken hinzufügte: Außerdem bist du es mir verdammt noch mal schuldig, mir reinen Wein einzuschenken. Immerhin riskiere ich Kopf und Kragen für dich. Vermutlich hatte er recht damit. Und warum auch nicht? Es wurde allmählich Zeit, ihm - und auch Angelika - zu erzählen, worauf sie sich eingelassen hatten.

»Ich schwöre Ihnen, er war tot!« Die Stimme des jungen Streifenbeamten klang ganz so, wie sein Gesicht aussah - müde und erschöpft, mit einem immer stärker werdenden Anteil von Hysterie. Er war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren oder zusammenzubrechen, und Rogler verspürte nicht das erste Mal in den letzten beiden Stunden ein heftiges, ehrlich empfundenes Gefühl von Mitleid.

Er verscheuchte es. Ein Verhör war immer eine unangenehme Sache, für beide, den Verhörten wie den Verhörenden. Rogler gehörte nicht zu jenen Polizisten, denen es Befriedigung oder gar Vergnügen bereitete, jemandem so lange zuzusetzen, bis er zusammenklappte. Und einen Kollegen zu verhören, empfand er als geradezu ekelhaft. Aber es mußte sein. Je eher er sich Gewißheit verschaffte, nun auch wirklich alle Einzelheiten zu kennen, desto eher konnte er den armen Jungen entlassen und nach Hause und ins Bett schicken, wo er hingehörte. Und das schon seit Stunden.

»Vielleicht haben Sie sich getäuscht. Ich meine - Sie waren aufgeregt. Es war dunkel, und vielleicht hatten Sie ja auch ein bißchen Angst?« Franke, der mit vor der Brust verschränkten Armen an einem Aktenschrank neben dem Fenster lehnte, betrachtete den Polizeibeamten mit einem Lächeln, dem jegliche Spur von Wärme abging. Er war vor einer Viertelstunde hereingekommen, hatte den freien Stuhl neben dem Schreibtisch ignoriert und genau dort und genau so Aufstellung genommen, wie er noch jetzt dastand. Rogler ging erst jetzt auf, daß er von seinem Platz am Fenster aus sowohl den Streifenbeamten als auch ihn genau im Auge behalten konnte, ohne selbst direkt gesehen zu werden, solange nicht einer von ihnen den Blick wandte. »Vielleicht haben Sie ihn ja nur verletzt. Oder ganz danebengeschossen.«

»Aus einem Meter Entfernung?«

Franke nahm die Arme herunter, rührte sich aber nicht von der Stelle. »Erzählen Sie mir die ganze Geschichte«, sagte er.

»Aber das habe ich doch schon ein dutzendmal!«

»Mir nicht«, antwortete Franke ungerührt. »Bitte.«

Der Polizist warf Rogler einen beinahe flehenden Blick zu, aber Rogler blieb stumm. Seine Anweisungen waren eindeutig - Franke war der Boß.

»Also gut.« Die Stimme des Beamten klang jetzt nur noch resignierend. Und sehr müde. Er tat Rogler aufrichtig leid, nicht nur wegen des stundenlangen Verhörs, das hinter ihm lag. Jemanden zu erschießen, war eine schlimme Sache; der Alptraum jedes Polizeibeamten, der diese Bezeichnung wirklich verdiente. Rogler selbst hatte noch nie auf einen Menschen geschossen, geschweige denn, jemanden erschossen, aber er hatte es oft genug miterlebt, und er wußte, wie schwer es war, damit fertig zu werden. Manche schafften es nie.

»Wir hatten Streifendienst, Matthias und ich. Wir waren mit dem Wagen unterwegs, als die Alarmmeldung kam, und da wir in der Nähe waren, fuhren wir hin. Ich habe die beiden sofort gesehen. Sie waren noch nahe an dem Juweliergeschäft, aus dem der Alarm gekommen war, und außerdem sehr auffällig gekleidet. Also haben wir angehalten und sie aufgefordert stehenzubleiben. Aber sie sind nicht stehengeblieben.« Er stockte. In seinem Gesicht zuckte ein Muskel, und Rogler sah, wie sich seine Hände so fest um die Armlehnen des Stuhles schlossen, daß das Holz knirschte. »Ich ... ich habe meine Waffe gezogen und sie noch einmal aufgefordert stehenzubleiben. Als sie wieder nicht reagiert haben, habe ich einen Warnschuß abgegeben.«