Das stimmte nicht. Sein Kollege hatte etwas anderes ausgesagt, und Rogler hatte die Dienstwaffe des jungen Beamten vor sich in der Schreibtischschublade liegen. Aus dem Magazin fehlten drei Patronen. Nicht vier. Aber er sagte nichts dazu. Es hatte keinen Sinn, dem armen Kerl noch mehr Ärger zu bereiten. Nicht so, wie die Dinge lagen.
»Und?« fragte er, als der Beamte nicht von sich aus weitersprach, sondern nur aus starr geweiteten Augen ins Leere sah.
»Er ist trotzdem weitergegangen. Der ... der Ältere ist stehengeblieben, aber der Jüngere von beiden ist immer weitergegangen. Kam einfach auf mich zu und lächelte.«
»Und da haben Sie geschossen«, sagte Franke.
»Nicht sofort. Ich habe ihn angeschrieen, er sollte stehenbleiben, oder ich schieße. Aber er hat nicht gehört. Und dann hat er eine Bewegung gemacht, und ich dachte, er wollte mich angreifen, und habe abgedrückt. Dreimal.«
»Und Sie haben getroffen?«
»Ich konnte gar nicht vorbeischießen«, flüsterte der Beamte. »Ich ... mein Gott, ich habe gesehen, wie die Kugeln in seine Brust einschlugen. Er ist zurückgestolpert und gestürzt, und ... und alles war plötzlich voller Blut.« Er kämpfte jetzt sichtlich mit letzter Kraft um seine Beherrschung.
»Vielleicht war er nur verletzt«, sagte Franke. »Woher wollen Sie wissen, daß er wirklich tot war? Ich meine ... Tote stehen im allgemeinen nicht auf und spazieren davon.«
»Er war tot«, beharrte der Beamte. »Ich bin ... neben ihm niedergekniet. Ich wollte ihm helfen, aber dann habe ich sein Gesicht gesehen. Und seine Augen.«
»Was war damit?«
»Sie waren tot. Es war kein Leben mehr darin. Und er hat nicht geatmet.«
»Sie haben sich überzeugt?« fragte Rogler sanft, in ruhigem Ton, ehe Franke die gleiche Frage auf eine Art stellen konnte, die den Streifenbeamten vollends zusammenbrechen ließ.
Ein kaum sichtbares Nicken. »Er hatte keinen Puls. Sein Herz schlug nicht mehr.«
»Und weiter?«
»Ich ... ich weiß nicht, wie lange ... wie lange ich so dagesessen habe. Ich war ... wie vor den Kopf geschlagen. Ich meine, ich ... ich wollte ihn nicht erschießen, aber er hat nicht auf mich gehört, und ich dachte, er wollte mich angreifen, und...«
Es war soweit, dachte Rogler. Noch eine Sekunde, und er würde nur noch als wimmerndes Häufchen Elend dasitzen. »Wir glauben Ihnen«, unterbrach er ihn. »Sie müssen sich nicht verteidigen. Ihr Kollege hat Ihre Aussage voll bestätigt. Sie haben richtig gehandelt. Was geschah weiter?«
»Nach einer Weile ... berührte mich jemand an der Schulter«, antwortete der Beamte stockend. »Ich dachte, es wäre Matthias - mein Kollege. Aber es war ... der andere.«
»Der zweite Mann?« hakte Franke nach.
»Der Ältere, ja. Er ... er schob mich einfach weg. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, und Matthias auch nicht. Er hatte schon einen Krankenwagen angefordert, glaube ich, also ließ ich ihn gewähren. Er hat ... er hat seine Stirn berührt und ... und irgend etwas gesagt. Und plötzlich stand er auf, als wäre nichts geschehen. Ich meine, da ... da war all dieses Blut und diese schrecklichen Wunden, aber er stand einfach auf, lächelte und sah mich an. Und ... und dann sagte er noch, daß Mutter Erde mich liebt und wir alle Kinder der gleichen Schöpfung sind und ich ihn nicht fürchten müsse und daß es an der Zeit wäre, zu mir selbst zu finden.« Er lachte hysterisch. »Genau das hat er gesagt.«
»Der andere Mann, der Ältere«, sagte Franke. »Was genau hat er gesagt, als er den Verletzten berührte?«
»Ich weiß es nicht«, murmelte der Beamte. »Bitte, ich ... ich kann nicht mehr. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Sie sind ... einfach weggegangen. Ganz langsam.«
»Und Sie haben nicht versucht, Sie aufzuhalten? Ich meine, die beiden waren immerhin wahrscheinlich gerade aus dem Juweliergeschäft -«
»Jetzt reicht es aber«, unterbrach ihn Rogler erbost. Er machte eine Handbewegung zu dem Beamten. »Sie können gehen. Nehmen Sie sich zwei Tage frei, aber reden Sie mit niemandem über das, was passiert ist.«
»Moment!« protestierte Franke, doch Rogler wiederholte seine auffordernde Bewegung, und der Polizist erhob sich hastig von seinem Stuhl und ging zur Tür. Bevor er den Raum verließ, wandte er sich noch einmal um und sah Rogler an, auf eine Weise, als gäbe es da doch noch etwas, was er zu erzählen vergessen hatte. Aber dann streifte sein Blick wieder Franke, und er öffnete mit einem Ruck die Tür und stürmte hinaus.
Rogler wartete, bis sie allein waren, ehe er sich mit einer betont langsamen Bewegung zu Franke herumdrehte. »Sie wissen anscheinend nie, wenn es genug ist, wie?« fragte er.
»Und Sie scheinen nicht zu wissen, was wirklich wichtig ist«, antwortete Franke, allerdings in erstaunlich friedfertigem Ton. Er deutete auf die Tür. »Dieser Mann hat uns gerade erzählt, daß vor seinen Augen ein Toter wiederauferstanden ist, und Sie lassen ihn so mir nichts dir nichts nach Hause gehen.«
»Noch eine Minute, und ich hätte ihn nach Hause tragen lassen müssen«, sagte Rogler. »Der Junge stand kurz vor dem Zusammenbruch, ist Ihnen das nicht aufgefallen?«
Franke setzte sichtlich zu einer scharfen Entgegnung an - aber dann zuckte er plötzlich mit den Schultern, stieß sich von seinem Halt ab und kam mit langsamen Schritten um den Tisch herum, um sich auf den gleichen Stuhl zu setzen, auf dem der Beamte Platz genommen hatte. »Wahrscheinlich verstehen Sie mehr davon als ich«, räumte er ein. »Okay, Sie haben recht. Ich entschuldige mich.« Er versuchte ein Gähnen zu unterdrücken, schaffte es aber nicht ganz, und während er die Hand vor den Mund hob, fiel Rogler zum ersten Mal auf, wie erschöpft und müde Franke an diesem Morgen aussah. Trotz seiner tadellos sitzenden Kleidung und der frischen Rasur machte er einen übernächtigten Eindruck. In seinen Augen stand ein wirres Flackern, das er zwar unterdrücken, aber nicht ganz verhehlen konnte.
»Wann haben Sie das letzte Mal geschlafen?« fragte Rogler.
Franke überging die Frage. »Was halten Sie davon?«
»Von der Geschichte?« Franke nickte, und Rogler fuhr nach einer Sekunde des Überlegens fort: »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Sie klingt unglaublich, aber auf der anderen Seite... Ich habe mit dem anderen Beamten gesprochen. Er bestätigt die Schilderung seines Kollegen Wort für Wort. Außerdem war ich da. Der Mann sagte die Wahrheit - es war wirklich eine Menge Blut auf dem Pflaster. Eigentlich mehr, als ein Mensch verlieren kann, wenn er danach noch einfach davonspazieren will. Andererseits stehen Tote nicht einfach so auf und marschieren davon.«
»Vielleicht stand er einfach unter Schock«, überlegte Franke. »So etwas soll vorkommen - daß Menschen schwer verletzt werden und es gar nicht merken.«
»Solche Geschichten werden zwar immer wieder erzählt, aber sie sind einfach nicht wahr«, antwortete Rogler. »Nicht bei so schweren Verletzungen, und nicht bei einem solchen Blutverlust. Und selbst wenn, wäre er fünf Minuten später tot umgefallen.«
»Also doch die wundersame Auferstehung von den Toten?« Franke lächelte schief.
»Ich habe nicht die mindeste Ahnung«, antwortete Rogler ernst. »Und ich weigere mich auch, darüber nachzudenken, was passiert sein mag. Wir haben eine gute Beschreibung der beiden, und wir haben die Werkzeugtasche, die sie in dem Juweliergeschäft zurückgelassen haben, mit jeder Menge wunderschöner Fingerabdrücke. Wir werden sie kriegen. Wenigstens den, der noch lebt.«
»Und wenn nicht?« fragte Franke.
»Wenn nicht«, antwortete Rogler, »schließe ich die Akte und lege sie in den gleichen Schrank, in dem schon einige andere liegen. Die über einen Zug, der in zwei Stunden um zweihundert Jahre altert, zum Beispiel. Oder die über eine Planierraupe, die vor den Augen ihrer Besitzer zu einem Schrotthaufen zerschmilzt.«