Franke war überrascht. »Sie wissen davon?«
»Ich bin nicht blöd«, sagte Rogler ruhig.
»Ich weiß. Wären Sie es, hätte ich Sie nicht zu meinem Assistenten gemacht.«
»Ihrem Laufburschen, meinen Sie«, antwortete Rogler. »Dem Dummkopf, der alles tut, was man ihm aufträgt, und keine lästigen Fragen stellt.«
Franke gähnte. »Sie sind verbittert«, stellte er fest. »Vielleicht sogar mit Recht. Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen alles zu erzählen, ich weiß. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit. Auch wenn Sie enttäuscht sein werden.«
»Lassen Sie es darauf ankommen«, sagte Rogler. »Meine Kooperationsbereitschaft neigt sich allmählich dem Ende entgegen, wissen Sie? Was ist hier los, Doktor Franke? Was geschieht hier?«
Er hatte nicht mit einer Antwort gerechnet, aber einen Moment später sagte Franke leise: »Ich weiß es nicht, Rogler. Nicht mehr. Ich dachte, ich wüßte es, aber jetzt... Es stimmt nicht.«
»Was stimmt nicht?«
»Was passiert«, antwortete Franke. »Was hier vorgeht. In dieser Stadt und mit den Menschen hier. Es paßt nicht zu meiner Theorie.« Er lächelte schmerzlich. »Kennen Sie das Gefühl, Rogler? Sie haben eine Theorie, die ganz wunderbar zu ihrem Problem paßt. Alles scheint zu stimmen, und Sie wollen schon die Hand ausstrecken, um nach der Lösung zu greifen, und plötzlich geschieht irgend etwas, das ihre gesamte wunderbare Theorie über den Haufen wirft?«
»Das kenne ich«, sagte Rogler. »Es ist mir auch schon passiert. Oft sogar. Warum verraten Sie mir nicht einfach Ihre Theorie, und wir denken gemeinsam darüber nach, was daran nicht stimmt?«
»Ich glaube nicht, daß Sie mir helfen können«, antwortete Franke, aber es gelang ihm, die Worte nicht verletzend klingen zu lassen.
»Vielleicht doch«, sagte Rogler. »Ich bin kein Wissenschaftler wie Sie, aber in gewisser Weise ähnelt sich das, was wir tun. Wir beide suchen nach Lösungen für Probleme, die wir manchmal noch nicht einmal kennen.«
Franke überlegte lange und sichtlich angestrengt. Dann sah er auf die Uhr und nickte. »Okay. Ich muß ... ein paar Telefonate führen, aber ich verspreche Ihnen, daß wir uns heute nachmittag unterhalten. Sobald ich zwei, drei Dinge geklärt habe.« Er deutete auf das Telefon. »Darf ich?«
Es dauerte einen Moment, bis Rogler überhaupt begriff, aber dann stand er fast hastig auf. »Selbstverständlich. Ich muß sowieso weg. Einen Hausbesuch machen.«
Franke sah ihn fragend an.
»Der Stadtrat verlangt nach mir«, erklärte Rogler mit einem schiefen Grinsen. »Einige Hoteliers haben sich beschwert, daß ihre Gäste belästigt werden. Anscheinend denkt man im Rathaus, ich hätte nichts Besseres zu tun, als dafür zu sorgen, daß der Fremdenverkehr nicht gestört wird.«
»Strenggenommen haben Sie sogar recht damit«, antwortete Franke. Er streckte die Hand nach dem Telefon aus, zog den Arm dann aber wieder zurück und sah Rogler nachdenklich an. »Was genau haben Sie damit gemeint, ihre Gäste werden belästigt?«
Rogler zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht. Deswegen will ich ja hin. Aber ich nehme an, es sind diese seltsamen Hare-Krishna-Brüder und all die anderen.« Er seufzte tief. »Es kommt mir fast so vor, als ob sich alle Verrückten der Welt ein Stelldichein hier in Ascona geben.« Er dachte einen Moment lang daran, Franke von seinem eigenen Erlebnis mit den Verrückten zu berichten, schwieg aber. Er hatte ein ungutes Gefühl, wenn er an die Szene zurückdachte, aber es war ein Empfinden von seltsam privater Natur, daß er mit niemandem teilen wollte. Mit Franke schon gar nicht.
»Warten Sie«, sagte Franke. »Draußen auf dem Flur, bitte. Ich werde meinen Anruf erledigen, und dann begleite ich Sie.«
Der Tag hatte mit einem Versprechen begonnen, das bis jetzt nicht eingelöst worden war: am Morgen hatte es nach Regen ausgesehen. Die Temperaturen lagen noch immer über dreißig Grad, doch im Laufe des Vormittages hatte sich ein sanfter Wind erhoben, und die Menschen am Berg atmeten spürbar auf. Es war nicht einmal viel kühler als an den vorangegangenen Tagen, aber allein der Umstand, daß es nicht noch wärmer geworden war, stellte bereits eine fühlbare Erleichterung dar.
Saruters Besuch war drei Tage her, bisher hatte Franke die Chance nicht genutzt, Warstein endgültig den Garaus zu machen. Ganz im Gegenteil - am vergangenen Abend hatte er sich in erstaunlich versöhnlicher Haltung gezeigt und Warstein sogar auf ein Bier in die Kantine eingeladen, was Warstein ausgeschlagen hatte. Was Franke anging, betrachtete ihn Warstein mittlerweile aus dem Blickwinkel Homers: er mißtraute ihm - vor allem, wenn er mit Geschenken kam. Trotzdem begann er sich allmählich zu fragen, ob Franke nicht - zumindest teilweise - recht hatte. Nach ihrem Streit und dem Gespräch mit dem Einsiedler war er fest davon überzeugt gewesen, daß irgend etwas Furchtbares geschehen würde. Aber es war nichts geschehen. Weder hatte sich die Erde aufgetan, um sie alle zu verschlingen, noch war ihnen der Himmel auf den Kopf gefallen.
Warstein schloß geblendet die Augen, als er aus der Baracke trat. Es war Mittag. Er war hungrig, und er fühlte sich auf eine wohltuende Art müde. Er war sehr früh aufgestanden, an die Arbeit gegangen, und er war gut vorangekommen. Jetzt freute er sich auf eine gemütliche halbe Stunde beim Essen. Ein wenig überrascht registrierte er, wie hell die Sonne an diesem Tag schien. Der Himmel und die Luft über dem Berg schienen viel klarer als sonst, und der Blick reichte weiter. Außerdem war die Temperatur angenehmer als drinnen. In der Baracke sorgte eine Klimaanlage (die wegen der teuren Computer angeschafft worden war, nicht etwa, um den Mitarbeitern aus Fleisch und Blut die Arbeit zu erleichtern) für eine stets gleichbleibende Temperatur; hier draußen übernahm diese Aufgabe der Wind, auf eine natürlichere und angenehmere Art.
Er zog die Sonnenbrille aus dem Kittel, setzte sie auf und sah nach oben. Irgendwo, weit entfernt, grollte Donner, aber der Himmel über dem Berg war klar. Direkt über ihm standen ein paar Kumuluswolken, aber von dem Gewitter, dessen Grollen er hörte, war keine Spur zu sehen.
Das entfernte Rumoren wiederholte sich, während er den freien Platz vor dem weißgestrichenen Kantinengebäude überquerte. Es war jetzt lauter, aber Warstein wußte, daß das dazugehörige Gewitter bei der für einen Stadtmenschen wie ihn verwirrenden Akustik hier in den Bergen durchaus Hunderte von Kilometern entfernt sein konnte. Die Chancen, daß es einen Zwischenspurt einlegte und den Berg erreichte, ehe sich seine Wut selbst aufgezehrt hatte, waren minimal. Außerdem war er nicht sicher, ob er die drückende Hitze der zurückliegenden Tage wirklich sofort gegen ein Sommergewitter eintauschen wollte. Warstein hatte ein einziges Mal ein Unwetter hier in den Bergen erlebt, und obwohl es zwei Jahre zurücklag, verspürte er wenig Lust auf eine Wiederholung. Damals hatte er geglaubt, daß der Weltuntergang bevorstünde.
Als er sich in die Reihe der Wartenden vor der Essensausgabe einfädelte, entdeckte er Hartmann. Seit der häßlichen Szene mit Franke hatte er nicht mehr mit dem Sicherheitsbeamten gesprochen; was allerdings weniger daran lag, daß Hartmann ihm aus dem Weg gegangen wäre, sondern wohl eher an der Tatsache, daß die Sicherheitsbestimmungen auf der Baustelle auf Frankes Anordnung hin noch einmal verschärft worden waren und Hartmann vor Arbeit kaum mehr aus den Augen schauen konnte. Er sah auch jetzt müde und sehr erschöpft aus. Trotzdem lächelte er, als er Warstein erblickte, und nach ein paar Sekunden des Zögerns gab er seinen Platz ein gutes Stück weiter vorne in der Schlange sogar auf und trat an seine Seite. Warstein erwiderte sein Lächeln, aber er war zugleich verlegen. Er hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, wenn er an Frankes Worte zurückdachte. Die Drohung war ernst gemeint gewesen. So war es auch Hartmann, der das Gespräch eröffnete, nicht er, und auf eine Art, die Warstein verriet, daß ihm die Situation mindestens ebenso unangenehm war wie ihm selbst.