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»Hallo«, sagte er. »Sie wollen es wirklich riskieren?«

»Was?«

»Das Essen.« Hartmann deutete zur Theke, hinter der drei schwitzende Köche im Akkord Teller und Suppentassen füllten. »Heute ist Freitag. Da gibt es immer die Reste vom Vortag.«

»Ich dachte, das hätte es gestern gegeben«, antwortete Warstein.

Hartmann schüttelte mit todernster Miene den Kopf. »Gestern gab es die Reste von vorgestern«, sagte er betont. »Strenggenommen ist also das, was es heute gibt, mindestens schon drei Tage alt. Falls es da nicht schon vom Tag vorher war.«

»Dann wollen wir hoffen, daß es nicht bald wieder anfängt zu leben«, antwortete Warstein. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der Männer vor sich hinweg einen Blick auf das Essen zu erhaschen. Statt dessen begegnete er dem verärgerten Blick eines Kochs. Sie hatten laut genug gesprochen, um auch auf der anderen Seite des Tresens noch verstanden zu werden, und der Mann schien nicht besonders viel Humor zu haben. Warstein zog eine entschuldigende Grimasse und sah rasch weg. Die Tradition, über das Essen zu witzeln, bestand vermutlich so lange, wie es Kantinen gab, aber im Grunde konnten sie sich nicht beschweren. Auch die beste Küche wurde langweilig, wenn man sie drei Jahre lang ununterbrochen genoß.

Die Schlange rückte rasch vor, und obwohl Warstein vorsichtshalber nichts mehr gesagt hatte, fielen seine und Hartmanns Portionen ausgesprochen mager aus. Er beschwerte sich nicht, sondern beeilte sich im Gegenteil, einen Platz an einem freien Tisch am Fenster einzunehmen. Hartmann gesellte sich zu ihm. Sie aßen schweigend, aber Warstein spürte, daß Hartmann nicht grundlos an seinem Tisch saß; so wenig, wie er aus purer Höflichkeit zu ihm gekommen war. So, wie die Dinge lagen, wäre er es ihm vermutlich schuldig gewesen, das Gespräch zu eröffnen. Aber er fühlte sich immer noch ein wenig unbehaglich, und so beendeten sie ihre Mahlzeit wortlos.

Erst als sie beim Dessert angekommen waren, brach Hartmann das mittlerweile peinliche Schweigen. »Hat er sich wieder beruhigt?«

»Franke?« Warstein zuckte mit den Schultern und versenkte den Blick in seinen Himbeerpudding. »So weit er dazu in der Lage ist, ja - glaube ich. Sicher kann man bei ihm nie sein.«

»Uns setzt er jedenfalls gehörig zu.« Hartmann seufzte tief. »Noch zwei Wochen, und diese Baustelle ist besser abgesichert als Fort Knox. Wußten Sie, daß er versucht hat, scharfe Waffen für die Hundepatrouillen zu bekommen?« Warstein sah überrascht auf, aber er mußte wohl auch ein wenig erschrocken gewirkt haben, denn Hartmann hatte es plötzlich sehr eilig, eine beruhigende Geste zu machen. »Es ist bei dem Versuch geblieben«, sagte er. »Hier gibt es im Umkreis von fünfhundert Kilometern nichts, auf das sich zu schießen lohnt. Und die Behörden hier sehen das wohl genauso.«

»Ein Ziel wüßte ich«, sagte Warstein versonnen.

Hartmann lachte. »Wenn Sie an dasselbe denken wie ich, besorge ich persönlich die Munition.« Er wurde wieder ernst. »Vielleicht liegt es auch nur an der Hitze. Dieses verdammte Wetter macht uns allmählich noch alle verrückt. Waren Sie in den letzten Tagen drinnen im Berg?«

Warstein schüttelte den Kopf.

»Der reinste Backofen«, fuhr Hartmann fort. »Die Jungs dort drinnen tun mir wirklich leid. Ich meine, niemand hat ihnen gesagt, daß sie in einem Mikrowellenherd arbeiten müssen.«

»Sind Sie sicher?« fragte Warstein. »Ich meine - ein Berg heizt sich nicht auf wie eine Wellblechhütte. Normalerweise müßte es dort drinnen eher kalt sein.« Es war zwei Wochen her, daß er den Tunnel das letzte Mal betreten hatte, aber er überprüfte regelmäßig die Meßergebnisse auf seinen Instrumenten, und die Daten hätten ihm verraten, wenn dort drinnen irgend etwas Ungewöhnliches geschehen wäre.

»Ich war heute morgen selbst dort«, versicherte Hartmann. »Schnuckelige vierzig Grad - schätze ich. Ich war froh, als ich wieder draußen war. Na ja - vielleicht gibt es ja bald Regen. Höchste Zeit.«

»Das Gewitter wird uns wohl kaum erreichen«, antwortete Warstein geistesabwesend. Er hatte das Terminal seiner Lasermeßstation vor einer halben Stunde kontrolliert, und die Geräte hatten nichts Außergewöhnliches angezeigt. Hartmann mußte sich irren.

»Welches Gewitter?« fragte Hartmann.

»Haben Sie den Donner nicht gehört?« Warstein riß sich fast gewaltsam in die Wirklichkeit zurück. Er würde den Computer noch einmal alles durchchecken lassen, sobald er zurück war.

»Donner?« Hartmann lachte leise. »Kaum. Aber ich habe vor einer halben Stunde den Wetterbericht gehört - die ganze Schweiz stöhnt unter einer Hitzewelle. Sie müssen sich getäuscht haben.«

Warstein war ziemlich sicher, sich nicht getäuscht zu haben, aber die Sache war es nicht wert, sich darüber zu streiten. Außerdem neigte sich die Pause bereits ihrem Ende zu, und er spürte, daß Hartmann noch etwas auf dem Herzen hatte. »Also?« fragte er geradeheraus. »Was kann ich für Sie tun?«

Hartmann zögerte, zugleich überrascht wie sichtlich verlegen. »Ich habe wohl kein großes Talent zum Schauspieler, wie?« fragte er.

»Vielleicht bin ich einfach nur ein guter Menschenkenner«, antwortete Warstein - was selbst bei optimistischer Betrachtungsweise geschmeichelt war. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er Franke für einen netten Menschen gehalten. Nach einer Sekunde fügte er hinzu: »Nur keine falsche Scheu. Ich bin Ihnen etwas schuldig.«

Hartmann tat ihm nicht den Gefallen zu widersprechen, aber er antwortete auch nicht gleich, sondern nippte an dem alkoholfreien Bier, das er sich zum Essen genommen hatte; nicht um seinen Durst zu löschen, sondern einzig um Zeit zu gewinnen - und sich unauffällig umzusehen. Die Tische in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft waren besetzt, aber die Männer waren allesamt in ihre eigenen Gespräche vertieft. Niemand hörte ihnen zu.

Trotzdem senkte er die Stimme zu einem halblauten Flüstern, als er schließlich antwortete: »Ich trage mich mit dem Gedanken zu kündigen.«

Warstein war kein bißchen überrascht. So, wie Franke Hartmann in den letzten Wochen und Monaten zugesetzt hatte, hatte er eigentlich schon längst damit gerechnet. »Das kann ich verstehen«, sagte er. »Trotzdem sollten Sie eine solche Entscheidung nicht vorschnell treffen. Es ist ein guter Job, trotz allem. Und er wird sehr gut bezahlt.« Konkret hatte er keine Ahnung, was Hartmann verdiente, und es interessierte ihn auch nicht besonders. Aber sie wurden alle übertariflich bezahlt. Dazu kamen noch diverse Zuschläge und Prämien, so daß die meisten Männer hier fast mit dem Doppelten dessen nach Hause gingen, was sie normalerweise für eine vergleichbare Arbeit hätten erwarten können. Hartmann machte da sicher keine Ausnahme.

»Ich weiß«, sagte Hartmann. »Und außerdem bin ich nicht mehr der Jüngste. Es ist fraglich, ob ich überhaupt noch einmal so einen Job bekomme.«

»Das Schlimmste haben wir hinter uns«, sagte Warstein. »Und Franke wird sich schon wieder beruhigen.« Warum überredete er Hartmann eigentlich hierzubleiben? Tief in sich spürte er, daß Hartmanns Entschluß, die Baustelle zu verlassen, das einzig Vernünftige war. Sie alle sollten von hier weggehen; und das schnell und so weit weg wie nur möglich.

»Es geht nicht um Franke«, sagte Hartmann.

»Nicht?«

Hartmann lächelte. »Wissen Sie, Herr Warstein, ich habe in meinem Leben eine Menge Frankes kennengelernt. Es gibt sie überall. Glauben Sie mir, es ist vollkommen gleich, wohin Sie gehen - es findet sich fast immer jemand, der glaubt, den Chef herauskehren zu müssen. Franke ist vielleicht ein bißchen unangenehmer als die meisten, aber um mich zu vergraulen, reicht das noch lange nicht. Ich habe etwas, was den meisten wie ihm abgeht - Geduld. Ich warte einfach ab. Meistens dauert es nicht einmal lange, bis sie sich mit dem Falschen anlegen und den kürzeren ziehen oder sich selbst ein Bein stellen und auf der Nase landen. Franke ist nicht der Grund.«