Выбрать главу

»Was dann?« fragte Warstein.

Hartmann zuckte die Achseln und begann mit dem Fingernagel die Ränder des Etiketts seiner Bierflasche nachzuzeichnen. »Das alles hier«, sagte er, noch leiser als bisher und in fast verlegenem Ton. »Es ... es macht mir angst. Manchmal stehe ich morgens auf und habe das Gefühl, belauert zu werden, und manchmal wache ich nachts auf und spüre, daß da draußen ... irgend etwas ist.« Er lächelte nervös. »Albern, nicht?«

»Keineswegs«, antwortete Warstein. Ob er ihm erzählen sollte, daß es ihm ganz genauso erging? Besser nicht. Bestenfalls würde Hartmann annehmen, daß er das nur sagte, um ihn zu beruhigen.

»Ich war schon auf vielen Baustellen. Kleinen, großen, guten, schlechten ... aber das hier...« Er seufzte, setzte seine Bierflasche an und stellte erst dann fest, daß sie leer war. »Irgend etwas hier ist unheimlich. Manchmal frage ich mich, ob dieser verrückte Alte, der da oben auf dem Berg haust, nicht recht hat.«

»Das hat er ganz bestimmt«, antwortete Warstein. »Aber vielleicht anders, als er glaubt. Ich denke auch, daß es falsch ist, was wir hier tun.« Er lächelte, als er Hartmanns überraschten Gesichtsausdruck bemerkte. »Vor drei Jahren, als Franke mir diesen Job angeboten hat, da hielt ich es für eine großartige Sache. Aber mittlerweile bin ich nicht mehr sicher.«

Das kam der Wahrheit nur entfernt nahe. Tatsächlich hatte er sich längst entschlossen, etwas wie das hier nie wieder zu machen. Er würde sich nicht die Haare lang wachsen lassen und in eine einsame Hütte am Amazonas ziehen, aber es gab auch in der Industrie genug andere Jobs, in denen ein Mann mit seinen Fähigkeiten gebraucht wurde. Ganz gleich wie diese Geschichte ausging, eines hatte er gelernt: man konnte die besten Absichten haben und trotzdem unermeßlichen Schaden anrichten.

»Waren Sie nicht der junge Wissenschaftler, der mir stundenlang davon vorgeschwärmt hat, wie großartig dieses Projekt doch ist?« fragte Hartmann.

»Genau der«, gestand Warstein. »Aber man lernt aus Fehlern, nicht wahr? Wissen Sie was - ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir beißen beide die Zähne zusammen und halten das letzte Jahr noch durch, und anschließend sehen wir uns gemeinsam nach einem neuen Job um.«

Auch das war bestenfalls eine fromme Lüge und nicht einmal besonders überzeugend. Mit Ausnahme der Tatsache, daß sie für die gleiche Firma arbeiteten und den gleichen Intimfeind hatten, hatten sie wenig miteinander gemein. Ihre Wege würden sich trennen, sobald dieses Projekt abgeschlossen war, und Warstein konnte gar nichts für Hartmann tun; es sei denn durch einen reinen Zufall. Aber Hartmann begriff die gute Absicht hinter diesen Worten und lächelte dankbar.

»Überschlafen Sie es«, sagte Warstein. »Und danach unterhalten wir uns noch einmal. Man muß nicht immer gleich zum drastischsten Mittel greifen, finde ich.« Erneut fragte er sich, warum er Hartmann eigentlich mit aller Macht von seinem Entschluß abzubringen versuchte. Obwohl er diesen Mann kaum kannte, empfand er doch ein fast absurdes Verantwortungsgefühl. Ein Job war nicht nur ein Job. Hartmann hatte eine Familie zu versorgen, und er hatte es ja gerade selbst gesagt: es war fraglich, ob er jemals wieder ein solches Angebot bekam; nicht in seinem Alter, und nicht mit dem Zeugnis, das Franke ihm ausschreiben würde.

Bevor Hartmann antworten konnte, rollte das Echo eines fernen Donnerschlages von draußen herein. Warstein sah überrascht auf und blickte aus dem Fenster. So weit er erkennen konnte, war der Himmel noch immer wolkenlos und von einem schon beinahe kitschigen Blau.

»Was ist?« fragte Hartmann.

»Nichts«, antwortete Warstein. »Aber ich hätte die Wette gewonnen - wenn wir gewettet hätten.«

»Welche Wette?«

»Ob es regnet. Anscheinend kommt das Gewitter doch schneller, als ich dachte.«

»Gewitter?« Hartmann versuchte, an ihm vorbei einen Blick aus dem Fenster zu werfen. »Tut mir leid, aber ich sehe nichts.«

»Sie müssen den Donner doch eben gehört haben«, erwiderte Warstein, und wie um ihm recht zu geben, rollte ein zweites, lang nachhallendes Grollen über die Berge.

»Ich höre nichts«, behauptete Hartmann.

Warstein suchte aufmerksam in seinem Gesicht nach irgendeiner verräterischen Spur, aber da war kein Spott, kein unterdrücktes Lächeln. Entweder war Hartmann ein ausgezeichneter Schauspieler, oder er hatte tatsächlich nichts gehört. Allerdings - wenn es so war, dann waren wohl auch alle anderen hier mit Taubheit geschlagen. Warstein sah sich rasch in der Kantine um. Niemand blickte zum Fenster. Niemand hatte sein Gespräch unterbrochen.

»Vielleicht ... habe ich mich getäuscht«, sagte er zögernd. Das hatte er ganz bestimmt nicht. Aber er war plötzlich nicht mehr ganz sicher, daß es wirklich Donner gewesen war. Der Laut hatte irgendwie ... bösartig geklungen. Wie das Echo von etwas Schlimmem, das näher kam.

Bevor sie das Gespräch fortsetzen konnten, ging die Tür auf, und Franke kam herein. Er trug den gleichen, weißen Kittel wie Warstein und die anderen technischen Angestellten und schwenkte einen Stapel mit Computerausdrucken. Das Lächeln auf seinem Gesicht erfüllte Warstein schon wieder mit einer unangenehmen Vorahnung.

Er sollte recht behalten. Franke erblickte ihn und Hartmann schon von weitem und durchmaß den Raum mit weit ausgreifenden, schnellen Schritten, wobei er die Papiere in seiner Rechten schwenkte wie eine Kriegsfahne. Sein Lächeln war eigentlich gar kein richtiges Lächeln, sondern etwas wie das Grinsen eines Raubtieres, das seine Beute wehrlos und in bequemer Reichweite vor sich entdeckte.

»Störe ich beim Essen?« fragte er, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, ohne eine entsprechende Aufforderung oder gar eine Antwort auf seine Frage abzuwarten. Warstein deutete ein Kopfschütteln an, während Hartmann vielsagend an ihm und Franke vorbei aus dem Fenster blickte.

»Na ja, die Pause ist sowieso gleich vorbei.« Franke legte seinen Papierstapel vor sich auf den Tisch. »Die zehn Minuten werden Sie mir verzeihen, denke ich. Ich habe hier ein paar Daten, die Sie interessieren dürften.«

»So?« fragte Warstein einsilbig.

»Ich habe gerade noch einmal die Meßergebnisse gecheckt, nur routinemäßig.« Franke fuhr vollkommen unbeeindruckt fort, aber das verräterische Glitzern in seinen Augen wurde stärker.

»Sie entschuldigen mich?« sagte Hartmann. Er stand auf und räumte sein und Warsteins benutztes Geschirr auf das Tablett. »Die Arbeit ruft.«

»Wenigstens einer, der auf diesem Ohr nicht taub ist«, sagte Franke. Er grinste, aber es reichte nicht aus, um aus der Spitze wieder einen Scherz zu machen. Kopfschüttelnd blickte er Hartmann nach, dann drehte er sich wieder zu Warstein und schob den Papierstapel mit einer demonstrativen Geste über den Tisch. »Auf Seite vier. Schauen Sie, was sich Ihr famoser Laser heute wieder ausgedacht hat.«

Es war so überflüssig, dachte Warstein. Hätte er Franke nur ein ganz kleines bißchen weniger verachtet, dann hätte er ihm jetzt vielleicht gesagt, daß er seinen Bosheiten meistens selbst die Spitze nahm, weil er so maßlos übertrieb. So nahm er die Papiere mit deutlichem Desinteresse entgegen und schlug die bezeichnete Seite auf.

Die nächsten fünf Sekunden verbrachte er in vollkommenem Schweigen. »Das ... das kann nicht sein«, murmelte er schließlich. »Sie müssen einen Fehler gemacht haben.«

»Kaum«, antwortete Franke. Jede Spur aufgesetzter Freundlichkeit verschwand aus seinem Blick und seiner Stimme. »Ich behaupte nicht, daß ich keine Fehler mache, aber in diesem Fall habe ich mich überzeugt. Dreimal.« Er fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum. »Dort steht, was Ihr Computer ausgespuckt hat. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Dann muß es ein Fehler im Terminal sein«, sagte Warstein. »Das ist völlig unmöglich.«